Verstehen Sie Haas? Viagra für die erotische Literatur

Aus der Schweiz erreicht uns der Mahnruf: Die erotische Literatur der Deutschen ist am Ende! Zu angepasst, zu verlogen, zu narzisstisch. Lassen wir das auf uns sitzen? Natürlich nicht. Ein Ratgeber für schamlose Autoren.

Von Daniel Haas


Pornofilme gehen nicht. Zu öde, zu brutal. Und die Dialoge erst - reden wir über was anderes. Dann vielleicht Striptease, Varieté, Burleske? Vorletztes Jahrhundert gern, aber heute? Wo sich selbst Dita Von Teese für den Grand Prix auszieht? Subtil ist was anderes.

Eine gewisse Offenheit muss schon sein - Sharon Stone in der Rolle der sexuell versierten Autorin Catherine Tramell ("Basic Instinct") weiß das
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Eine gewisse Offenheit muss schon sein - Sharon Stone in der Rolle der sexuell versierten Autorin Catherine Tramell ("Basic Instinct") weiß das

Blieb eine Zeitlang wenigstens die erotische Literatur. Henry Miller für die Raffiniert-Manischen, Charles Bukowski für die Proletarisch-Provokanten, Anaïs Nin für die "Bilitis"-Weichzeichner-Fraktion.

Aber jetzt hört man aus der Schweiz: Das Genre ist am A****, also dort, wo sich "Feuchtgebiete", der maßgebliche sexuelle Text des frühen 21. Jahrhunderts, abspielt.

Die "NZZ"-Autorin Dorothea Diekmann macht in einem Artikel kurzen Prozess, vor allem mit den deutschen Erotikschreibern. Es herrsche eine "ranzige Mixtur aus verschwitztem Snobismus, etwas Frühlingserwachen und verklemmter Verruchtheit".

Ausgezogen, um zu nerven

Trotz Sadomaso und Promiskuität sei das heterosexuell monogame Paradigma nach wie vor maßgeblich: "Auch die neue Generation exerziert für den Ernstfall der großen Liebe."

Beim Rundgang durch die Literatur der letzten Jahre kriegt auch die sogenannte Fräuleinwunder-Literatur der Neunziger ihr Fett weg. Julia Franck, Tanja Dückers, alles Denunziantinnen der Weiblichkeit, die Autorinnen und Leserinnen dem Spott aussetzen.

"Feuchtgebiete" schließlich firmiert für Diekmann unter "Weibchenoffensive", eine Apotheose der Körpersäfte, die letztlich aber auf das Scheitern jenes Gefühls hinausläuft, "das von der trivialen Semipornografie ohnehin verhöhnt wird: Liebe".

Charlotte Roches Buch ist also ein nihilistisches Projekt mit erschreckender Signalfunktion: "Dass Millionen junger Leserinnen in einer autistischen Körpertechnologie Befreiung finden, bedeutet Alarm."

Den hat dann wenigstens Sybille Berg geschlagen - nach Diekmann eine der wenigen Autorinnen, die das Dilemma auf den Punkt bringen kann: "Alles arme Schweine", wird Berg zitiert. "Da denken sie, sie könnten über ihr Leben bestimmen. Das kann doch keiner. Der Wille ist so etwas wie Hoffnung: ein Märchen zum Durchhalten."

Zäher Verkehr

Diese Diagnose ist erschütternd: Die erotischen Texte der Gegenwart sind a) zu brav und angepasst, gerade weil sie versuchen, Tabus zu brechen, die keine mehr sind. B) Sie träumen von einer Kitschfassung der Liebe, die eigentlich auf eine ökonomisch-ästhetische Zurichtung von Frauen hinausläuft. C) Wenn sie dann doch nonkonformistisch sind - siehe "Feuchtgebiete" -, kündigen sie soziale Verträge auf und erheben einen destruktiven Narzissmus zum Stilprinzip.

Alle diese Vorwürfe sind so wahr, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache um die literarische Emanzipation der Frauen, ja um die Befreiung der Geschlechter von ideologischen Zwängen überhaupt. Wie aber könnte eine erzählerisch integre, ästhetisch raffinierte Literatur dann aussehen?

Zu a) Die Texte müssen krass sein, aber nicht auf die billige Tour. Da alle Tabus schon bei Oliver Geissen entsorgt wurden, muss eine neue Art der expliziten Sexualdarstellung her.

