ARD-Dokudrama "München 72" "Es war das 9/11 der Siebziger"

Bunt sollten die Spiele werden, doch sie wurden vor allem blutig. SPIEGEL-TV-Produzent Marc Brasse hat für die ARD im Film "Vom Traum zum Terror" das Olympia-Attentat von München rekonstruiert. Im Interview spricht er über Parallelen zum 11. September - und einen gefühlvollen Genscher.

NDR

SPIEGEL ONLINE: Herr Brasse, Ihr Film über das Attentat in München kommt ein halbes Jahr nach dem Fernsehfilm von teamworx im ZDF. Es könnte so aussehen, als wären Sie zu spät dran. Stört Sie das?

Brasse: Ganz und gar nicht. Wir hatten von vornherein ganz unterschiedliche Ansätze. Die Kollegen von teamworx - die einen sehr guten Film gemacht haben - erzählen auf der fiktionalen Ebene, wir auf der Ebene des Doku-Dramas. 40 Jahre nach dem Geschehen wirkt das Drama noch unglaublich aktuell.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah es mit den Gewaltszenen aus? Gab es bei den sogenannten Reenactment-Szenen, also den Nachstellungen historischer Momente durch Schauspieler, Tabus?

Brasse: Ja, für uns war ganz klar: Die brutalen Vorgänge in den Unterkünften der Israelis wollten wir nicht szenisch rekonstruieren. Es gibt dokumentarische Materialien, mit denen man sich diesem Horror annähern kann: Aufnahmen des israelischen Fernsehens und Fotos vom Tag danach. Das ist grauenvoll genug.

SPIEGEL ONLINE: Sie verkneifen sich auch jeden ironischen Unterton über den von heute aus als blauäugig anzusehenden Idealismus: Man strebte heitere Spiele in Deutschland an und berücksichtigte deshalb Sicherheitsaspekte nicht genug.

Brasse: Das stimmt. 1972 war ich noch ein Kind. Ich kann mich nur an einzelne Bilder erinnern - ein Mann mit einem Strumpf über dem Kopf, ein ausgebrannter Hubschrauber -, aber nicht an sportliche Ereignisse. Im Rahmen der Recherche haben Florian Huber und ich festgestellt, wie wunderbar die Spiele bis zum Attentat waren. Deshalb ist es schade, dass wir bei München '72 immer nur an Terror denken können. Es war den Veranstaltern bis zum Anschlag etwas Unglaubliches gelungen: In Deutschland fröhliche, bunte Spiele zu organisieren. Und das nach Berlin 1936.

SPIEGEL ONLINE: Bei der teamworx-Produktion stellt sich der Eindruck ein, mit besserer Sicherheitspolitik und einer Truppe wie der späteren GSG 9 hätte man die Katastrophe vermeiden können. Ihr Film legt die Überzeugung nahe: Es gab angesichts des damals vorherrschenden Zeitgeists keine Chance.

Brasse: Der 5. September '72 ist das 9/11 der siebziger Jahre gewesen. Man hat damals sicher schreckliche Fehler gemacht, aber man hat auch nicht wirklich, trotz aller Warnungen im Vorfeld, mit so einem Anschlag gerechnet. Deshalb tue ich mich schwer damit, den historischen Figuren von heute aus zu sagen, ihr hättet dies und jenes anders machen müssen. Man hat es auf diplomatischem Wege versucht und auf polizeilichem. Die Akteure von damals standen unter unglaublichem Druck. Sie waren auf dieser Situation nicht vorbereitet und in den Stunden des 5. September 1972 völlig überfordert.

SPIEGEL ONLINE: Wer oder was von den damaligen Akteuren hat Sie am meisten beeindruckt?

Brasse: Die Gespräche mit dem ehemaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher. Wir hatten lange Zeit Probleme, ihn überhaupt für ein Interview gewinnen zu können. Am Anfang war es eines dieser typischen Genscher-Gespräche - diplomatisch und politisch. Doch dann wurde er emotional. So erzählt er, wie er bei seiner Mutter und bei seiner Frau anruft, um noch einmal deren Stimmen zu hören, bevor er den Entschluss fasst, sich als Geisel zur Verfügung zu stellen, im Austausch für die israelischen Sportler. So hatte ich Genscher noch nicht gesehen.


