Vietnam-Reporter Vier Tote und ein gläsernes Grab

Fast 40 Jahre nach ihrem Tod finden vier Fotoreporter des Vietnam-Krieges eine letzte symbolische Ruhestätte - in einem spektakulärem Museum, mit dem die US-Medienbranche sich und dem Journalismus ein Denkmal setzen will.


Am 10. Februar 1971 stürzte im südlichen Laos ein Helikopter ab, der neben sieben vietnamesischen Soldaten auch vier mehrfach ausgezeichnete Kriegsfotografen an Bord hatte: Henri Huet, 43, von der Nachrichtenagentur Associated Press, Larry Burrows, 44, vom Magazin "Life", Kent Potter, 23, von der Nachrichtenagentur United Press International, und Keisaburo Shimamoto, 34, ein Freiberufler, der im Auftrag des US-Nachrichtenmagazins "Newsweek" unterwegs war. Keiner der Insassen überlebte den Abschuss. Und erst am heutigen Donnerstag, fast 40 Jahre nach ihrem Tod, sollen sie ihre letzte Ruhestätte finden - in einem Museum. Der Engländer Burrows gilt mit seinen aufrüttelnden Reportagen für das Magazin "Life" noch heute als der bekannteste Fotojournalist des gesamten Vietnam-Krieges; dreimal bekam er den renommierten Robert Capa-Preis in Gold, 1967 war er zum Fotografen des Jahres gewählt worden. Auch der Franzose Henri Huet, Sohn eines Franzosen und einer Vietnamesin, galt als Star-Reporter - wie Burrows hatte er den Capa-Preis gewonnen. Der US-Fotograf Potter stammte aus Philadelphia; er hatte seine Familie, gläubige Quäker, mit seinem Ansinnen geschockt, als Reporter in den Krieg zu ziehen - mit nur 20 Jahren kam er 1968 in Vietnam an. Shimamoto, obwohl selbst erst 34 Jahre alt, war im Vergleich dazu schon ein alter Hase; der in Seoul geborene Japaner arbeitete bereits seit 1965 in Vietnam.

Denkmal für den Journalismus

Die vier Journalisten berichteten über die Operation Lam Son 719. Südvietnamesische Truppen wollten das im Westen unter dem Namen Ho-Chi-Minh-Pfad bekannte, dichte Wege-Netzwerk abschnüren, mittels dessen die Nord-Vietnamesen Waffen und Truppen schleusten und das teilweise durch kambodschanisches und laotisches Territorium führte. 1971, zu dem Zeitpunkt als der Helikopter mit den vier Journalisten von der nordvietnamesischen Flak abgeschossen wurde, waren bereits 50 Kriegsreporter in Vietnam als tot oder vermisst gemeldet; die Zahl sollte bis zum Ende des Krieges auf 74 steigen.

Erst vor zehn Jahren entdeckte ein Suchteam des US-Militärs an einem steilen Berghang die Absturzstelle; es fanden sich einige Wrackteile des abgestürzten Helikopters und Überreste der Fotografenausrüstungen wie Filme oder Kamerateile. Diese Fundstücke werden heute in einer versiegelten Kapsel dem Newseum, einem neuen Museum für die Geschichte des Journalismus in Washington D.C., übergeben. So soll symbolträchtig der Einsatz der Reporter für die Pressefreiheit gewürdigt werden, den sie mit ihrem Tod bezahlen mussten.

Das Newseum, ein von dem Star-Architektenteam Polshek Partners erbautes Haus, das offiziell erst am 11. April eröffnet, ist ein 278 Millionen Euro teures Prestigeobjekt, mit dem nahezu alle großen US-Medienkonzerne sich und der Branche ein Denkmal setzen wollen: Time Warner gehört zu den Finanziers, die "New York Times"-Gruppe ebenso wie Rupert Murdochs News Corporation, oder die Sender ABC und NBC.

Auf 643.000 Quadratmetern zeigt das Museum mehr als hundert Video-Produktionen, beherbergt 14 Ausstellungsräume mit insgesamt rund 3800 Bildern und 6214 Artefakten zur Geschichte und Praxis des Journalismus; darunter auch Teile der Berliner Mauer, ein Grenztruppen-Wachturm und zwei moderne Fernsehstudios.

Auch architektonisch vermag das Newseum zu beeindrucken: Polshek Partners haben keinen Monolith erschaffen, sondern eine fein kalibrierte Collage aus geometrischen Teilstücken, die Transparenz, Durchlässigkeit und zugleich Wucht atmet; ein "Wunderwerk" aus Glas, Metall und Marmor, wie die "Washington Post" jubilierte und dem Newseum großen Besucherzuspruch prophezeite.

Eine friedliche Ruhestätte werden die vier Reporter dort also nicht finden, wenn auch vielleicht eine angemessene. Zu der Zeremonie werden Familienmitglieder, Freunde, Politiker und Diplomaten erwartet - genauso wie journalistische Veteranen des Vietnam-Krieges, die ihren Kollegen bei dieser symbolischen Beerdigung die letzte Ehre erweisen wollen.

tdo mit Material von AP



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