Feministin Virginie Despentes Die nordkoreanische Option

Bestsellerautorin, Punkerin und Ex-Prostituierte: Virginie Despentes schrieb das Manifest zu #MeToo, als Weinstein noch satt in Hollywood saß - und jetzt die Gesellschaftsanalyse unserer Zeit.

JF Paga

Aus Paris berichtet


Der Mensch, der die Autorin Virginie Despentes auf keinen Fall sein will: ein 15-Jähriger, der nach Auschwitz kommt, und von der Richtigkeit der Verhältnisse ausgeht. Der dem Arzt, der an der Rampe Tod und Leben selektiert, erst vertraut und dann reinwächst in den Wahnsinn, die Entscheidungen des Mediziners kritisiert wie ein Fußballfan den Schiri: Der muss doch sehen, dass der in die Gaskammer gehört, mit dem dicken Bauch.

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Heft 54/2018
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Der 15-Jährige ist die Hauptfigur von Imre Kertész "Roman eines Schicksallosen", der Literaturnobelpreisträger erzählt in dem Buch, wie das Nichtsehen der Gewalt in den gewalttätigsten Verhältnissen funktioniert. Sich immer und überall gegen dieses Nichtsehen mit aller Kraft zu stemmen ist die Haltung, die die Bestsellerautorin Virginie Despentes durch ihr Leben trägt. Kertész las sie in ihrer Jugend, er lässt sie bis heute nicht los. Sie sagt: "Zwei Dinge: Gehorsam wird nicht belohnt. Und es ist wichtig, nie zu glauben, was einem als richtig präsentiert wird."

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Virginie Despentes: Nie bequem

Despentes, 49, blond gefärbt, Zähne mit Nikotinschimmer, Spinnennetz-Falten um Kajalaugen, "Fuck Austerity"-Sloganshirt, Nikes. Eine Frau, die wie eine alternde Punkerin aussieht, gut in ihrer Unkonventionalität.

Es fällt schwer, sie hier, beim Treffen im Café im Pariser Viertel Belleville, nicht cool zu finden: "Ich habe mich vor 30 Jahren nicht gefühlt, als sei ich angekommen, und ich fühle mich bis heute nicht so." Das Sich-Sperren ist bei ihr keine Pose, sondern ein Lebensprogramm, das sie in ihren Büchern immer wieder aufs Neue hinbrettert.

Ihre Trilogie "Vernon Subutex", deren letzter Band jetzt in Deutschland erschienen ist, verhandelt ein Frankreich am reaktionären Abgrund: Vernon war früher Plattenhändler, jetzt gibt er mit dem Arbeitslosenantrag seine Würde ab - und klappert die ab, die er aus der alternativen Musikszene der Achtzigerjahre kennt, in der auch Despentes groß wurde. Manche haben mitgemacht, mit Kindern, Biomarkt und Parkettboden. Andere sind hängengeblieben, Drogen statt Superfood. Gut geht es keinem.

Die, die sich verweigerten, leben auf der Straße, wie Subutex irgendwann selbst. Die, die mitspielten, werden verletzlich, weil mit dem Status auch das Bewusstsein wuchs, etwas verlieren zu können. Und weil man die Verhältnisse so schlecht haftbar machen kann, die Galle aber dennoch raus muss, werden sie zu dem Typ rassistischer Familienvater, der seinen Hund liebt, sich im Supermarkt aber vorstellt, wie er die anderen Kunden ermordet.

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"Subutex" wurde für den International Booker Prize nominiert. Fans bingereaden die Reihe, die in ihrer Episodenhaftigkeit und mit furiosem Humor wirkt wie die erste Netflixliteratur. Die ersten Despentes-Bücher in den Neunzigerjahrenn verstanden viele nicht, sie wurde damals als "Skandalautorin" einsortiert; zu viele gewalttätige Frauen, zu viele Grenzüberschreitungen. Heute, zwischen Sozial- und Migrationskrise scheint es, als sei die Welt bereit für sie. Bereit für die blinden Flecken, die sie mit grellstem Licht ausleuchtet.

Despentes trägt nicht nur in ihren Romanen, sondern auch im Leben offen vor sich her, was viele andere Menschen in Schuld und Scham verstrickt. Als junge Frau wurde sie beim Trampen vergewaltigt. Vor elf Jahren stellte sie in ihrem Essay "King Kong Theorie" Opfer- und Täterzuschreibungen infrage, die oft unhinterfragt angenommen werden: "Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die mich erzogen hat, ohne mir je beizubringen, einen Mann zu verletzen, der mir mit Gewalt die Beine spreizt, während die gleiche Gesellschaft mir eintrichtert, davon dürfte ich mich nicht erholen", schreibt sie in dem Essay.

