Völkermord in Namibia "Deutschland hat verschlafen"

Seit Jahren wird darüber verhandelt, wie Deutschland sich für den Völkermord in Namibia zu entschuldigen hat. Der Afrikanist Henning Melber erklärt, warum die Aufarbeitung so schwerfällt.

Marc Erwin Babej

Ein Interview von


  • privat
    Henning Melber, Jahrgang 1950, ist Afrikanist. Im Alter von 17 Jahren wandert Melber von Deutschland nach Namibia aus. Dort engagierte er sich für die namibische Unabhängigkeit. Melber lebt in Schweden, dort leitete er als Forschungsdirektor das Nordiska Afrikainstitut in Uppsala. Für die Ausstellung "Unser Afrika" des Fotografs Marc Erwin Babej, dessen Bilder wir hier zeigen, war er als Berater tätig.

Die Bilder in diesem Artikel stammen von Marc Erwin Babej. Seine Ausstellung "Unser Afrika" ist vom 18. Juni bis 13. Juli in der Diele des Hamburger Rathauses zu sehen.


SPIEGEL ONLINE: Deutschland hat als Kolonialmacht im heutigen Namibia einen Völkermord verübt. Zwischen 1904 und 1908 wurden bis zu 80.000 Nama und Herero getötet. Herr Melber, Sie sind in Deutschland aufgewachsen und 1967 als 17-Jähriger nach Namibia ausgewandert. Was macht das mit einem?

Henning Melber: Ich habe mich schneller als andere Jugendliche mit der Frage beschäftigt: Was ist Heimat? Und für mich war das bald Namibia. Das bedeutete dann auch, dass ich die Vergangenheit kritisch aufgearbeitet habe. Mir war klar, wenn ich als Deutschsprachiger in Namibia dauerhaft leben möchte, dann muss ich mich mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen. Dazu gehört, dass man das Unrecht, das in der Kolonialgeschichte geschehen ist, als solches anerkennt.

Marc Erwin Babej

SPIEGEL ONLINE: Für das Geschehene in Namibia wurde in Deutschland erstmals 2015 offiziell das Wort "Völkermord" verwendet. Woran liegt das?

Melber: Das hat damit zu tun hat, dass es schmerzlich ist, einsehen zu müssen, dass Deutschlands dunkle Vergangenheit sich nicht allein auf das Kapitel der Naziherrschaft beschränkt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, weil man schon so sehr mit der Aufarbeitung des Holocaust beschäftigt ist, ist kein Raum mehr?

Melber: Genau. Und die Kolonialzeit wurde und wird noch immer als gute alte Zeit romantisiert. Das hat dazu geführt, dass kein öffentliches Bewusstsein für die Kolonialverbrechen entstanden ist. Daraus resultiert eine Haltung, die dem Motto folgt: "Jetzt lasst es doch gut sein. Wie weit sollen wir denn noch in der Geschichte zurückgehen und schauen, was deutsche Schuld ist und was nicht?"

SPIEGEL ONLINE: Geht es bei der Aufarbeitung denn nur um die Schuldfrage?

Melber: Es geht um ein Schuldeingeständnis. Das heißt nicht, dass wir im Büßergewand rumlaufen müssen, als hätten wir persönlich die Kolonialverbrechen begangen. Aber Namibia erwartet, dass Deutschland das begangene Unrecht eingesteht und sich dafür entschuldigt. Das ist Voraussetzung für eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte.

Marc Erwin Babej

SPIEGEL ONLINE: Es geht aus namibischer Sicht aber auch um Entschädigungsleistungen.

Melber: Genau das ist der Knackpunkt. Bisher gibt es keinen Fall, bei dem ehemalige Kolonialmächte nicht nur Verantwortung übernommen, sondern auch Entschädigungen gezahlt haben. Das würde einen Präzedenzfall von enormer Bedeutung schaffen. Falls Deutschland zahlt, wären auch andere ehemalige Kolonialmächte wie Belgien oder Großbritannien betroffen. Zum anderen würden anhängige Fälle, die mit der Nazi-Diktatur zu tun haben, wieder aktuell werden.

Es gibt beispielsweise aus Italien oder Griechenland entsprechende Reparationsforderungen von Nachfahren der von der Nazi-Herrschaft geschädigten Zivilbevölkerung. Diese Forderungen wurden von den dortigen Gerichten als rechtens anerkannt. Deutschland akzeptiert sie mit Hinweis auf internationales Recht jedoch nicht. Falls Reparationen an Namibia gehen, müsste sich die Bundesregierung also darauf gefasst machen, dass weitere enorme Forderungen auf sie zukommen.

