"Volksvernichtung" in Wien Das Leben ist so sinnlos wie die Leber

Faschismus, Fäkalien und Poesie: Nikolaus Habjan inszeniert am Akademietheater den bösen Werner Schwab mit grotesken Puppen. Und zeigt: Der spießigste Mittelstand ist die Hölle auf Erden.

Reinhard Werner/ Burgtheater

Hier möchte man wirklich nicht auch noch wohnen: ein reichlich heruntergekommenes Mietshaus in Graz mit dem Charme von ranzigem Bohnerwachs. Unten hausen die Wurms, Mutter und Sohn, eine schlimme Schicksalsgemeinschaft: Sie hält ihren Herrmann für einen "Schädling", eine "Geschlechtsstrafe", keift ihn ins Abseits, wo er gerade noch gut genug zum Tellerabwaschen ist. Er, verkrüppelt von Geburt am rechten Fuß, ein dilettierender Landschaftspinsler mit "alkoholischer Körperschlechtigkeit", nennt sie "verfaulte Schlampe" und pinkelt triumphierend in ihre Topfpflanzen.

Im Stockwerk drüber schaut es auch nicht besser aus. Die Kovacics sind eine entsetzlich schreckliche Familie mit salbaderndem Vater ("Ich bin ein einheimischer Deutschösterreicher"), der rein erzieherisch seine minderjährigen Töchter missbraucht, einer Mutter, deren verschminkter Sexappeal die hochgradige Beschränktheit ist, und den backfischigen Gören, die picklig ständig "ficken" kichern.

Etwas extrem Fratzenhaftes

Über allen aber thront Frau Grollfeuer, Besitzerin des Anwesens: eine Diva der Bitternis, eine Furie des Verwünschens, die das Volk, das immerhin den Zins bei ihr entrichtet, für fürchterlich hält und überhaupt daran zweifelt, dass es eine "organische Intelligenz" gibt.

Werner Schwab (1958 in Graz geboren, 1994 am Alkohol gestorben) hat dieses wüste Bestiarium in sein Stück "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" gepackt und damit ein Unsittenbild geliefert, in dem den Menschen alle Freiheiten, das Leben zu verwirken, gegeben sind, nur eines ihnen versagt bleibt: die Chance, aus dem Sumpf von Dummheit und Borniertheit zu fliehen. Der spießigste Mittelstand ist die Hölle auf Erden.

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Werner Schwab: Auch Puppen können Monster sein

Und Schwab hat ihnen eine Kunstsprache in die plappernden Münder gelegt, die perfide mit Poesie und Defätismus, Sehnsucht und Derbheit, Vertuschung und Entlarvung, Faschismus und Fäkalien jongliert: Sie ringen mit den Worten und verunstalten die Begriffe, sie stürzen aus dem Dialekt in einen Fürstenjargon, den sie nicht zu gebrauchen wissen, sagen "Ich" und meinen doch einen, den sie gar nicht kennen. In einem kurzen geistigen Lichtblick trifft ausgerechnet Frau Kovacic ins Schwarze, das hier leicht das Braune ist: "Die böse Sprache meint sich selber ja nicht so ernst, und die Menschen sind ihr auch egal."

Es war schon immer schwierig, für dieses artifizielle, perfekt komponierte, einzigartige "Schwabisch" auf der Bühne wirklich (ent)sprechende Bilder zu finden. Der junge Regisseur Nikolas Habjan hat es jetzt im Wiener Akademietheater (der kleinen Bühne des Burgtheaters, es ist sein Debüt dort) mit Puppen versucht und vermeidet es somit gekonnt, die Schwabschen Personen, die sich ohnehin durch ihr Gesagtes entlarven und selber schwer belasten, noch einmal als Karikaturen ihrer eigenen Unzulänglichkeit vorzuführen.

Zwar haben auch die von Fabjan und Marianne Meinl geschaffenen lebensgroßen Figuren etwas extrem Fratzenhaftes, aber in der grotesken Überzeichnung ihrer markanten Makel werden sie zu irgendwie nicht ganz greifbaren Wesen, denen ja naturgemäß die selbstständige Artikulation abgeht, und agieren wie eine Art Vermittler nun zwischen den Wörtern und Sätzen und uns, die wir ihrem Tun und vor allem Lassen immer noch entsetzt und angeekelt folgen.