Als sie Anfang 20 Geld braucht, arbeitet sie in Paris als Gelegenheitsprostituierte - das Stereotyp, die Sexarbeit sei die selbstzerstörerische Aktion eines Vergewaltigungsopfers, erfüllt sie nicht - in "King Kong Theorie" beschreibt sie sachlich, wie Prostitution einer Frau die Freiheit geben kann, abseits von einem engen Erwartungsrahmen Sex zu haben.

Virginie Despentes über Macron und den Rechtsruck

Despentes sitzt immer breitbeinig, nimmt Raum selbstverständlich ein: hört wach zu, um dann ihre Antworten mit Verve vorzutragen. In "King Kong Theorie" schrieb sie: "Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern." Häufig wird Despentes vor allem als Feministin verstanden, auch "King Kong Theorie" wird jetzt passend zu #MeToo neu aufgelegt. Aber ihr Programm denkt alles mit. "Jemand wie zum Beispiel Weinstein ist sich keiner Schuld bewusst, wenn er über Frauenkörper verfügt. Das zeigt eben auch, dass Macht in unseren Strukturen bedeutet, alles unmittelbar bekommen zu können. Und wenn diese Form der Macht andere oder dich selbst zerstört, tja, dann wird das auch akzeptiert."

Es gibt in ihren Büchern immer den Punkt, an dem es nicht mehr zurückgeht, weil Kompromisse nicht infrage kommen. Das ist der Pop bei ihr, man liest dann das Slackertum von Charles Bukowksi mit, der sie beeinflusste, die Punksängerin Lydia Lunch, die sie als Fan bewunderte und mit der sie heute befreundet ist. Aber unter der Ästhetik der absoluten Absage an die Welt lauert ja meistens noch etwas anderes, wenn es sich um gute Kunst handelt: "Bis 30 dachte ich, dass Gewalt eine gute Überlebensstrategie sei", sagt Despentes. "Nicht nur gegen sexuelle Gewalt, sondern allgemein: gegen Staatsgewalt, gegen Polizeigewalt. Aber das funktioniert auf Dauer nicht, besonders, wenn man älter wird." Sie lächelt dabei wie jemand, der etwas einsehen musste, aber sich dennoch nicht ganz von einer liebgewonnen Idee verabschieden will: "Es ist eben die nordkoreanische Option."

In Despentes Debüt "Baise-Moi" von 1994 katapultieren sich die Prostituierte Manu und die Pornodarstellerin Nadine so gewalttätig ins Abseits, als ersehnten sie es nicht anders in einer Welt, in der der Frauenkörper auch immer als schales Korsett aus Angst und Gehorsam funktioniert.

Nadine und Manu lungern nicht nur besoffen mit gespreizten Schenkeln auf Barhockern, um Männer abzuschleppen, masturbieren in Schwesternschaft gemeinsam, lassen ihre Periode aus sich heraus auf Hotelzimmerteppiche laufen, markieren ihr Revier. Sie ermorden auch eine Reihe von Menschen, die ihnen über den Weg laufen, vom Kind bis zur Großmutter. Wer sagt, dass Freiheit keinen Preis hätte in gewaltvollen Strukturen? Despentes schildert das als jemand, der konsequent bis auf den Grund in die Abgründe schaut, die andere kaum zu denken wagen - und vor allem die nicht, die von sich selbst glauben, kein Problem zu haben.

Despentes sagt über die Zeit, als sie neu in der französischen Kinoindustrie ankam, weil aus "Baise-Moi" ein Filmprojekt wurde: "Was ich als Prostituierte tat, war für mich einfacher zu verstehen als das, was man als junge Frau beim Film macht, wenn ein Abend mit einem Geschäftsessen anfängt und im Sexclub endet. Man wird nicht direkt bezahlt und es gibt keine Möglichkeit, sich zu beschweren, weil alle in diesem Milieu behaupten werden, dass es kein Problem gibt."

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Sie erinnert, wie schon Anfang der Zweitausenderjahre in der Pariser Kulturszene Gerüchte über Dominique Strauss-Kahn rumgingen, aber es wichtiger war, andere Wahrheiten aufrechtzuerhalten: "Die Autorin Tristane Banon, die ihre Vorwürfe nach dem Skandal um den IWF-Chef 2011 erneuerte, sprach schon damals von Vergewaltigungsvorwürfen. Sie wurde dafür attackiert. Das ist wie bei den Hells Angels: Den Mann deines Clans lieferst du nicht ans Messer."

