Vision des Mauer-Malers Wrubel Taliban in Berlin-Mitte

Das Bruderkuss-Bild mit Honecker und Breschnew auf der Mauer machte ihn berühmt - jetzt plant der Moskauer Künstler Dmitrij Wrubel eine gemalte Invasion der Bösewichte in der deutschen Hauptstadt. Um endlich an den Welterfolg anzuknüpfen.

Aus Moskau berichtet


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Mauermaler Wrubel: Kommunistenbussi als Ikone der Wendezeit
Die Finsterlinge der internationalen Politik sollen die deutsche Hauptstadt heimsuchen. Wie Dämone, die plötzlich den öffentlichen Raum beherrschen wollen. An der U-Bahn-Haltestelle Stadtmitte soll ein Taliban-Krieger unter seinem Turban hervorspähen. Im Wedding könnte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad auf das Treiben im Kiez blicken - die Lippen verächtlich geschürzt. Es wäre eine Bilderinvasion der Bösewichte.

Vorbereitet wird sie auf dem Boden eines engen Moskauer Apartments. Dmitrij Wrubel, 49, kauert auf dem dunklen Parkett und sortiert rasch seine Skizzen. Es sind Entwürfe für raumgreifende Werke, die er als politische Botschaften in Berlin auf Plakate und Hausfassaden malen will. Einen Auftraggeber oder Finanzier hat Wrubel noch nicht, er ist vom eigenen Ehrgeiz getrieben. "Am liebsten würde ich gleich für zwei Jahre übersiedeln", sagt er. Nur in Berlin könne er an sein Meisterstück anknüpfen, das ihn vor zwei Jahrzehnten auf einen Schlag weltberühmt machte, glaubt der Russe mit dem zauseligen Bart.

Damals, im Juni 1990, war der Moskauer Kunststudent einer von 118 namenlosen Malern, die einen Streifen der Berliner Mauer verzieren durften. Wrubel lebte von fünf Mark am Tag und ernährte sich hauptsächlich von Dosensuppe. Erfüllt von der Euphorie des Umbruchs im Ostblock und dem Ende des Kalten Kriegs, pinselte er den legendären Bruderkuss von Sowjet-Generalsekretär Leonid Breschnew und DDR-Staatsratschef Erich Honecker auf den Beton.

Als Vorlage diente ihm ein Foto. Wrubels zugleich zärtlich und ironisch anmutendes Kommunistenbussi wurde eine Ikone der Wendezeit. Noch heute ziert der Bruderkuss Postkarten, Schlüsselanhänger und Tassen. Wie kein zweites Kunstwerk symbolisiert es den friedlichen Triumph über das sieche Imperium überalterter Kommunistenführer. "Die ganze Welt kennt meinen Bruderkuss", sagt Wrubel stolz.

Aber der schnelle Ruhm, der anders als bei manchem Pop-Art-Schöpfer über den Tag hinausreichte, wurde auch sein künstlerisches Schicksal: "Kaum jemand interessiert sich für meine anderen Werke. Es ist wie ein Fluch." Immer nachmittags ringt er jetzt darum, endlich aus dem Schatten seines legendären Sinnbilds zu treten. In Filzpantoffeln nimmt er dann an seinem mit Farbklecksern übersäten Schreibtisch Platz. Er schaltet den Computer an und klickt sich gemeinsam mit Gattin Wiktoria, auch sie eine Künstlerin, durch Hunderte Fotos, mit denen Nachrichtenagenturen das Weltgeschehen abbilden. Wie damals beim Bruderkuss will Wrubel die tiefere Wahrheit, den geschichtsmächtigen Augenblick jenseits der Nachrichtenlage ans Licht bringen. Allenfalls eine Handvoll Aufnahmen wählt er als Ideenspender für seine weitere Arbeit aus, meist sind es Porträts. Mit Stift und Tusche reduziert er sie auf das Wesentliche, tilgt Farben, den Hintergrund, mitunter auch Körperteile. Doch eine Jahrhundertaufnahme wie jene von Honecker und Breschnew ist Wrubel nie wieder in den Schoß gefallen.

Ein Mordauftrag direkt aus dem Kreml?

Manchmal scheint es, als wolle er die Wiederholung des alten Triumphs dadurch erzwingen, dass er immer wuchtigere Werke schafft. In einer russischen Provinzstadt begutachtete Wrubel von einer Hebebühne aus die Arbeiten an einem 20 Meter hohen Gemälde. Weitläufig fällt auch sein Opus "2007" aus. Diese politische Jahreschronik misst zwanzig mal drei Meter. Ihr Zentrum bildet das verlöschende Gesicht des ehemaligen Geheimdienstlers Alexander Litwinenko, der vor drei Jahren im Londoner Exil mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde.

Wrubel hält es für möglich, dass die Order für den Mord aus dem Kreml kam. Damals war Wladimir Putin noch Präsident. Den Kreml-Herrn zeigt der Künstler mit schmallippigem Lächeln, einen Revolver in der Rechten. Tausende Besucher sahen das provokante Werk in der Moskauer Galerie von Marat Gelman, der begehrtesten Adresse für moderne Kunst im postsowjetischen Russland. Wrubel ist das nicht genug. "Gewicht hat nur, was ich in Berlin schaffe", sagt er. Deshalb kommt er jetzt wieder in die deutsche Hauptstadt, der Maler auf der Suche nach seinem Genius loci.

Dabei wäre sein Ruhm an dieser Stelle im vergangenen Frühjahr fast zerronnen. An einem sonnigen Märztag versickerte sein Meisterwerk als schmutzige Brühe im Berliner Erdreich, versehentlich hinweggespült von einem 80 Grad heißen Wasserstrahl, als die "East Side Gallery", das Mauerstück, wo der Bruderkuss zur Schau gestellt ist, saniert wurde. Die Kuratoren boten Wrubel an, das Bild aufs Neue zu verewigen. Der Künstler ging mit sich zu Rate. Er war verletzt durch den Verlust, aber würde ihn die Auflösung der Genossen-Umarmung in einem Straßengully nicht auch endlich von einer Last befreien? Am Ende konnte Wrubel nicht anders. Er schuf den Bruderkuss ein zweites Mal.

Auf seinem Computer im Moskauer Atelier betrachtet er zufrieden die Dublette. "In zwei Jahrzehnten bin ich ein besserer Maler geworden", sagt er. Da klingelt sein Mobiltelefon. Ein russischer Geschäftsmann will ihn für eine Auftragsarbeit an der Rubljowka verpflichten, der Meile der Reichen, Schönen und Mächtigen am Stadtrand von Moskau. Dort leben Putin und die geheimnisumwitterten Oligarchen. Der Besteller hätte gern eine perfekte Replik des Mauerbildes für die Nachbarschaft. "Dmitrij, wir besorgen ein echtes Stück Berliner Mauer, und du malst uns deinen Bruderkuss."



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