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Vize-Kandidatin Sarah Palin: Ur-Weib mit Jagdgewehr

Von Anjana Shrivastava

Kinder, Kirche, Karibu-Schießen: Die tiefgläubige, fünffache Mutter Sarah Palin ist das Antibild einer klassischen Feministin - und ganz anders als alle mächtigen Frauen der US-Politik vor ihr. Gerade das macht sie so gefährlich für Barack Obama.

Bisher waren Frauen in der US-Politik dann mächtig, wenn sie neben ihrer starken Persönlichkeit auch über einen hohen Bildungsgrad verfügten. Doch Sarah Palin, John McCains Vize-Kandidatin, hat auf ihrem Weg zur Macht einen großen Bogen um die Institutionen der Elitenbildung gemacht. Statt Harvard oder Yale weist ihr Lebenslauf folgende Stationen auf: Schönheitskönigin, Elternsprecherin - und Karibu-Jägerin. Fallen die amerikanischen Frauen mit Palin in eine archaische Zeit der Jäger und Sammler zurück?

Klar ist: In wenigen Wochen entscheiden vor allem die Frauen, wie die US-Wahl ausgeht. Und im Moment zieht John McCain wegen der Nominierung Palins viele Frauenstimmen auf sich, obwohl bisher meist die Demokraten von einem großen Frauenvorteil profitierten. Doch für welches Frauenbild werden Amerikas Frauen dann am Ende mehrheitlich stimmen?

Die wichtigsten Frauen in der Geschichte des Weißen Haus waren Feministinnen. Von Anfang an war ihr Ehrgeiz entwickelt, für diese Macht auch adäquat gebildet zu sein.

Die Urmutter des Feminismus im Weißen Haus ist Abigail Adams, Frau des zweiten amerikanischen Präsidenten John Adams, den sie 1764 heiratete. Sie stammte aus einer berühmten politischen Familie aus Boston, genoss nur eine informelle Bildung, strebte aber stets eifrig nach mehr.

Trotz ihrer – ihr selbst stets bewussten - Bildungslücken pflegte sie einen regen Briefwechsel mit ihrem Mann, der noch heute wegen seiner politischen und literarischen Brillanz gelesen wird.

Abigail Adams, die das Weiße Haus in Washington als erste First Lady quasi trocken gewohnt hat, war eine frühe Philosophin des amerikanischen Geschlechterkampfes - und trat dennoch für Kooperation ein.

Adams bejahte eine öffentliche Rolle der Frauen, sie sollten mehr als nur attraktive Begleiterinnen ihrer Männer sein. Sie wollte gleiche Bildungschancen für alle damals nicht wahlberechtigten Menschen, also für Frauen und für Schwarze. Ihr Appell an ihren Mann, "Vergiss die Frauen nicht!" liest sich in der heutigen Vorwahlzeit wie ein Menetekel.

Befreiung durch Bildung - Abigail Adams zeigte damit eine Art Königsweg für alle benachteiligten Bürger auf. Und bis heute gilt eben dies aus demokratischer Perspektive als wesentlicher Teil des amerikanischen Traums.

Alle engagierten First Ladies der USA standen in dieser Tradition. Und auch die nächste First Lady, egal, ob sie Cindy McCain aus Arizona oder Michelle Obama aus Chicago heißt, wird sich dem verpflichtet zeigen.

Doch Sarah Palin kommt aus Wasilla, Alaska. Nicht einmal 7000 Einwohner hat das Örtchen.

Für sie ging es nie um akademische Abschlüsse oder intellektuelle Diskurse. Sarah Palin selbst hat sich einmal mit einem Pitbull mit Lippenstift verglichen, und ihre feministischen Kritikerinnen stimmen ihr darin beherzt zu. "Die falsche Frau mit der falschen Botschaft," giftet die Urfeministin Gloria Steinem in der "Los Angeles Times". Palin sei eine Frau, die mit Hillary Clinton außer zwei X-Chromosomen nichts gemeinsam habe.

Lob bekommt Sarah Palin dagegen von Menschen wie dem rechten Talk-Radio-Star Rush Limbaugh, weil sie seiner Ansicht nach folgendes verkörpert: "Guns, babies, Jesus."