In "Vernon Subutex" ist ausgerechnet ein Filmproduzent am Ende der schlimmste von allen. Despentes lacht, als man sie darauf anspricht. Trotz allem bekommt selbst er von ihr im Buch diesen sehr speziellen, zugewandten Despentes-Blick, einfühlsam auch in den größten Abgründen - wie alle ihre Figuren ist auch er immer ein armes Schwein, das sich aufbäumt im Niedergang, Eingesperrter und Wärter zugleich.

In "Subutex" finden sich alle - Faschisten, Muslime, Plattenhändler, Pornodarstellerinnen und Alkoholiker - nach einer Weile zusammen bei popreligiösen Happenings. Auch das passt gut zum Rechtsruck von heute, bei dem immer mehr Kommunikation mit besorgten Bürgern angemahnt wird. Dabei zeigt die Erfahrung häufig, dass der, der mit der Rechten redet, nur Haltungen im Diskurs legitimiert, die lange aus gutem Grund unsagbar waren. Bei "Subutex" reicht die Solidarität, die den Einwanderer und den Fascho bindet, nur für eine Nacht, als schillernder Trost.

"Ich finde es schade, dass ich nicht in der Lage bin, mir Utopien vorzustellen", sagt Despentes. "Meine Generation ist kaputt, weil wir immer Angst haben, naiv zu sein, Angst haben, uns korrumpieren zu lassen. Ich hoffe, dass das bei den Jungen anders ist. Wir brauchen sozialistische Konzepte, feministische Utopien."

Aber vielleicht sollten gerade die Jungen Despentes lesen. Wenn noch so viel verhandelt wird darüber, wie sie sich in der Welt positionieren und wie sie von ihr positioniert werden. In "Subutex" kommt ausgerechnet die junge Muslimin Aicha, die sich aus Protest gegen ihren liberalen Vater verschleiert, mit am besten aus der ganzen Chose raus.

Despentes lacht. Sie zeigt dabei die Zähne, immer. Sie sagt: "In Frankreich haben wir viel Angst vor der Unterdrückung durch den Islam. Aber ich habe noch nie eine muslimische Frau getroffen, die so unterdrückt wird wie reiche Pariserinnen." Aicha ist ihr Mittelfinger.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 14.10.2018
1. ....
"Sie sagt: "Zwei Dinge: Gehorsam wird nicht belohnt. Und es ist wichtig, nie zu glauben, was einem als richtig präsentiert wird."" Sehr richtig. Und deshalb sollte man auch die Form des Feminismusses hinterfragen, der glaubt, die Wahrheit zu kennen und daher immer das Richtige zu tun.
quark2@mailinator.com 14.10.2018
2.
Ich bin mir nicht sicher, was für ein Männerbild Prostituierte haben, aber ich kann mir nicht wirklich vorstellen, daß sich darauf konstruktiv und mit gegenseitigem Respekt eine gute gesellschaftliche Vision für die zukunft aufbauen läßt. Voriges soll nicht so interpretiert werden, daß ich vor Frau Despentes generell keinen Respekt habe. Da hätte ich weniger für die sog. Freier. Ich denke nur, daß unser Leben Spuren bei uns allen hinterläßt.
123Valentino 15.10.2018
3. Sicherlich....
werde ich dieses Buch kaufen. Oft ist es doch so , die Spuren die das Leben hinterlässt sind oft nicht lesbar, keiner erfährt was war und ist. Die Frau übersetzt diese Spuren in eine lesbare Form. Jetzt hoffe ich dass es auch lesenswert ist. Hat mich neugierig gemacht.
hektor2 15.10.2018
4. Hmmm
Prostitution als "Freiheit von Erwartungszwängen"? Hmmm ... Wirkt auf mich ein wenig wie eine verklärte Erinnerung.
Bondurant 15.10.2018
5. Eine kluge
aber auch harte Frau in "King Kong Theorie" beschreibt sie sachlich, wie Prostitution einer Frau die Freiheit geben kann, abseits von einem engen Erwartungsrahmen Sex zu haben. ... Bis 30 dachte ich, dass Gewalt eine gute Überlebensstrategie sei", sagt Despentes. "Nicht nur gegen sexuelle Gewalt, sondern allgemein: gegen Staatsgewalt, gegen Polizeigewalt. Aber das funktioniert auf Dauer nicht, besonders, wenn man älter wird. hart auch gegen sich selbst, offenbar. Utopien: keine. Sehr bemerkenswert.
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