"Vom Traum zum Terror - München '72", Sonntag, 22. Juli, 21.45, ARD. Kino-Premiere mit Gästen: Dienstag, 17. Juli, Metropolis-Kino, Hamburg

Das Interview führte Nikolaus von Festenberg



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Discordius 17.07.2012
1. Terrorismus 1972
Zitat von sysopNDRBunt sollten die Spiele werden, doch sie wurden vor allem blutig. SPIEGEL-TV-Produzent Marc Brasse hat für die ARD im Film "Vom Traum zum Terror" das Olympia-Attentat von München rekonstruiert. Im Interview spricht er über Parallelen zum 11. September - und einen gefühlvollen Genscher. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,842108,00.html
Marc Brasse meint, man habe nicht mit einem Anschlag auf die Olympischen Spiele gerechnet. Dies mag für einige verantwortliche Politiker und Organisatoren gelten, die aber die im Grunde bekannte Gefahr wohl eher ignoriert haben. Es gab Anfang der 70er schon weltweit eine Reihe von Flugzeugentführungen und anderen Attentaten durch die PLO und Linksextremisten. Beispielsweise hatte die RAF in Deutschland im Mai 1972 mehrere Bombenattentate verübt. Der Münchner Kriminalpsychologe Georg Sieber hatte vor der Olympiade verschiedene mögliche Szenarien entwickelt, darunter eines, das dem wirklichen PLO-Anschlag ziemlich genau entsprach. Somit hätte der gezielte Einsatz von Sicherheitskräften das Attentat vielleicht sogar verhindern können.
tw1974 17.07.2012
2. Naja..
Zitat von DiscordiusMarc Brasse meint, man habe nicht mit einem Anschlag auf die Olympischen Spiele gerechnet. Dies mag für einige verantwortliche Politiker und Organisatoren gelten, die aber die im Grunde bekannte Gefahr wohl eher ignoriert haben. Es gab Anfang der 70er schon weltweit eine Reihe von Flugzeugentführungen und anderen Attentaten durch die PLO und Linksextremisten. Beispielsweise hatte die RAF in Deutschland im Mai 1972 mehrere Bombenattentate verübt. Der Münchner Kriminalpsychologe Georg Sieber hatte vor der Olympiade verschiedene mögliche Szenarien entwickelt, darunter eines, das dem wirklichen PLO-Anschlag ziemlich genau entsprach. Somit hätte der gezielte Einsatz von Sicherheitskräften das Attentat vielleicht sogar verhindern können.
Es kam wohl vieles zusammen. (1) Man wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Deutschland sich als Polizeistaat präsentiert, sondern ganz bewußt einen Kontrapunkt zu den Spielen 1936 setzen. (2) Aus heutiger Sicht gab es genug Hinweise auf eine terroristische Bedrohung (Attentate von palästinensischen Gruppen, der RAF, etc). Man muss das Handeln der Beteiligten aber vor dem Hintergrund der damaligen Zeit sehen. Die Attentate palästinensischer Gruppen waren (scheinbar) weit weg und hatten keinen Bezug zu Deutschland. Der Terror der RAF wurde als beendet betrachtet, insbesondere weil die wesentlichen Figuren (Baader, etc.) kurz vorher verhaftet worden waren und im Gefängnis saßen. Nach den Verhaftungen im Sommer 1972 gab es auch einige Jahre keine Terroranschläge, da die 1. Generation faktisch zerschlagen war. (3) Die von Sieber erdachten Szenarien wurden (tragischerweise) wohl für unrealistisch gehalten . AUch vor 9/11 wurde das Szenario "Flugzeug in Wolkenkratzer" erdacht, aber es wurde für unrealistisch betrachtet. Ich will nicht sagen, dass ich Ihnen nicht grundsätzlich zustimme, dass Fehler gemacht wurden, aber aus der Zeit heraus ist das Handeln der Protagonisten nicht unplausibel.
