"Visual Kidnapping": Werbe-Models auf Abwegen

Von Christian Fuchs

Großflächige Werbebanner sind nicht mehr sicher in Berlin. Unbekannte entführen nachts Models und Produkte von den Plakatplanen. Markenhersteller und Polizei tappen im Dunkeln. Den konsumkritischen Kidnappern geht es um die Rückeroberung des öffentlichen Raumes.

Sechs Meter war sie hoch, schlank gebaut und sah ziemlich lecker aus. Riesige Wassertropfen rannen an ihrem Körper herunter über das edle schwarze Etikett. "Warum nicht gleich zugreifen und zero warten, bis es alle haben?" stand neben ihr auf dem Werbeplakat. Dass jemand diese rhetorische Frage ernst nehmen und tatsächlich zugreifen würde, damit hatte die Coca Cola GmbH nicht gerechnet. Erst vor wenigen Tagen ließ der Getränkehersteller das Megaposter mit der überdimensionalen "Coke Zero"-Flasche in Berlin aufhängen, nachdem er im Juli die neue Brause auf dem Markt gebracht hatte. Lange hing die Flasche jedoch nicht, bald fehlte die Pulle auf dem Plakat. Und auf einmal sahen Passanten nur noch zero, wo eigentlich ein Produkt plakatiert werden sollte.

Unbekannte waren nachts auf das Gerüst vor der Universität der Künste (UdK) geklettert und hatten die überdimensionale Flasche einfach ausgeschnitten. Der angehende Regiestudent Sahand Zamani sah morgens um vier zufällig, wie die Flasche "fein säuberlich ausgeschnitten auf dem Boden lag." Mehrere Personen seien auf dem Gerüst, an dem das Plakat angebracht war, herumgeklettert. Bei Coca Cola findet man den "charmanten Diebstahl" gar nicht so schlimm. Unternehmens-Sprecherin Claudia Fasse freut sich sogar "dass Coke Zero bei den Studenten so beliebt ist, dass sie sogar gestohlen wird." Darum entschied der Konzern, dass das kaputte Plakat hängen bleibt. Ein Austausch hätte immerhin 10.000 Euro gekostet. Das Poster sei doch trotz des Ausschnitts noch "ästhetisch schön", meint Fasse.

Kein Plakat mehr sicher

Seitdem die Cola-Flasche entführt wurde, ist kein Plakat mehr sicher in Berlin. In den folgenden Tagen schlugen die Kidnapper noch mehrmals zu. Zuerst erwischte es den Apple-Händler Gravis. Aus dem Werbebanner an einer Baustelle schnitten die Entführer lebensgroße, rot-violett leuchtende Models und Computerprodukte aus. Zurück blieben runde Löcher und Schatten von tanzenden Menschen. "Das war jemand, der nicht ganz richtig im Kopf ist", dachte Nora Prautsch, Sprecherin des Einzelhändlers, zuerst. Ähnlich wie bei Coca Cola hing ihr 3.500 Euro teures Plakat nur vier Tage, bis es künstlerisch verfremdet wurde.

Jetzt versucht die Firma "witzig und kreativ damit umzugehen" sagt Prautsch. Sie hat einen Wettbewerb ins Leben gerufen. Die Models auf Abwegen können als Vorlage im Internet ausgedruckt werden. Wer die Figuren vor dem phantasievollsten Hintergrund fotografiert, gewinnt einen iPod. Prautsch nimmt die "Cut Outs", wie sie die Löcher nennt, gelassen. "Das scheint ein neuer Trend zu sein, es hilft nicht, sich darüber aufzuregen".

Nicht ganz so locker sieht das der Mobiltelefonhersteller Samsung. Das gesamte Charlottenburger Tor an der Straße des 17. Juni hatte der südkoreanische Konzern nach Christo-Manier einhüllen lassen – mit einer Werbebotschaft für ein neues Mobiltelefon. Auch hier emanzipierten sich die - männlichen - Models von den Plakaten und scheinen mit einem beherzten Sprung aus dem Werbeplakat verschwunden zu sein. Die gesamte Verhüllung kostete den Konzern 150.000 bis 200.000 Euro, sagt Samsung-Sprecher Hong Lim. Bei diesen Summen versteht der Elektronikriese keinen Spaß: Die unbekannten Täter wurden wegen Sachbeschädigung angezeigt, das Poster nach kurzer Zeit wieder ausgebessert.

Angesichts der Frage, wer hinter den Model-Befreiungen stecken könnte, tappen die geschädigten Firmen und die Berliner Polizei im Dunkeln. "Das ist als neue Mode nur eine Randerscheinung", sagt Marko Moritz von der Graffiti-Sondereinheit der Polizei, "und in der Masse überhaupt nicht relevant."

Die Entführungen der vergangenen Tage waren nicht die ersten "Visual Kidnappings" von Berlin. Um 5.37 Uhr am 2. April 2002 entführte der Pariser Künstler Zevs ein zehn Meter großes Model am Alexanderplatz, dass für die italienische Kaffeemarke Lavazza warb – mit dem zugegebenermaßen einladenden Slogan "Express yourself". Binnen eineinhalb Stunden schnitt er die Dame aus der Werbeplane und hinterließ die Aufforderung "Visual Kidnapping – Pay now." In einem Bekennerschreiben forderte Zevs 500.000 Euro Lösegeld. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, kappte er einen Finger des Models und sandte ihn in die Firmenzentrale nach Turin. Noch bevor die Polizei ihn greifen konnte, setze er sich nach Schweden ab.

