Vertriebenendrama "Ein Dorf schweigt" Im Krieg mit den Kartoffelkäfern

Fremd im eigenen Land: "Ein Dorf schweigt" erzählt davon, wie Flüchtlinge in der hessischen Provinz gedemütigt werden und wie der Opportunismus der Nazi-Zeit weiter wirkt. Ein düsteres BRD-Gründungsdrama, das die Stunde Null als Illusion entlarvt.

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Die einen haben Kartoffeln, die anderen Läuse: Wie soll daraus eine gleichberechtigte Partnerschaft entstehen? Der kleine Vertriebenentreck, der im Frühjahr 1945 im Nordhessischen landet, wird deshalb mit herzlicher Verachtung begrüßt. Einen Kosenamen haben die Bauern auch schon für die Flüchtlinge: "Kartoffelkäfer". Fressen einem halt die sowieso nur behelfsweise bestellten Felder leer, diese Fremden aus den fernen ehemaligen Ostgebieten. Dem bösen Blick folgt die Inspektion der Haare; überall wähnt man Parasiten.

"Ich lasse mir doch nicht meinen Salon verlausen", motzt zum Beispiel die Hessin Gisela (Inka Friedrich), als man die Schlesierin Johanna (Katharina Böhm) samt Kinderanhang bei ihr einquartiert. Der Hinweis, man sei schon im Flüchtlingslager gesäubert worden, wird ignoriert. Die Einheimische, die im Hinterzimmer eine kleine Frisierstube betreibt, klemmt sich den Kopf der Vertriebenen zwischen die Hände und beäugt jedes Haar einzeln. Kann man sich eine entwürdigendere Prozedur vorstellen?

"Ein Dorf schweigt" erzählt von einem zutiefst gespaltenen Land. Verdichtet auf wenige Quadratmeter nordhessischer Provinz werden in dem Nachkriegssoziogramm die tiefen gesellschaftlichen Gräben der Zeit nachgezeichnet. Doch die verlaufen nicht nur zwischen Alteingesessenen und Flüchtlingen, sondern auch zwischen den Trümmerfrauen und ihren aus dem Krieg heimkehrenden Männern, zwischen Ex-Nazis und überlebenden Regime-Gegnern.

Wie soll etwa der alte Pfarrer (Uwe Kockisch) mit seiner Gemeinde umgehen? Schäfchen kann der hier nicht sehen, nur Schafe im Wolfspelz. Denn in den letzten Kriegstagen, die Geschosse der Alliierten waren schon zu hören, wurde sein aus dem Volkssturm desertierter Sohn von einem Kameraden verraten. An der alten Windmühle hat man den Jungen dann hingerichtet, das ganze Dorf schaute zu. In seinem Hass auf die Menschheit ist dieser gottverlassene Geistliche kaum zu ertragen; ein Neuanfang ist für ihn unmöglich.

So gesehen fügt sich dieses Nachkriegsdrama nahtlos in die Reihe jüngster historischer Spielfilme, in der die Stunde Null als Illusion entlarvt wird. In Vorbereitung auf den anstehenden 60. Gründungstag der Bundesrepublik liefern deutsche TV-Movies zurzeit im Monatrhythmus grausam genaue Studien über den Neuanfang, nostalgische Verklärung hat in ihnen keinen Platz. Handwerklich kommen die Arbeiten zwar auf unterschiedlichem Niveau daher, geeint werden sie jedoch durch ihr Anliegen, bloß nicht das feierliche Bild einer im Wiederaufbau glücklich geeinten westdeutschen Gemeinschaft zu beschwören.

Der Dreiteiler "Die Rebellin" etwa zeichnete im Januar die industriellen Kontinuitäten zwischen Drittem Reich und Wirtschaftswunderland nach, die Trümmerkindsaga "Die Wölfe" indes beleuchtete im Februar die seelischen Verwüstungen der Generation Währungsreform, aus der ein besonders aggressives Unternehmertum erwuchs. Und selbst das Rührstück "Kinder des Sturms", eine "Oliver Twist"-Variation vor Flüchtlingshintergrund, stellte zuletzt einen eher düsteren nationalen Befund aus: Jede Kriegswaise mehr war nur ein weiterer ungeliebter Fresser, den es in zweifelhafte Heime abzuschieben galt.

"Ein Dorf schweigt" (Buch: Henriette Piper, Regie: Martin Enlen) ist nun in seiner Analyse noch schonungsloser. Überall halten sich Braunhemden in Ställen und Wäldern versteckt, jeder Dorfbewohner scheint hier mit Schuld beladen. Das Nachkriegspsychogramm wäre als Zweiteiler allerdings noch besser angelegt gewesen, so hätte man der keuchend vorantreibenden Story mehr Atem gegeben und den Figuren Luft, um jene Ambivalenzen durchzuspielen, die durchaus in ihnen angelegt sind.

Man nehme nur den Kriegsheimkehrer Paul (Stephan Kampwirth): Der schon Totgeglaubte kehrt genau in jenem Moment in sein Heimatdorf zurück, um gerade rechtzeitig zur Beerdigung seines Sohnes zu kommen, der durch eine Landmine ums Leben gekommen sein soll. Seiner Ehefrau Gisela, die noch an den Endsieg glaubte, während er im Schützengraben längst das Tausendjährige Reich beerdigt hatte, bringt er nur Hass und Misstrauen entgegen. In seiner ersten Nacht daheim vergewaltigt er sie im Ehebett, die Vertriebenen in der Kammer nebenan halten sich die Ohren zu.

Eine geradezu klaustrophobische Grundstimmung entwickelt sich im Verlauf der Story. Und während die Schlesierin Johanna in Träume an ihr verlorene Heimat flieht, kann der Kriegsheimkehrer Paul nur Ekel für die seine empfinden: "Hier ist alles so fremd."

Das gibt diesem BRD-Gründungsdrama aus dem nordhessischen Nirgendwo, jenem Landstrich also, der doch wenig später zur geografischen Mitte eines neuen Westdeutschlands werden sollte, seinen unheilvollen Grundton: Ob Einheimische oder Vertriebene, entwurzelt sind sie alle.


"Ein Dorf schweigt", 21.00 Uhr, ZDF



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