Verstehen Sie Haas? Wir sind doch keine Sexarbeiter!

Früher genügte es als Mann, reich, mächtig oder berühmt zu sein. Jetzt muss man es auch noch im Bett draufhaben. So steht's in aktuellen Umfragen. Da fragt man sich natürlich: Hört der Stress denn niemals auf?

Von Daniel Haas


Gleich mal eine goldene Regel vorneweg: Man soll als Mann keine Umfragen lesen, in denen Frauen über Männer ausgehorcht werden. Ich sage ganz bewusst ausgehorcht, weil Frauen im Allgemeinen rücksichtsvoll, gelassen und mit der gebotenen Nachsicht über den xy-Chromosomenträger reden.

Was Männer alles aufgehalst bekommen. Sexarbeit zum Beispiel
DDP

Was Männer alles aufgehalst bekommen. Sexarbeit zum Beispiel

Was passiert aber, wenn ihnen ein Fragebogen vorgelegt oder ein Mikro vors Gesicht gehalten wird? Innerhalb von Minuten ist alle kompensatorische Sensibilität vergessen: Verdrängung ("Darüber reden wir sicher morgen"), Leugnung ("Er trinkt gar nicht so viel"), Rationalisierung ("Das Sportschauen tut ihm gut und damit uns beiden") - diese Beziehungskulturtechniken sind im Nu passé. Stattdessen sagen Frauen dann Dinge wie: "Der Sex könnte besser sein." Oder: "Geht's nicht ein bisschen zärtlicher?"

Noch was?, möchte man da rufen, sind wir jetzt bei "Wünsch Dir was!", Abteilung Superhelden? Wird das jetzt das Schlaraffenland für Frauen mit Größenwahn? Gerade erst hat "Men's Health" herausgefunden, dass 77 Prozent der Damen sich über einen Mangel an männlicher Kreativität im Bett beschweren. Das ist doch der Gipfel! (Nicht der!) Seit Jahren werden Männer mit Umfragen traktiert, die klarmachen, worauf es ankommt beim anderen Geschlecht: Geld und Status. (Und wenn bislang noch gepflegte Fingernägel und ein passabler Haarschnitt dazukamen, standen die Chancen einigermaßen gut, nicht als alter Furz zu enden.)

Klar, das war hart, immer wieder zu lesen, dass Geld wichtiger sei als Sex. War ja nicht gerade entspannt, der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren. Musste man sich enorm ranhalten, spendierhosentechnisch gesehen. Aber die Verhältnisse schienen wenigstens klar: Keine Matte, aber Patte? Das rechnete sich. Natürlich: Plauze war doof, kombiniert mit Penunze aber tragbar. Noch im März dieses Jahres schrieb die Zeitschrift "Brigitte", "zwei Drittel der Frauen ziehen einen Karrieristen dem guten Liebhaber vor".

Wenn sich Geld nicht mehr auszahlt

Und jetzt genügt der schnöde Mammon nicht mehr? Nur Geld, dafür seid ihr euch jetzt zu fein, ja? (Ich belle das gerade probeweise in eine Runde konsterniert schauender Kolleginnen.) Es muss auf einmal auch ein Waschbrett sein. Ein Lockenkopf, und ein paar Golden-Retriever-Welpen sollten auch vorkommen, weil, wie die "Freundin" in ihrer aktuellen Ausgabe schreibt: "Single-Männer mit Hund sind der perfekte Partner."

Es genügt jetzt nicht mehr, abzustumpfen und reich zu werden, mit Gucci und Chanel um sich zu schmeißen und die Kinder aufs Internat in die Schweiz zu schicken. "Ich hab einen Tinnitus vor lauter Stress": Das klang früher wie Musik in den Ohren karrierebewusster Frauen (also, Frauen, die sich bewusst waren, wer die Karriere macht: Männer). Heute heißt es: Er ist so unausgeglichen, so selbstbezogen. Er hört nicht zu.

Was ist überhaupt aus den klassischen Karriere-Insignien geworden? Schlafstörung vom Jetlag, Magengeschwür von zahllosen Geschäftsessen, Kokain-Problem aufgrund von Zeitstress - nichts mehr wert. Versuchen Sie heute mal, eine kultivierte Mittdreißigerin mit einem Satz wie "Mein erster Bypass kam mit meiner ersten Million" zu beeindrucken, es wird nicht funktionieren. "Mittagessen ist doch was für Schwächlinge", ein Satz, mit dem ich zahllose Buffet-Bekanntschaften eingeleitet habe, disqualifiziert mich heute schneller, als ich meine Kreditkarte zücken kann.

Und jetzt also der Sex: Wir Männer müssen vielseitiger werden, innovativer, sportlicher. Die Frauen sind es ja schon: Sie sind laut Umfragen bereit, schmutzige Wörter zu benutzen, gucken Pornos und stehen auf Striptease. "Du gieriges Spekulantenschwein!" – so einen Satz wird man dann nicht nur von Konkurrenten zu hören bekommen, sondern von der Ehefrau. Vielleicht sagt sie aber auch nur: "Du fauler Sack." Weil man nach einem 12-Stunden-Tag das Finale ihrer zweistündigen Stripshow verdöst hat. Hier kommt dann wieder das Kokain ins Spiel.

Die alten Zeiten sind jedoch vorbei. Das Geld ist auch nichts mehr wert.

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