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Deutscher Kolonialismus: "Unser Afrika"

SPIEGEL ONLINE: Macht es das nicht sehr unwahrscheinlich, dass Deutschland auf Namibias Forderungen eingeht?

Melber: Deutschland wird bei der Formulierung der Vereinbarung das Wort "Reparationen" und wohl auch "Entschädigungen" meiden. Vermutlich wird von einer Zukunftsstiftung oder Kompensationsleistungen die Rede sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Verhandlungen laufen bereits seit drei Jahren, viel Bewegung gab es seither nicht.

Melber: Deutschland betreibt dort seit Jahren Wortklauberei. Die Bundesregierung hat den Völkermord eingestanden ohne entsprechende Konsequenzen folgen zu lassen. Bis heute wird verhandelt, wie eine Entschuldigung formuliert werden soll. Da wird wichtige Zeit vergeudet und das hat fatale Konsequenzen für das deutsch-namibische Verhältnis.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es denn um die Verhandlungen?

Melber: Die dümpeln im Moment vor sich ihn. In Namibia hat sich enormer Frust und Unmut über die Verzögerung angestaut. Der namibische Sonderermittler war anfangs offen und ist auf Deutschland zugegangen. Nun hält er sich zunehmend bedeckter. Die namibische Regierung kann ihrem Volk nichts vorweisen und verliert an Glaubwürdigkeit.

Marc Erwin Babej

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für die Verhandlungen?

Melber: Die Verzögerungen haben eine neue Dynamik geschaffen. So ging es zunächst vor allem um das Schuldeingeständnis und die Entschuldigung. Mittlerweile gerät die namibische Regierung zunehmend unter Druck. Teile der Bevölkerung fühlen sich von der Regierung nicht hinreichend vertreten. So gibt es in New York eine Sammelklage von Nachfahren der vom Völkermord betroffenen Nama und Herero. Sie fordern Reparationen von der Bundesregierung. Die Klage wird noch geprüft, allerdings soll die namibische Regierung mittlerweile eigene Schätzungen angestellt haben, wie hoch die Reparationen zu sein haben. Das Ergebnis ist einem vertraulichen Dokument zufolge eine exorbitant hohe Summe.

SPIEGEL ONLINE: Und das hätte verhindert werden können?

Melber: Hätte man nach dem Eingeständnis des Völkermords schneller etwas folgen lassen, hätte das eine andere Dynamik ergeben. Es hätten durchaus auch kleine Schritte gemacht werden können. Doch es ist nichts passiert. Es gab auch keine symbolischen Handlungen ähnlich wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau. So was hätte für die Bundesrepublik einen deutlichen Terraingewinn bedeutet. Und es hätte den Klägern in New York den Wind aus den Segeln genommen. Deutschland hat verschlafen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Verhandlungen noch zu retten?

Melber: Ich bin mir nicht sicher. Im Moment sind sie etwas vermurkst.

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SPIEGEL ONLINE: Abgesehen davon hat sich in den vergangenen Jahren doch einiges getan. Hamburg setzt sich beispielsweise seit 2014 intensiv mit der Aufarbeitung der kolonialen Geschichte auseinander. So wurde beispielsweise eine Forschungsstelle an der Uni Hamburg eingerichtet.

Melber: Es gibt erhebliche Fortschritte in Deutschland. Hamburg ist da nur ein Beispiel. Ich denke, dass wir offiziell von Völkermord sprechen ist bahnbrechend. Wir sind sehr weit gekommen in den vergangenen Jahren. Allein dass wir dieses Gespräch führen, hätte es vor 15 Jahren nicht gegeben. Oder dass sich vor wenigen Monaten ein Hamburger Senator vorbehaltlos für den Völkermord entschuldigt hat, war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Das ist fast schon revolutionär. Es ist nicht so, dass man sagt, es zählt alles nichts. Aber wir haben auch noch einiges vor uns.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von den Verhandlungen auf Regierungsebene, was braucht es für eine gesunde Erinnerungskultur?

Melber: Wir müssen ein Bewusstsein schaffen für die Kolonialverbrechen. Beispielweise muss in der politischen Bildungsarbeit mehr für das Thema sensibilisiert werden. Beitragen könnte dazu eine gemeinsame Schulbuchkommission mit Vertretern aus Namibia. Mit Polen oder Frankreich gab es das in Bezug auf die Nazi-Diktatur. Das wäre ein guter Schritt für eine gemeinsame Vergangenheitsarbeit. Allerdings bauen wir die Hypothek aus 100 Jahren Geschichte auch nicht von einem Tag auf den anderen ab.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von "wir".

Melber: Natürlich. Ich begreife Namibia als meine Heimat, komme aber aus Deutschland. Das deutsch-namibische Verhältnis ist meine eigene Kernidentität.

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