S.P.O.N. - Oben und unten Plötzlich ein Untoter

Ein mutmaßlicher Drogenfund bei Politiker Volker Beck - und nun beginnen die Kondolenzbekundungen auf seiner Facebook-Seite. Warum ist das ein politisches Todesurteil?

Eine Kolumne von


Volker Beck lebt. Das sollte man nicht vergessen. Denn wenn man derzeit auf seine Facebook-Seite geht, liest es sich mitunter ganz anders. Da sind die Leute "traurig und betroffen", sie schreiben: "Danke für alles", "ein trauriger Tag", "du wirst sehr fehlen" und "der Respekt für deine Leistungen wird bleiben". Eine frühere grüne Bundestagsabgeordnete wird von der "Süddeutschen Zeitung" mit den Worten zitiert, man "verliere" einen der "Allerbesten". So viel anders würden die das alle nicht formulieren, wenn Beck einen tödlichen Skiunfall gehabt hätte - aber nein, er hatte eine andere Art von Unfall, wenn man so will.

Man weiß noch nicht, was genau passiert ist. Die Hinweise darauf, dass es Crystal Meth war, das da bei Beck gefunden wurde, beruhen bislang alle auf "Informationen" der "Bild"-"Zeitung" (mehr zu Crystal Meth hier). Auf Bild.de stand: "Nach Informationen von BILD soll es sich dabei vermutlich um Crystal Meth handeln." Wenn die schon schreiben, dass es nur "vermutlich" ist, dann ist es nicht besser als gewürfelt. Bevor ich mir Informationen aus der "Bild" hole, werde ich anfangen, Wahlergebnisse danach vorauszusagen, neben welchen Busch unsere Katze gepinkelt hat. Es ist dann nicht ausgeschlossen, dass es stimmt, aber die Herleitung war so lala.

Aber denen, die sich jetzt mit Volker Beck solidarisch erklären, ist es offenbar auch eher egal, von was genau er da 0,6 Gramm bei sich hatte. Einer seiner Facebook-Freunde fordert einen "Candysturm für Volker" - also das Gegenteil eines Shitstorms -, was insofern eine etwas tragische Wendung der Geschichte ist, als Volker Beck den Begriff "Candystorm" einmal selbst erfunden hat, um Claudia Roth zu unterstützen.

Oder auch ganz schön, eigentlich. Neulich, als Peter Lustig starb, schrieb jemand auf Twitter, es wär doch auch mal eine Möglichkeit, Nachrufe auf die noch Lebenden zu schreiben, damit die wissen, wie sehr man sie schätzt. Volker Beck kriegt also seine Nachrufe jetzt schon zu Lebzeiten - und so viel kann man schon sagen, da steht viel Gutes und Rührendes drin.

"Bild"-Zeitung titelte: "Grüner mit Hitler-Droge erwischt!"

Aber natürlich gibt es auch die Häme, und davon nicht wenig. Hässliche, schadenfrohe Dinge, die ins Internet gespuckt werden, als hätten die Leute ihr Leben lang auf nichts anderes gewartet. Und wie viele Fotos mit schlechten Zähnen die Bildredaktionen jetzt plötzlich finden. Den Vogel schießt trotzdem die "Bild"-Zeitung ab mit ihrer Titelseite: "Grüner mit Hitler-Droge erwischt!"

Irgendwie scheinen sich viele schon einig zu sein, dass Volker Beck jetzt quasi tot ist. Beck sei mit diesem "Drogentod" "politisch erledigt", hieß es bei der Deutschen Welle (inzwischen wurde der "Drogentod" zu einem "Absturz" korrigiert)., Auf Twitter schreibt jemand: "Damit ist für mich @Volker_Beck politisch gestorben." Die "taz" fragt etwas zaghafter, ob Beck die Drogenaffäre "politisch auf längere Sicht überlebt".

Genau wie Crystal Meth die Menschen bei langfristigem Konsum zu hässlichen Zombies machen kann, ist Volker Beck nun zu einem Untoten geworden, der eigentlich noch da ist, aber irgendwie auch nicht mehr. Bisher hat er nicht mehr getan als seine Fraktionsämter - nicht aber sein Bundestagsmandat - niederzulegen und anzukündigen, sein Anwalt werde "zu gegebener Zeit eine Erklärung gegenüber der Staatsanwaltschaft abgeben". Bleibt also schön viel Raum für Spekulationen.