Seitdem tourte Zevs mit einer Filmdokumentation seiner "Geiselnahme" und der eingerollten Kaffeefrau durch europäische Galerien. Vor zwei Jahren ließ er Besucher der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) in Berlin darüber abstimmen, ob die Figur "hingerichtet" werden soll. Im vergangenen Jahr gab er sie schließlich in einer fingierten Lösegeld-Übergabe an Lavazza zurück. Zevs hat eine Mission. Mit dem visuellen Tod seiner Opfer will er auf die "Überflutung und Dominanz kommerzieller Bilder im öffentlichen Raum" hinweisen, schreibt Kuratorin Anke Ulrich im Katalog zur Ausstellung in der NGBK.

Rückeroberung der Stadt

Die Rückeroberung der Stadt ist Zevs Ziel. Den "Aufstand der Zeichen" und die Zurückeroberung des öffentlichen Raumes sah der französische Philosoph Jean Baudrillard schon 1978 mit der aufkommenden Graffitikultur im Schwange. Doch seitdem die Werbung erfolgreich die Sprüherszene für ihre eigenen Interessen einspannt - wenn sie neue Musikalben oder Trendgetränke wie "Coke Zero" durch Schablonengraffiti auf Bürgersteigen bewirbt – suchen sich Straßenkünstler neue Bereiche.

Auf so genanntes Guerillamarketing antworten die Street Artists mit noch krasseren Aktionen. Die französische Bewegung "Antiwerbekommando" besudelte unlängst Plakate in Paris und einigen Provinzstädten mit dem Spruch "Schnauze halten". Auch mit Buchstaben, die sie auf Werbeplakate kleben und sie damit verändern, ziehen Gruppen wie "Résistance à l'aggression publicitaire" ("Widerstand gegen die Aggression durch Werbung") und "Stopub" in den "heiligen Krieg gegen die Konsumgesellschaft und den Terror der Marken", wie die "FAZ" berichtete.

In Berlin gibt es bisher noch kein Bekennerschreiben. Doch auch in Deutschland lehnen sich Menschen gegen Werbung auf, von der sie sich genervt fühlen. In Bremen etwa wurden in letzter Zeit Augen und Münder von Models aus Modeplakaten ausgeschnitten. Bereits im August 2005 wurde ein Riesenposter der Firma Base aufgeschlitzt, das am Berliner Alexanderplatz hing und den Anwohnern mit dem Werbespruch "Das ist echte Redefreiheit" die Sicht nahm. Auf der Website indymedia.org beschwerte sich ein Mieter mit dem Namen "Gauner" darüber, dass man "so eine Fratze, die das ganze Fenster ausfüllt auch nicht einfach ignorieren" könne. Er stellte schon einmal die provokante Frage, ob "die persönliche Freiheit ganz klar Vorrang vor dem Recht eines Großkonzerns auf aggressive Werbung hat".

"Aktion Schlitzgesicht"

Eine Gruppe mit dem Namen "Base in Ya Face" beantwortete diese Frage mit der "Aktion Schlitzgesicht". Sie schnitt den zehn Meter hohen Kopf eines Models der Mobilfunkanbieter aus dem Plakat. Auch das Schweizer Modelabel Tally Weijl wurde Anfang 2006 Opfer von Konsumkritikern. Zwei Großplakate, auf dem sich ein Model im knappen Höschen im Schoß eines rosaroten Plüschhasens räkelte, waren Ziel eines Anschlages. "Die Täter schnitten aus den Köpfen der Akteure handgroße Löcher, befleckten sie mit blutähnlicher Farbe und karikierten einen Penis aus dem Schnitt des Models", sagt Tally-Weijl-Sprecher Christian Handelsman.

Gleich zwei Gruppierungen hatten sich unabhängig voneinander an den Plakaten zu schaffen gemacht. Die so genannte "Love Gang", bestehend aus den Berliner Künstlern Spair und Fiona, sprühte den Spruch "Love Gang" über das Markenlogo und einen Phallus auf das Modelhöschen. Einige Stunden später schlitzte ein anderer Aktivist Löcher in die Plane und umrandete sie mit roter Farbe – so dass sie aussahen wie Einschusslöcher. Spair war am nächsten Tag "ziemlich enttäuscht, wie unsensibel der zweite Typ das bereits veränderte Plakat bearbeitet hatte", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Während in der Street-Art-Community nun gerätselt wird, ob eventuell ein Künstler mit dem Namen Klotz für die Zevs-Nachahmungen der vergangenen Wochen verantwortlich ist, macht sich Szenekenner Sahand Zamani Gedanken, ob die herausgeschnittenen Models eventuell irgendwann wieder kollektiv auftauchen: "Ich könnte mir eine Collage aus allen Figuren vorstellen, als Kunstaktion oder als Guerillamarketing."

Eins haben die Markenartikler jetzt schon gelernt. Ein Werbeleben mit zero Überraschungen gibt es nicht.

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