US-Fotograf Roger Ballen Welt der Außenseiter

Freaks, Arme, Ausgestoßene: US-Fotograf Roger Ballen sucht seine Motive am Rande der Gesellschaft. Jetzt hat er in seiner Wahlheimat Südafrika einen zutiefst verstörenden Kurzfilm über Menschen und Vögel gedreht.

Roger Ballen

Roger Ballen, wurde 1950 in New York geboren. Er studierte Psychologie in Berkeley und promovierte in Mineral Economics. Anfang der siebziger Jahre reist Ballen das erste Mal nach Südafrika, wo er zunächst als Geologe arbeitet. Seit mehr als vierzig Jahren fotografiert er - vor allem Menschen am Rand der Gesellschaft. Mit "Asylum of the Birds" hat Ballen nun einen Kurzfilm über ein Haus gedreht, in dem Menschen und Tiere ein verstörendes Zusammenleben pflegen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Ballen, bislang waren Sie vor allem für Ihre Porträtarbeiten bekannt. Ihr neuestes Buch "Asylum of the Birds"* und das gleichnamige Video gehen in eine andere Richtung. Was hat Ihr Interesse an Vögeln geweckt?

Ballen: Alle meine Projekte fügen sich langsam zusammen. Im Jahr 2000, als ich an meinem Fotozyklus "Outland" arbeitete, war ich in einem Haus, wo ein Vogel mit einem Bein an einen Schrank gebunden war. Das wurde zu meinem ersten Vogel-Bild, "Tethered Dove" (Angebundene Taube).

SPIEGEL ONLINE: Was stellen Vögel für Sie da?

Ballen: Sie sind ein Symbol von Reinheit, Frieden und die archetypische Verbindung zwischen Himmel und Erde. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass ich den Vogel und alles, was er symbolisiert, mit meinem ästhetischen Universum verbinden könnte.

SPIEGEL ONLINE: "Asyl" ist ein ziemlich dehnbarer Begriff in "Asylum of the Birds". Im Video sehen wir, wie ein Vogel enthauptet wird und der kopflose Vogel mit den Flügeln auf den Boden schlägt. Was sagt das über das Verhältnis von Menschen zu Tieren aus?

Ballen: Nach fast 64 Jahren auf diesem Planeten und vielen Jahren, die ich als Geologe im südafrikanischen Busch gearbeitet habe, ist es für mich ziemlich offensichtlich, dass das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren keineswegs harmonisch ist. Es ist eine Einbahnstraße, in der das Tier einer Situation ausgesetzt ist, mit der es nicht umgehen kann. Der Mensch nutzt die Natur aus. Dass der Mensch Teil der Natur ist, sagt sich leicht. Dabei besteht ein solch gewaltiges, unkontrolliertes Ungleichgewicht. Der Mensch ist nicht mehr der natürlichen Welt verhaftet.

SPIEGEL ONLINE: Gewalt gegen Tiere ist kein aktuelles Phänomen. Man könnte sogar sagen, dass Menschen heutzutage stärker für das Thema sensibilisiert sind - denken wir nur an Stier- oder Hahnenkämpfe.

Ballen: Der Mensch hat den Kontakt stärker noch als in der Vergangenheit verloren. Die Leute stellen sich an, wenn sie sehen, wie einem Huhn der Kopf abgehackt wird. Aber sie bleiben regungslos, wenn sie 500 in Plastik eingeschweißte Hühner im Supermarkt sehen. In der westlichen Welt legen wir uns lauter Beruhigungstrategien zurecht. Man bringt Leute davon ab, Pelzmäntel zu tragen oder sorgt sich um Pandas im Zoo. Aber das ist nur Kulissenschieberei. In Wirklichkeit geht uns unser natürliches Umfeld verloren, und das ist ein unumkehrbarer Trend. Im Kern geht es dabei nicht nur um Ökologie, sondern auf psychologischer Ebene auch um Entfremdung und Entwurzelung.

SPIEGEL ONLINE: Sie inszenieren für ihre Fotografien verarmte und am Rand der Gesellschaft stehende Menschen - das "Asylum of the Birds" ist eine Slum-Baracke. Sie fotografieren die Bewohner. Kritiker haben Ihre Arbeitsweise schon als ausbeuterisch bezeichnet.

Ballen: Ich weiß nicht, warum man das als Ausbeutung bezeichnen sollte. Ein Foto von jemandem zu machen ist doch nicht zwangsläufig Ausbeutung. Eigentlich geht es doch um das Verhältnis zwischen Ausbeuter und Ausgebeutetem. Was ist denn, wenn er oder sie sich gar nicht ausgebeutet fühlt?