Wir "müssen akzeptieren, dass eine drogenfreie Welt eine Illusion ist", hat Kofi Annan neulich im SPIEGEL geschrieben. Tja, wem sagt er das? Gerade erst kam der Uno-Drogenbericht raus, in dem steht, dass fast ein Viertel aller erwachsenen EU-Bürgerinnen und Bürger schon einmal illegale Drogen genommen haben. Und auch Politiker scheinen eine Art Mensch zu sein, wenn man sich an einen Fernsehbericht aus dem Jahr 2000 erinnert, laut dem im Bundestag auf 22 von 28 Klos Kokainspuren gefunden worden waren.

Wann und warum ist ein Drogenfund ein politisches Todesurteil?

Die Frage, die sich für Volker Beck stellt, bleibt: Wann und warum ist so ein Drogenfund ein politisches Todesurteil? Vielleicht hätte Beck einfach koksen sollen wie jeder andere normale Mensch in Berlin-Mitte. Denn das Schlimmste an dem Fund ist die Vermutung, dass es Crystal Meth war, der unglamouröseste Dreck, den man sich reinziehen kann. Solange man nicht sicher weiß, ob es das war, gilt immer noch, dass

  • Beck erstens nicht unbedingt gegen seine eigenen Prinzipien verstoßen hat (denn er ist weder der Papst noch Beautybloggerin, sondern ein Politiker, der unter anderem für eine liberale Drogenpolitik steht) und
  • er im juristischen Sinne kein schweres Verbrechen begangen hat, weil die Menge, die er bei sich trug, als "geringe Menge" nicht unbedingt eine Anklage nach sich zieht.

Es bleibt aber natürlich der moralische Aspekt und die Frage der Vorbildfunktion. Crystal Meth wäre schlimm, weil es einfach keine Fair-Trade-Droge ist und man mit dem Konsum ziemlich sicher die falschen Leute unterstützt.

So weit, so schlecht. Andererseits gehört es zum Wesen von Untoten, dass sie eben wiederkehren, das weiß man aus Zombiefilmen, und da sind sie oft - das ist der Witz dieser Filme - beeindruckend durchsetzungsfähig.

Karriere einer Droge

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 441 Beiträge
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Seite 1
Hank Hill 03.03.2016
1. Wenn
der Drogenbeauftragte mit illegalen Drogen geschnappt wird reicht das definitiv aus. Die Selbstgerechtigkeit von Beck ist unerträglich. "Ich war immer für eine liberale Drogenpolitik". What a load.
yshitake 03.03.2016
2. Was ist das für eine Frage?
Wann und warum ist ein Drogenfund ein politisches Todesurteil? Wenn ein Normalsterblicher mit Drogen erwischt wird, ist der beruflich und gesellschaftlich meistens auch ruiniert. Warum sollte das nun anders sein? Ich hör sonst immer so schöne Worte wie Vorbildfunktion...aber ist wahrscheinlich gerade nicht dienlich um die Meinung zu torpedieren. Von mir aus kann der auch wie seine Freunde Hartmann und eDathy weiterhin sein Unwesen in der Politik treiben. Ist der Ruf erst ruiniert lebt es sich schön ungeniert...und das nicht erst seit gestern
Hilfskraft 03.03.2016
3. er braucht Hilfe ...
... und keine Vorwürfe. Auch nicht seitens Kretschmann. Entzug und eine neues Leben nach der Verhandlung wird auf seinen Zettel stehen. Bestimmt nicht mehr in der Politik. Schade um jeden Menschen, der sich mit sowas einläßt. Warum der eignene Verstand versagt, keine Ahnung. Kann mich nicht reindenken.
elbgeistDD 03.03.2016
4.
er ist einer der lautesten Berufsempörer, allein deshalb ist ein Crystal-Meth-Fund das politische Ende für ihn, hoffentlich.
fatrick 03.03.2016
5. Die Gesellschaft der Heuchler
Die Gesellschaft der Heuchler schlägt zu- jeder der einen Freund im auswärtigen Amt hat in Berlin, der weiß , dass die dort zumindest zeitweise zu 50 % unter Kokain stehen und zumindest auf Kokain stehen- interessant wirds erst wenn man die genauen Einkaufswege dafür verfolgt - Volker Beck tut mir leid - ich denke er ist kein Heuchler wie ca 70 % der Menschen um ihn herum
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