Unanständig unabhängig

Gang-Bang, Tiere, Flagellation: alles angepasster Mist. Man muss die erotische Erzählung mit den aktuellen Problemen der Weltgesellschaft aufladen. Denkbar wäre eine Story über sadistische Investmentbanker, die Cybersex mit Insolvenzopfern haben. Oder eine Orgie im KaDeWe mit Gewerkschaftern, die allesamt Ackermann-Masken tragen. Das Ganze gibt es dann später auch auf DVD, sowohl bei Hugendubel als auch bei Beate Uhse.

Zu b) Es darf unter gar, gar keinen Umständen der Eindruck erweckt werden, es werde hier für bürgerliche Normen gejuckelt. Schön wären Sexszenen, in denen säuische Praktiken gegengeschnitten werden mit den Bewussteinsströmen der Akteure.

Beispiel: "'Ich bleibe Single, so gut und schmutzig das hier auch ist', dachte sie, während er mit einem Rittberger in die Lotusstellung zurückschnellte, mit der Linken sich an den Whirlpoolrand klammernd, die Rechte in obskurer Verdrehung, die - nachdem eine Gruppe Lakaien die Kerzen entzündet hatte - ein Schattenspiel kopulierender Körper auf Zimmerdecke und Wände warf."

Stöhnen wir zurück!

Zu c) Selbstbezogenheit ist keine Lösung. Immer nur an den eigenen Körperteilen herumgnibbeln wie die Heldin der "Feuchtgebiete", das ist triste. Außerdem kann man anderen nicht mal schnell die Hand schütteln oder eine Wimper aus den Augen entfernen.

Hygienisch und kommunikativ müssen die literarischen Szenarien der Zukunft deshalb sein. Als Setting kehrt die seit den Neunzigern irgendwie aus der Mode gekommene Werbeagentur zurück. Weiße schlichte Büros, die die Reinigungsfachkräfte aus Schwellenländern keimfrei zurückgelassen haben.

Dort finden große Beischlaf-Meetings von Kreativarbeitern statt. Womöglich ist es ein Firmen-Network, andere Standorte werden per Video zugeschaltet, das hätte dann einen medienkritischen, selbstreflexiven Effekt. Ein Erzähler könnte hier in anspruchsvoller Weise die Lust an der Mehrwerterzeugung mit der physischen Enthemmung vermitteln.

Ich hoffe, diese Vorschläge helfen der heranwachsenden Autorengeneration, das Problem der erotischen Literatur in Deutschland zu lösen. Wenn es hämisch aus der Schweiz herübertönt, sollten wir anständig zurückstöhnen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Fritz Katzfuß 11.06.2009
1. Unsinn
Bitte folge keiner dem Sysop. Nichs ist überflüssiger und langweiliger als Romane die Marcel Reich-Ranicki gefallen.
harm ritter 11.06.2009
2. Stöhnen ist Silber, Schweigen ist Gold
Wofür brauchen wir all diese detailversessenen Sexszenen in den Filmen und Büchern überhaupt? Die wenigsten Autoren können gut über Sex schreiben. Miller konnte es, Djian auch, Roth ebenfalls, wie man hört -- na gut. Bei Bukowski wurde es schnell schmierig. Mich nervt dieses angeblich so fortschrittliche und aufgeklärte Getue eher. Heute bin ich froh, wenn ein Autor mal weiß, wo er einen Absatz lassen kann, oder wenn einem Regissseur bekannt ist, wie man einen gekonnten Schnitt setzt. Manchmal sagt das Nichts eben mehr als tausend Worte.
Ephemeris 11.06.2009
3. ähm...
ähm...wenn intressiert das bitte wenn sich die beschweren?
Wieland Jürgens, 11.06.2009
4. pseudo-intellektueller Schwachsinn
Selten so einen pseudo-intellektuellen Schwachsinn gelesen. Der Autor sollte vielleicht mal wie zu Zeiten der chinesischen Kulturrevolution auf die Felder gehen und Spargelstechen oder Erdbeeren ernten helfen bevor er seine kostbare Lebenszeit mit so einem Unsinn vergeudet.
lejeu 11.06.2009
5. Aus der Schweiz?
Wenn eine deutsche Autorin in einer internationalen, deutschsprachigen Zeitung, die zufällligerweise in der Schweiz erscheint, eine Kritik an zeitgenössischer deutscher Literatur veröffentlicht, dann prangern sie das als Angriff aus der Schweiz an. Was soll das? Wollen sie mal wieder an irgendwelchen Ressentiments rütteln?
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