Londoner Kunstinstitution Martin Roth verlässt das Victoria and Albert Museum

Als Direktor des Victoria and Albert Museum hat er für Furore gesorgt und das große Publikum für Kunst und Design begeistert. Nach Informationen des SPIEGEL gibt der Deutsche Martin Roth nun seinen Posten auf.

Martin Roth
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Martin Roth

Von Ulrike Knöfel


Seit fünf Jahren leitet Martin Roth das Victoria and Albert Museum in London (V&A). Trotz weltweit gefeierter Ausstellungen wie jener über David Bowie will er sich offenbar aus dem legendären und auch urbritischen Kunstgewerbemuseum verabschieden. Sein überraschender Entschluss dürfte für die britische Kulturszene ein Schock sein. Der Deutsche hat gezeigt, wie man mitten im alten London ein Traditionsmuseum auf spektakuläre Weise neu erfinden kann.

Auch weil Roth es schaffte, mit seinem Programm viele jüngere Menschen zu begeistern und die mehr als 160 Jahre alte Institution international immer wieder zum Gesprächsthema zu machen, wurde das V&A im Juli sogar zum Museum des Jahres in Großbritannien gewählt.

In der Begründung der Jury hieß es, aus einem der beliebtesten Museen des Landes sei unbestreitbar eines der besten der Welt geworden. Die Herzogin von Cambridge, Ehefrau von Prince William, war es, die den Namen des Preisträgers bei einer aufwendigen Gala verkündete und Roth als Erste gratulierte.

Volles Haus in South Kensington

Unter Roth, 61, gewann das Haus tatsächlich an Dynamik und Attraktivität. Ausstellungen wie die über Bowie lockten Hunderttausende in das Prachtmuseum im Stadtteil South Kensington. Der Musiker übrigens hatte die Schau 2013 gemeinsam mit seinen Kindern besichtigt und fröhlich gesagt, es sei seltsam, sich selbst im Museum zu begegnen.

Doch gerade auch gesellschaftspolitische Ausstellungen wie die über das "Design des Ungehorsams" erwiesen sich als publikumswirksam. Die Zahl der Besucher wird dieses Jahr wohl bei insgesamt 3,8 Millionen liegen, die vielen Präsentationen außerhalb des eigenen Hauses nicht mitgezählt.

Der thematische Mix war oft ungewöhnlich - und hat funktioniert. Und der Glamour-Faktor war sicher auch nicht unwesentlich. Popstars wie Rita Ora und Models wie Kate Moss reißen sich darum, bei Vernissagen und anderen Events präsent zu sein. Oder gleich darum, in den Ausstellungen vorzukommen. In diesen Tagen spricht London über die Ankündigung des V&A, den Veteranen von Pink Floyd eine Schau widmen zu wollen. Ironischer Titel: "Ihre sterblichen Überreste".

Dass das Museum als zukunftsfähig gilt, liegt auch an anderen Maßnahmen: Sanierungs- und Umbauvorhaben und ebenso wie die Kontaktpflege zu wichtigen Mäzenen.

Dem SPIEGEL gegenüber hatte Roth im Juni allerdings auch seine Enttäuschung über den Ausgang des Brexit-Referendums bekundet. Sein Unverständnis über die Anti-EU-Haltung vieler Briten formulierte er so: "Weshalb schlägt man kaputt, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde? (...) Man nimmt den jungen Menschen die Hoffnung. Veränderung statt Verhinderung wäre die richtige Alternative gewesen."

Bevor Roth ans V&A ging, leitete er ein Jahrzehnt lang die Dresdner Kunstsammlungen. Und in Deutschland weiß man seinen Einsatz für die Kultur weiterhin zu schätzen: Im April erhielt Roth das Bundesverdienstkreuz, im Juni wurde der Museumsmann zum künftigen Präsidenten des IFA-Institutes für Auslandsbeziehungen ernannt, dieses Ehrenamt wird er im nächsten Jahr antreten; das Institut fördert den internationalen Kunst- und Kulturaustausch.

Seinen Rückzug erklärt er wenige Tage vor der Eröffnung einer Schau, von der er vor Kurzem sagte, sie liege ihm besonders am Herzen: "You say you want a Revolution? Records and Rebels 1966-1970." Nun verabschiedet sich auch der Museumschef als Rebell - er gibt einen Ausnahmeposten auf, um den sich so viele andere reißen würden - und offenbar ohne sofort einen neuen festen Job anzustreben.

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