Saisonauftakt mit Castorf-Nachfolger Chris Dercon Volk begrüßt neuen Volksbühnen-Chef

In Berlin luden die neue Volksbühnenbesatzung und ihr umstrittener Chef Chris Dercon zur Eröffnung die Hauptstadtbevölkerung zu einem Tanzfest aufs Tempelhofer Feld - und wurden überraschend freundlich begrüßt.

Barbara Braun

Zu sehen war kein Protestplakat weit und breit, zu hören war nicht das geringste feindliche Gebrüll, auch sonst gab's keine Spur von Hass. Mit neugierigen Gesichtern und völlig hauptstadtuntypischer guter Laune haben mehrere Tausend Berlinerinnen und Berliner am Sonntag auf dem Tempelhofer Feld den neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon begrüßt. Ist das nicht überraschend nach zwei Jahren feindseliger Vorabpropaganda gegen den belgischen Theaterchef und seine Mitstreiter, die nach der 25 Jahre währenden Intendanz von Frank Castorf die Volksbühne übernehmen?

"Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" hieß das Spektakel, zu dem bei frühherbstlichem Sonnenschein sehr viele junge Menschen und Sonntagsausflügler mit Kindern, aber auch eine Menge meist dunkel gekleideter Kulturbürger auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof herumspazierten. Von zwölf Uhr mittags an gab es zehn Stunden Mitmachtanz und Gruppendisco, nebenbei auch Tanzkunst mit Weltniveau zu bestaunen.

"Volksbühne/ No problems/ Nur Probleme" steht auf roten Plakaten in der Eingangshalle des Tempelhofer Flughafengebäudes. Die Plakate, auf denen ein Rollkoffer abgebildet ist, sind ein ironischer Kommentar zur Wühlarbeit jener Berliner Dercon-Hasser, die in den vergangenen beiden Jahren verbreiteten, dass der Mann und seine Mitarbeiter Teil einer international operierenden, irgendwie ortsfremden und also verdächtigen Künstlerclique seien.

Fotostrecke

5  Bilder
Volksbühnen-Auftakt: Frei getanzt

Mobbing gegen den Neuen

Tatsächlich gab es in diesen zwei Jahren eine Menge oft wirre Mobbingparolen, mit denen Berliner Kulturmenschen aggressiv Vorbehalte dagegen äußerten, dass der bisher für seine Arbeit als Kunstmuseumschef und nicht für seine Theaterkompetenz bekannte Dercon dem Volksbühnenchef Castorf nachfolgen soll. Dercon wurde in Berlin offen als angeblicher Agent des Großkapitals angegiftet, doof bei einer Party mit Bier übergossen und übel hinterrücks verleumdet, ließ aber nie Zweifel daran, dass er seinen Posten trotzdem anzutreten gewillt ist.

Weit weg vom berühmten Volksbühnenbau am Rosa-Luxenburg-Platz hat Dercon nun auf dem Tempelhofer Feld, wo er im Hangar 5 eine neue Spielstätte einrichtet, zum sonntäglichen Eröffnungsfest seiner Intendanz geladen. Hauptakteur des Tages war der Choreograf Boris Charmatz. Der ist ein international agierender Tanzkünstler mit Wohnsitz in Brüssel, und er präsentierte Veranstaltungen, die einige der Vorurteile der Dercon-Gegner zu bestätigen schienen: Es wurde tatsächlich kein eigenes Ensemble präsentiert; die rund 200 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler waren in ganz Berlin und zum Teil auch von außerhalb der Stadt rekrutiert worden. Es waren streng genommen keine Ur- und Erstaufführungen zu sehen. Es gab kein Sprechtheater. Und es war ein Event.

Fotostrecke

5  Bilder
Volksbühnen-Auftakt: Frei getanzt

Als Suche nach der Begründung eines neuen, launigen Volksbühnengedankens, den man möglicherweise sogar tanzen kann, war das Volksfest auf dem Tempelhofer Feld am Sonntag gleichwohl ein Erfolg. Eine Mischung aus Tag der offenen Tür, Rave, Kindergeburtstag, Anschauungsunterricht in Tanzgeschichte und Mitmachtheater. "Rennen, Fallen, Chaos, das ist Volksbühne", rief Charmatz einmal, während er die Besucher in einer Tanzlektion zu einer Massenchoreografie animierte.

Stets am falschen Ort?

Man sah Berliner Hip-Hop-Kinder und französische Schüler, die versuchten, "Le Sacre de Printemps" neu zu interpretieren; man sah spontan mittanzende Kleinkinder, Menschen mit Rollschuhen oder Skateboards und solche, die auf dem Beton ein Picknick machten oder geduldig in der Schlange vor dem Stand einer belgischen (!) Biermarke standen, um sich beim Einschenken eines dieser Biere filmen zu lassen und dafür das Glas Bier umsonst zu bekommen. Man sah ernst zu nehmende und auch lachhafte Soli von Tanzkünstlern aus der Berliner freien Szene. Und während man von Spektakel zu Spektakel flanierte, hatte man das Gefühl, womöglich stets zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, weil woanders die Leute lauter klatschten.

Zwischendurch gab es auch ergreifende Kunst. Der syrische Choreograf und Tänzer Mithkal Alzghair zeigte sein Solo "Displacement", in dem er in nur 15 Minuten sein Leben erzählt. Er verwandelte sich vom selbstbewussten jungen Mann in schweren Stiefeln zu einer sich fast nackt auf dem Betonboden wälzenden, wie von unsichtbaren Tritten gepeinigten Kreatur.