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Roger Ballen: Eine Welt der Außenseiter

SPIEGEL ONLINE: Herkömmlichen ethischen Ansprüchen zufolge sollten Benachteiligte so gezeigt werden, dass Empathie für ihre Notlage entsteht. Ihre Bilder strahlen nicht gerade Empathie aus.

Ballen: Wir leben in einer Welt, in der die meisten Bilder gestellt sind. Was die Leute für Empathie halten, wird manchmal dazu benutzt, um sie als Konsumenten, Wähler oder als Gläubige auszubeuten. "Empathie" ist ein sehr subjektiver Begriff, genauso wie "schön" oder "arm". Wenn jemand wohlhabend, aber psychisch verarmt ist, soll man ihn dann nicht fotografieren - aus Empathie heraus? Ich würde behaupten, dass alle, die solche Einwände erheben, sich nicht ihrer eigenen dunklen Seite gestellt haben und diejenigen angreifen, die sich nicht ihren "Regeln" beugen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem zeigt das Video, wie Sie als ein gebildeter, ordentlich gekleideter Fotograf aus der oberen Mittelschicht Fotos von Obdachlosen machen.

Ballen: Mit vielen von denen habe ich schon fünf Jahre oder länger gearbeitet. Sowas wäre nicht möglich, würde unsere Beziehung nicht auf Vertrauen, Freundschaft und gegenseitigem Respekt beruhen. Orte wie das Vogelasyl sind weder sicher noch friedlich. Sie sind von Gewalt und ungelösten sozialen und politischen Konflikten geprägt. Durch mich erhalten die Bewohner Aufmerksamkeit, eine Ausdrucksmöglichkeit. Wir zeichnen zusammen und bauen gemeinsam Kulissen. Sie sind so marginalisiert, dass es für sie identitätsstiftend ist, wenn jemand, der kein Outsider ist, ihnen Aufmerksamkeit zu teil werden lässt. Manche melden sich täglich bei mir, ich bekomme mindestens zwanzig SMS mit der Bitte um Rückruf. Manche brauchen Geld, die meisten wollen nur reden.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einer Aufgabe für Sozialarbeiter...

Ballen: In gewisser Weise. Ich bin für sie Vater, Priester, Doktor, Anwalt, Psychiater. Ich bin einer ihrer wenigen Kontakte zur Außenwelt. Keiner aus meiner "Ebene" würde sich mit ihnen abgeben. Und wenn, dann wäre es eine Sklaven-Herren-Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Was repräsentieren die Bewohner des Vogelasyls für Sie?

Ballen: Sie repräsentieren die menschliche Natur in ihrer rohesten Gestalt. Es war schon immer Teil meiner Fotografie und meiner Psychologie, die elementareren Aspekte der menschlichen Persönlichkeit offenzulegen: Gewalt, der Wille zur Macht, sexuelle Dominanz. Und natürlich den fundamentalsten aller menschlichen Instinkte: Der Überlebenswille. Die Menschen müssen um ihr Überleben kämpfen - in so einer Situation zeigen sich die primitiveren Instinkte.


*Der Bildband "Asylum of the Birds" von Roger Ballen erscheint am 24. März bei Thames & Hudson.

Das Interview führte Marc Erwin Babej



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
pinsel66 04.03.2014
1.
Ich mußte sofort an Walker Evans und die Fotografien aus den Südstaaten in den 30 er Jahren denken.
GoBenn 04.03.2014
2.
Ballen macht wirklich seit Jahren großartige Sachen. Schade übrigens, dass Spon konsequent auf Amazon verlinkt (bringt natürich Geld.) Die Bücher sind auch bequem via Libri bzw. den örtlichen Buchhandel zu bekommen. Ist cool - kommt nur keiner drauf.
2010sdafrika 04.03.2014
3. Roger Ballen ist ein Perfektionist
Roger Ballen ist ein Künstler, der sehr viel Anspruch an sich selbst stellt. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser Mensch für seine Fotokollektionen meist über fünf Jahre braucht, bis diese in Form eines Bildbandes veröffentlicht werden: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/03/20/photos-with-reflection-on-the-psyche-roger-ballen-in-interview/.
spon-facebook-10000004352 05.03.2014
4. Absolute Spitzenklasse!
Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Kimoya 05.03.2014
5. Wieso zum Kakadu
reißt sich der Mann in der Aufnahme ziemlich am Anfang einfach sein rechtes Auge heraus? Wie ist das ohne Effekte möglich?
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