Das ist eine primitive Amerikanisierung der einstigen deutschen Leitidee von "Kinder, Küche, Kirche". Primitiv auch im Sinne von archaisch: Palin wie paläolithisch. Das ist mehr als nur ein billiges Bonmot: Palins Speisekammer ist vollgestopft mit von ihr selbst erlegten Exemplaren der gesamten Tierwelt der alaskischen Tundra.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 163 Beiträge
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1. Sarah Palin answers her critics
cibi 12.09.2008
"Kirche, Karibu-Schießen" Beziehen Sie sich damit auf diese Informationsquelle? ;) http://www.funnyordie.com/videos/61410aa4ff
2. .
silenced 12.09.2008
Kurz: Sarah Palin passt mehr zum Volk als all die anderen Frauen z.Zt. im politischem Aufgebot. Mittlere Bildung, gewöhnliche Leistungen, nichts besonderes, also wie der Großteil der Wählerschaft -> eine von "ihnen". Weiterhin zeigen die Republikaner den amerikanischen Traum: Jeder kann alles erreichen, egal welche Elite- oder Nicht-Elite-Bildung vorhanden ist.
3. Mein Gott!
spon-1185716217303 12.09.2008
was kommt da auf uns zu! ich befürchte, dass genau diese frau letztlich den ausschlag für einen sieg geben wird. mir graut vor dieser zeit!!
4. Verstehe einer die Feministinnen...
littleviking 12.09.2008
Ich muß gestehen, ich verstehe die in dem Artikel genannten Feministinnen nicht. Da gibt es eine Frau, die hat in ihrem Bundesstaat das politische Establishment gestürzt und wurde Gouverneurin. Jetzt wurde sie als Kandidatin für den Job des US-Vizepräsidenten aufgestellt, und das mit durchaus gegebenen Siegeschancen. Wenn sie die Wahl gewinnt, hat sie ebenfalls gute Chancen, in vier oder acht Jahren als Kandidatin für den Job des US-Präsidenten aufgestellt zu werden. Beides sind durchaus prestigeträchtige Posten, die keine Frau zuvor bekleidet hat. Im Grunde ein Sieg für die Frauen in der Disziplin des Glasdeckendurchbrechens. Was aber machen die Feministinnen? Die kritisieren sie in Grund und Boden, weil sie kein Universitäts-Studium absolviert hat und anstelle von Abendkleid-Tragens lieber in ihrem Bundesstaat jagen geht (und dabei auch die Tiere trifft). Hallo, aufwachen!!! Unterstützt die Frau, damit die Vizepräsidentin wird!! Oder zumindest beschränkt Euch auf inhaltliche politische Kritikpunkte. Denn alles andere ist Stutenbissigkeit und bringt die Glasdecke nicht ins Wanken.
5. Bornierter Artikel
becker39 12.09.2008
Ich bin kein Fan der Ideen von Sarah Palin, aber was mich irritiert ist die Borniertheit Ihres Artikels. Warum muss man von der Ostküste, aus guter Gesellschaft und aus reichem Hause oder zumindest studiert haben, um zu wissen, was ide Leute wollen und was ein Land braucht. Wer hat uns in den letzten Jahren ja in die politischen und finaziellen Weltkrisen schlittern lassen? Das waren und sind die hochdekuriert studierten, wohlerzogenen Wirtschafts- und Politprofis, die sich nur um Ihres Gleiches kümmern, hohe Gehälter und Abfindungen einstreichen, während die dummen ungebildeten Angestellten udn Arbeiter und natürlich die dummen Landeier die wahre Zeche dafür zahlen dürfen. Aber Entschuldigung Herr Artikelschreiber, sie gehören ja auch einer Elite an, und dann kommt so eine Kuh vom Land, der man Ihr gutes Aussehen noch vorhält und dringt vielleicht in die Machtzentrale der USA ein. Warum gehen auch hierzulande immer weniger wählen und warum haben die extremen Linken und Rechten immer mehr Anhänger? Weil sie volksnäher sind. Wahrhaft, dass was Palin z.B. mit der Ausbeutung der Natur hat, ist total zu verdammen und anderes auch. Aber da steht das kleine ungebildete hübsche Dummchen vom Lande doch nicht alleine mit da, auch viele Elite-Uni-Gebildete haben doch mehr als schräge Vorstellungen davon, wie man z.B. mit dem Leben und der Natur umgeht, auch hier bei uns im Ländle.
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