Eine Berliner Kollegin wusste zu berichten, dass die Performance schon mal in Berlin beim Festival "Tanz im August" zu sehen war, aber geschenkt: Das machte sie nicht weniger eindringlich - und sie im Kontext eines Fests mit dem Motto "Ganz Berlin tanzt" zu zeigen, gibt ihr noch mal eine stärkere Bedeutung.

Der Gastgeber Dercon selbst verzichtete an diesem Tag auf eine seiner oft blumigen Ansprachen und hatte umherwandernd sein Strahlemanngesicht aufgesetzt. Es war kein Waterloo, sondern eher ein kleines Berliner Woodstock, das er am Sonntag abschreiten durfte. Das Programm, das er und seine Mitstreiterin Marietta Piekenbrock verkündet haben, versucht eine Austreibung des Geistes der Castorf'schen Volksbühne - und hat unter anderem dazu geführt, dass Anfang September eine von 40.000 Menschen unterschriebene Petition beim Berliner Senat abgegeben wurde, in der zum Beispiel die Erhaltung der Bühne als Sprechtheater gefordert wird.

Das Sprechtheater wird nicht abgeschafft

Tatsächlich wollen Dercon und Piekenbrock in der Volksbühne eine Theaterneuerfindung bei fast bei null beginnen. Sie wollen daran erinnern, das Theater im Vorsprachlichen beginnt (also beim Tanz); wollen zeigen, dass Theater nicht allein steht; wollen streng die Theorien und Texte eines heutzutage möglicherweise zu Recht selten gespielten modernen Klassikers (Samuel Beckett) noch mal durchnehmen. Klingt strapaziös, aber: Die Behauptung, Dercon wolle das Sprechtheater abschaffen, ist eine Fehlinformation.

Am Eröffnungstag schien der große Berliner Theaterstreit um die Volksbühne für ein paar Stunden vergessen. In einem "Soul Train" durften tanzwillige Besucher eine Stunde lang zu Funk und Soul das Rollfeld auf- und abhopsen, animiert von einem DJ mit übergroßer sternförmiger Sonnenbrille. Das Gegengewicht zu solchem Partyquatsch bot nicht bloß Boris Charmatz mit seiner konzentrierten, fast schon strengen Unterweisung für ein paar Hundert freiwillige Mittänzer, die mit "Levée" dann tatsächlich eine Tanzgemeinschaft zeigten, in der das Individuum sichtbar blieb.

Geradezu ehrfürchtig bildeten die Volksbühnenfestbesucher später einen riesigen Kreis auf dem Rollfeld um die belgische Starchoreografin Anne Teresa de Keersmaeker. Sie zeigte als einsame Tänzerin im ärmellosen hellen Kleid ihr Solo "Fase" zur Minimal Music von Steve Reich. Dieses Solo mag 35 Jahre alt sein, an diesem Sonntag war es die kühle, gelassene Eroberung der Tempelhofer Betonbühne - und eine Demonstration dafür, wie intuitiv, unaufdringlich und universell Tanz nicht als einzige, aber als gültige Theatersprache funktionieren kann.


"Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" war eine einmalige Veranstaltung.
Am 14.9. hat Boris Charmatz' "A Dancer's Day" im Hangar 5 in Tempelhof Premiere. Kernstück darin ist sein neues Stück "10.000 Gesten"; weitere Vorstellungen 15.-17.9.

Vom 21.-24.9. präsentiert Charmatz dann "danse de nuit".

Volksbuehne.berlin

Mehr zum Thema


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
El pato clavado 11.09.2017
1. Aber sicher
wird er freundlich begrüsst. Ein Event mit Remmidemmi, das lieben die Leute,nicht nur die Berliner. Es sei ihnen gegönnt. Der Mann sollte auch nach Hamburg kommen, da sind sie besonders geil auf Events, egal was.
kurtzac 11.09.2017
2. Tanzen geht immer
vor allem wenn es importiert ist. Dazu braucht es kein Konzept, keine Strategie und keine Auseinandersetzung. es finden sich immer welche, die Mittanzen -macht ja auch Spaß. Aber muss man dafür die Volksbühne aufgeben?
ohnefilter 11.09.2017
3. Warum dieser Ausländerhass?
Es kann nur besser werden. Castorff war ein Dilettant, der den Theaterbetrieb gegen die Wand fuhr. Decron ist professioneller, und vor allem kein Berliner. Schon das nimmt ihm das konservative Publikum übel.
prof.unrat 11.09.2017
4. Häh?
Zitat von ohnefilterEs kann nur besser werden. Castorff war ein Dilettant, der den Theaterbetrieb gegen die Wand fuhr. Decron ist professioneller, und vor allem kein Berliner. Schon das nimmt ihm das konservative Publikum übel.
Können Sie Ihren Eindruck über Herrn Castorf irgendwie belegen? Und sie sind die zahlreichen früheren Volksbühnenbesucher dann alle doof gewesen? Was ich schlimm finde, ist dass der Verlust der Volksbühne in Berlin nicht kompensiert werden kann. Auch Herr Dercon kann sie nicht ersetzen. Herr Renner hat eine schlechte und ignorante Entscheidung getroffen. Ich glaube, er weiß gar nicht, was er da angerichtet hat.
iggyp. 11.09.2017
5. .
Zitat von ohnefilterEs kann nur besser werden. Castorff war ein Dilettant, der den Theaterbetrieb gegen die Wand fuhr. Decron ist professioneller, und vor allem kein Berliner. Schon das nimmt ihm das konservative Publikum übel.
Das Land braucht unbedingt mehr Leute die 25 Jahre brauchen um gegen die Wand zu fahren! Die meisten schaffen's leider schneller.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.