Verstehen Sie Haas? Porno? Pssst, sagen Sie Mama nichts!

Immer mehr Prominente machen ihr Publikum mit Porno-Ästhetik scharf. So steigern sie Quoten, verkaufen Bücher und CDs. Nur ihre Eltern sollen bitte nichts davon erfahren. Für wie blöd halten die ihre Erzeuger eigentlich?

Von Daniel Haas


Die Moderatorin Charlotte Roche hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht. Es heißt "Feuchtgebiete" und macht seinem Titel alle Ehre: Es wird gevögelt wie seit Kinski nicht mehr, die Körpersäfte strömen sturzbachartig, und am Ende weiß man mehr über Hämorrhoiden, als es dem Proktologenverband lieb sein kann. Wer das jetzt schweinisch findet, dem sei zweierlei gesagt: Erstens, Literatur darf vieles (Grenzen erweitern, Tabus brechen). Und zweitens: Ja, es ist schweinisch.

Über 400.000 Mal hat sich das Buch bereits verkauft. Das ist schön, zumal Frau Roche eine nette Zeitgenossin ist, eine Medienschaffende, wie sie sich Kulturträger wünschen; smart, streitbar, amüsant. Regelrecht komisch wird es aber, wenn die Jungautorin sagt: "Ich habe meinen Vater und meine Mutter ganz ernsthaft gebeten, das Buch nicht zu lesen."

Hallo! Medienprofi! Die Eltern müssen es gar nicht lesen, um zu wissen, was drinsteht. Das Buch wurde in zahllosen Interviews, Fernsehsendungen und Artikeln bis in die letzten Körperöffnungen, korrigiere, Textecken hinein referiert. Wie sollen Eltern, insofern sie nicht blind, taub oder in krassester Weise geistig behindert sind, dem entgehen?

Oder sind Charlottes Roches Eltern womöglich Analphabeten? Dann wäre das einer dieser genialen Roche-Gags: "Hey, Mama, und ja nicht das Buch lesen" (Zwinker, zwinker). Mama Roche: "Sehr witzig, Charlotte."

Vorsicht, Internet!

Frau Roche ist kein Einzelfall: Auch Skandalrapperin Rehan Sahin nimmt kein Blatt vor den Mund - und gegebenenfalls auch keines vor bestimmte Körperteile. Nach deftigen Rap-Songs kommt Ende der Woche ein Spielfilm mit ihr ins Kino, Sehan spielt eine Prostituierte. "Es gibt eine Hardcore-Bettszene, und ich will nicht, dass mein Vater das sieht", sagte die HipHopperin in einem Interview.

Ich will jetzt nicht den Teufel an die Wand malen, aber was ist, wenn Papa Sahin das so genannte Internet schon mal benutzt hat? Und, ganz Ego-Google-mäßig, den Namen seiner Tochter eingibt? Wird er dann, angesichts einer Vielzahl heftigster Porno-Raps und expliziter Videos nicht sagen: Töchterchen, was ist eigentlich das Problem mit einer Bettszene im Kino?

Offenbar glauben die neuen Kulturgirlies, dass die Abgrenzungsdynamik, die Junge das Gegenteil der Alten machen lässt, auch umgekehrt funktioniert. "Unsere Kleine macht in Medien, ab heute für mich nur noch Faksimile-Ausgaben von Goethe und live gespielte Kammermusik!" Ich glaube nicht, dass das so läuft. Eltern sind ja oft auf eine hinterhältige Weise modern, laden sich heimlich HipHop-Songs herunter und fragen dann scheinheilig: Snoop Dogg, ist das nicht dieser Westküsten-Rapper mit einem Hang zu Selbstdekonstruktion und Porno-Ästhetik?

Gefährliche Hund-Propaganda

Natürlich ist der Wunsch nach familiärem Wohlwollen verständlich. Überhaupt: Wer hat schon gern Stress mit der eigenen Mischpoke? Der härteste Hund nicht, weshalb auch besagter Snoop Dogg seinen Kindern verschweigt, dass er Pornos produziert und Zuhälter war.

Fragt sich nur, welches Kind über drei Jahren nicht weiß, dass es in Snoop-Dogg-Videos mehr nackte Brüste und Hintern gibt als an einem FKK-Strand im Sommer. Schleichen die Klassenkameraden von Snoops Kindern um ihre Freunde herum, krampfhaft bemüht, sich nicht zu verplaudern? "Schon das neue Snoop-Video gesehen? Alter, sonne Dinger!" - "Pssst, nicht jetzt (verstohlener Blick hinüber zum kleinen Snoop Dogg). "Reden wir lieber über die Mathe-Aufgaben."

Selbst Madonna ist nicht gegen solche familiär bedingten Beklemmungen gefeit: Angesprochen auf ihren legendären Griff zwischen die Beine, sagte sie: "Diese Geste ist ein Witz, und mein Vater ist nicht allzu glücklich damit." Madonna! Jede Menge Leute sind nicht glücklich damit: die christliche Rechte, die Abtreibungsgegner, die radikalen Muslime, die gemäßigten Muslime, die Feministinnen, Teile der Postfeministinnen, Tipper Gore. Und die Queen of Pop? Macht sich Sorgen um ihren Vater!

Aber so sind wir vermutlich alle: Wir halten unsere Eltern für ein bisschen blöd - und sind uns deshalb nicht zu blöd, ein nationales oder sogar weltweites Publikum um Diskretion zu bitten.

Wenn demnächst mein erstes Buch - eine pornografische Gewaltorgie über einen Krieg zwischen einem Rapper und einer Autorin - erscheint, gibt es als erstes einen Artikel auf dieser Website: "Es ist harter Stoff", wird da stehen. "Aber bitte sagen Sie nichts meiner Mutter."



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