Virtual Kingdom of Beauty Animierte Skulpturen

Visionen oder wirkliche Büsten? Joulia Strauss verbindet antike Bildhauerei mit moderner digitaler Technik. Ihre Berliner Ausstellung zeigt 3D-Computer-Porträts von Szene-Größen wie Rainald Goetz oder Westbam. Wie hübsche Halluzinationen wirken die Bilder im ersten Moment - und verpuffen dann ins Leere.

Von Simone Kaempf


"Virtual Kingdom of Beauty"

"Virtual Kingdom of Beauty"

Für die Berliner Ausstellung "Virtual Kingdom of Beauty" hat die 25-jährige Russin Joulia Strauss, Meisterschülerin von Georg Baselitz in Berlin, die Elemente der Antike und der klassischen Bildhauerei mit digitaler Technik und mit Techno-Rhythmen verbunden. Damit unterscheidet sie sich von anderen Künstlern, die mit Pop-Kultur und Pop-Ästhetik experimentieren, aber den Anschluss an die Vergangenheit oft ausschalten.

Auf der Suche nach einem aus Tradition und Virtualität verschmolzenen Schönheitsideal hat Strauss die Gesichter von zwanzig prominenten Persönlichkeiten wie Rainald Goetz, Friedrich Kittler oder DJ Dick mit 3D-Scannern digitalisiert und die Scans mit Frisuren von antiken Statuen versehen. Diese Vorlagen wiederum wurden auf zwei Arten weiterverarbeitet: Die Köpfe wurden direkt aus der 3D-Datei in eine Gussform gefräst, aus der kleine Bronzeköpfe gegossen wurden. Zweitens hat sie die gescannten Köpfe in Videofilmen animiert und im Pergamonmuseum auf eine transparente holografische Projektionsscheibe gestrahlt.

Rainald Goetz virtuell

Rainald Goetz virtuell

Die Verbindung aus Vergangenheit und Moderne ist ein sehr plausibles Prinzip, um die Welt zu begreifen. Doch Strauss hält ihr - sehr ernstgemeintes - Versprechen einer "neuen Definition von Schönheit der Form, des Geists und der Technik" nicht ein. Die Bronzeköpfe wirken wie hübsche, aber belanglose Repliken von antiken Skulpturen. Ihre Videos bleiben klinisch und unterkühlt mit einer zu glatten Oberfläche, von der man das Gefühl hat sie in Musik-Videoclips schon viel früher gesehen zu haben. Der kurze Adrenalinstoß, den die Ästhetik bewirkt, ist schnell wieder abgeklungen - und hinterlässt eine innere Leere.

Mit ihrer Arbeit stellt sich Strauss, vermutlich ungewollt, in eine Reihe mit russischen Künstlern, wie etwa dem Kult-Schriftsteller Wladimir Sorokin, der in seinem Theaterstück "Dostojewski-Trip", das 19. und 20. Jahrhundert vereinen will und sieben junge Moskauer auf der Suche nach immer neuen Sinnesreizen beschreibt. Irgendwann kippen die Figuren, und sie werden zu ihren eigenen Karikaturen. Solch "ironischer Konzeptualismus" ist ein Erbe früherer politischer Machtspiele in der Sowjetunion: Man bezog zum Schein "angepasste Positionen", um deren Hohlheit umso wirkungsvoller vor Augen zu führen.

Strauss scheint das Streben des Menschen nach Virtualität ins Lächerliche zu ziehen. Doch auch die Antike kommt nicht besser weg. Übrig bleibt ein düsterer Kulturpessimismus: Es scheint unmöglich zu sein, die Epoche, in der wir leben, überhaupt noch in allen Facetten wahrzunehmen. Die Besucher der Eröffnung von "Virtual Kingdom of Beauty" bezogen indes eine eindeutige Position. Nach der Visite von Strauss' Arbeiten ließen es sich die meisten nicht nehmen, ausgiebig das prachtvolle Markttor von Milet oder die alten römischen Mosaikfußböden anzuschauen.

Joulia Strauss: "Virtual Kingdom of Beauty". Trojaneum des Pergamonmuseums, Berlin, bis 4. März 2000, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr



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