TeslaTraX 17.07.2012
3. Geht gar nicht!
Also das mit dem 9/11 zu vergleichen ist ehrlichgesagt ziemlich abwegig ...
Zenchan 17.07.2012
4. Nichts geahnt? Politisches Wolkenkuckucksheim!
Es brauchte nicht einen Georg Sieber, um 1972 terroristische Anschläge vorauszusehen. Bereits vor dem 5. September hatte es palästinensische Attentate in Deutschland gegeben. Flugzeugentführungen, Bombenanschläge usw. waren keine Ausnahme-Erscheinungen mehr: Unter anderem attackierte am 10.2. 1970 ein PLO-Kommando auf dem Münchener Flughafen Reisende in einem Bus auf dem Weg zur El-Al-Maschine. Wurde aber alles verdrängt, bagatellisiert und als Ausnahmefall beschönigt. Und: Bereits ein Jahr vor dem Massaker in Fürstenfeldbrück hatte die Münchener Polizei (unter dem gleichen Chef und dem gleichen Bürgermeister!) bei der Geiselnahme in der Prinzregentenstraße sich so gottserbärmlich blamiert, aber trotzdem gab es keine ausgebildeten Scharfschützen, keine entsprechend geschulten Zugriffsteams bei dem bayrischen oder anderen Polizeien. Warnern innerhalb des Polizeiapparats wurden ausgelacht nach dem Motto "Wir sind doch nicht im Wilden Westen!" - auch der SPIEGEL schlug immer gern in diese Kerbe. Vogel-Strauß-Politik und politisches Wunschdenken gab es damals wie heute. In ähnlicher Weise wie bis vor kurzem (vor der Enttarnung des NSU-Trios aus Zwickau) die neonazistische Gewaltbereitschaft von Politik und Behörden negiert und schöngeredet wurde, wurde damals die Gefahr durch grenzübergreifend agierende Terroristen fahrlässig mißachtet. Jahrzehntelang versuchten uns auch die gleichen "Herren der Lage" zu erklären, dass es hierzulande keine organisierte Kriminalität gäbe. Was Wunder auch, reichten doch deren Verbindungen bis in höchste politische Kreise. Wir sind doch hier nicht in Chikago - hieß es immer wieder. Reden wir doch mal Klartext: Gewisse Politiker und ihre Trabanten im Sicherheitsapparat haben damals in nahezu krimineller Weise, auf jeden Fall grob fahrlässig die Gefahren außer Acht gelassen. Da wird immer was von einem Georg Sieber erzählt, als wäre der der einzige Sehende unter all den Blinden vor der Olympiade gewesen. Gab es keine Hinweise aus Verfassungsschutz, BND, BKA? Keine Warnungen aus den "Diensten" - und das zu einer Zeit, wo palästinensische Terrorgruppen und Baader-Meinhof genauso wie Alt- und Neo-Nazis schon regen Kontakt pflegten, Informationen und Waffen austauschten? Es wäre an der Zeit für die investigativen Journalisten vom SPIEGEL, da mal in den Archiven nachzuschauen. Ach ja, und dann checken sie auch gleich mal nach, was mit den Versagern von München, dem Bürgermeister Vogel, dem Polizeipräsidenten Schreiber und dem Einsatzleiter von Fürstenfeldbrück, Münchens Vize-Polizeichef Wolf nach 1972 passierte und welche schönen Karrieren sie noch machten...
tw1974 17.07.2012
5. Terror?
Teile der PLO (insb. PFLP, etc) haben sich durchaus als revolutionär verstanden und sahen sich - wie die RAF - als Teil der Weltrevolution. Das ist - zumindest - stark vereinfacht. Sogar, wenn ihre These des "Landklaus" stimmen würde, rechtfertigt das nicht den Terror gegen Unschuldige.
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