Auch Puppen können Monster sein

Habjan ist ein Fan des großen australischen Puppenspielers Neville Tranter, dessen ebenso subversive wie ergreifende Kunst unerreicht bleibt. Dieses Vorbild sieht man den Figuren an, die der Regisseur, der auch selber mitspielt, in Wien auf die Bühne bringt: verbraucht-verzerrte Gesichter, breite Klappmäuler, eine steife und dennoch entlarvende Mimik, und ihre halben Körper hängen wie siamesische Zwillingsgeburten an ihren Spielern (die hier allesamt hochkarätige Burg-Sprech-Künstler sind).

Doch während der Mensch Tranter mit seiner Puppe in einen Dialog mit oft genug verhängnisvollen Folgen tritt und man langsam nicht mehr genau weiß, wer da wohl wen führt, wer den Gedanken denkt und wer wen erdacht hat, lässt Habjan seine Figuren als eigenständige Charaktere agieren und stellt sein künstliches Volk ganz in den Dienst des Textes von Werner Schwab.

Mag sein, das nimmt ihm etwas die Schärfe und das Ungehörige, Unerhörte. Das, was eigentlich kein Mensch in den Mund nehmen sollte, klingt hier etwas gedämpft und abgeschwächt. Aber auch Puppen können Monster sein, und wenn sich Frau Grollfeuer einmal einen "wirklichen Möglichkeitsmenschen" wünscht, dann kommt sie damit der realitätsverhunzenden Personage, die ihr da die Zinshaus-Ruhe raubt, schon ziemlich nahe. Sie ist übrigens die Einzige, die "nur" als Mensch agiert, was schon zeigt, dass all die anderen, die sie verachtet und später auch vernichtet, nichts als Fremdkörper für sie sind.

Zwischen Diktatur und Einsamkeit

Barbara Petritsch spielt diese Grande Dame der Gnadenlosigkeit mit extremem Sarkasmus und schneidendem Zorn, mit morbider aristokratischer Würde. Ihre Mieter vegetieren zwischen einem großbürgerlichen Treppenaufgang unter einer Plastik-Käseglocke (Bühne: Jakob Brossmann) wie in einem Terrarium für obskure Geschöpfe, die man besser nicht auf den Rest der Menschheit loslässt.

Und Petritsch beobachtet und quält sie, nimmt ihnen die Luft zum Atmen und kanzelt sie aus sicherem Abstand wie ein Racheengel ab. Natürlich ist ihr von Alkohol durchtränktes Weltbild auch wirr und philosophisch hohl, siedelt irgendwo zwischen Diktatur und Einsamkeit, Vernunft und Irrtum, Übermensch-Fantasien und Untermensch-Geschwafel und wird, man ahnt es, schon "morgen die ganze Welt" bedeuten. Auf ihrer Geburtstagsfeier vergiftet sie die Bagage dann gnadenlos.

Zwar liest sie noch ein fast versöhnliches Frühlingsliedchen von den Puppenlippen Herrmanns ab, aber am Ende muss freilich auch eine Frau Grollfeuer erkennen, dass jetzt für sie die einsamen "Tage ohne Schaumkronen" anbrechen. Und ihr Leben wird so sinnlos sein wie ihre Leber.


Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos. Akademietheater Wien, nächste Vorstellungen am 2., 9. und 23.12.

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insgesamt 2 Beiträge
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Alexis_Saint-Craque 30.11.2018
1. Boulevardtheater
Das Theater ist immer dann groß, wenn die Bühne exakt das spiegelt, was vor ihr sitzt. Und diese Kunst Konsumierenden partout nicht verstehen, dass sie sich selbst sehen. In all ihrer Entstellung. Es ist ganz hervorragendes Boulevardtheater. Eine Sarah Kane ist ja heute doch zu solipsistisch und l'art pour l'art. Was sie jedoch zum perfekten Sedativ macht. Das bleibt der Hauptbühne und ihren Abonnenten vorbehalten. Bitte gehns weiter zur Kassa. Danke.
dondon 30.11.2018
2. Kein Puppenfan
Ich bin ja generell kein Puppenfan; mein Kinder haben vor Kasperletheater, Räuber Hotzenplotz u.ä. oft Angst. Aber extrem hässliche Puppen darzustellen die "reihenweise" ihre Kinder missbrauchen u.ä..... gelinde gesagt, ich kann mich nicht besonders dafür begeistern. Aber wenn die Absicht war Ekel zu erzeugen, Glückwunsch, das ist deutlich gelungen!
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