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Theater über den Tod: Was bleibt, wenn ein Mensch verschwindet?

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Theater Basel "Vom Verschwinden vom Vater" Schauspiel von Wolfram Höll, 2014/15 v.l.n.r.: Andrea Bettini, Ariane Andereggen, Claudia Jahn Zur Großansicht
Judith Schlosser

Theater Basel "Vom Verschwinden vom Vater" Schauspiel von Wolfram Höll, 2014/15 v.l.n.r.: Andrea Bettini, Ariane Andereggen, Claudia Jahn

Der Vater des Schriftstellers Wolfram Höll ist vor einiger Zeit an Gallenkrebs gestorben. In seinem neuen Theatertext spürt er ihm nach.

Das Bild ist trüb: Ein halbtransparenter Vorhang trennt die Besucher im Saal von den Schauspielern auf der Bühne, von einem Sofa in muffigem Lila, einem Regal mit staubigen Radios, einem Schrank mit alten Klamotten. Über der Szene leuchten die vier grünen Zahlen einer digitalen Uhr: "20:00". Es ist 20 Uhr, die Uraufführung des neuen Stückes von Wolfram Höll im Theater Basel beginnt.

"Vom Verschwinden vom Vater" heißt es und es hat einen realen, autobiografischen Hintergrund: Hölls Vater ist vor einiger Zeit gestorben, an Gallenkrebs. Ausgehend davon hat Höll einen Text über den Tod geschrieben oder genauer: über das Sterben. Über das Verenden, das Vergessen, das Verschwinden, das schon mit der Nachricht einsetzt, dass der Vater unheilbar krank ist.

Die Worte tanzen aus der Reihe

Höll greift zu auffallend vielen Pflanzenmetaphern, beschreibt den sterbenden Menschen und das Sterben staunend - wie ein Naturschauspiel. Er schreibt in einem lyrischen Ton, sprachverspielt und klangverliebt:

"Jedes Mal/ wenn ich ihn/ sehe/ wird er/ älter/ der Körper älter/ die Haare grau/ (er graut)/ er ergraut/ Haut graut/ die Lippen gilben/ .../ aber die Falten/ bleiben die alten."

Höll setzt seine Worte sparsam in schmale Spalten. Es ist eine karge Sprache, die fast verschwindet, so wie sein Vater. Getippt auf einer Schreibmaschine, sodass schon mal ein Wort etwas weiter weg steht von den anderen oder ein Buchstabe etwas tiefer, sodass schon mal ein Element aus der Reihe tanzt. Der Text ist Bild. Sinnbild dafür, dass es den Autor schreibt, so wie es ihn erinnert.

Der Vater ist weg, aber was ist noch da? Eine Geschichte nicht, allenfalls Fragmente jener Geschichte, die der Tote einmal mit den Überlebenden geteilt hat. Erinnerungsspuren, denen Höll nun nachspürt. Er verzichtet auf eine lineare Handlung, setzt an und stockt und setzt neu an, lässt einem Schritt nach rechts zwei nach links folgen und einen zurück. Und so läuft man mit Höll an diesem Abend in ziemlich viele Sackgassen des Erinnerns.

Die Regisseurin Antje Schupp setzt die Eigenart dieses sehr eigenen Textes in manchen Momenten klug um, etwa wenn sie ihre drei Schauspieler in drei Variationen eines schwarz-weiß gemusterten Pullis steckt und sie an drei Schreibmaschinen setzt, um sie dort über den zu schreibenden Text diskutieren zu lassen. Als seien sie die widerstreitenden Erinnerungs-Stimmen im Kopf des Autors. Gut ist auch der Umgang mit der Digitaluhr, deren Anzeige zunächst mit der real im Saal verstreichenden Zeit voranschreitet, dann aber hängenbleibt, mal zurückspringt und wieder nach vorne, plötzlich "19:99" anzeigt, wie eine Jahreszahl, oder auch mal nur den Namen "HOLL", mit O statt Ö. Es gibt Löcher in der Zeit, Fehler im System Erinnerung.

In anderen Momenten aber verfällt Schupp dem Versuch, Passagen des Textes wirklich in Szene zu setzen, naturalistisch zu bebildern. Der halbtransparente Vorhang fährt nach wenigen Minuten nach oben und gibt den Blick auf die Bühne ganz frei. Dort sitzen die Schauspieler mal an einem leeren Krankenhausbett, mal packen sie Klamotten und Radios in Umzugskisten, als räumten sie die Wohnung eines Verstorbenen aus. Das wirkt schnell banal und auch ein bisschen kitschig.

Sperrige Sprachpartitur

Der Theaterautor Wolfram Höll baut keine Text-Fertighäuser, in denen sich Schauspieler und Zuschauer bequem einrichten können. Er schichtet Sprach-Bruchstück auf Sprach-Bruchstück. "Schreiben geht nur radikal", hat er mal in einem Interview gesagt, das er nach seinem Debütstück "Und dann" gab. Das Stück machte ihn schlagartig bekannt und brachte ihm 2014 den Mülheimer Dramatikerpreis ein.

Auch "Und dann" war ein Erinnerungsstück: eine sperrige Sprachpartitur, geschrieben aus der Perspektive eines sechsjährigen Jungen, der nach der Wende ohne Mutter in einem ostdeutschen Plattenbau aufwächst. Ein lyrisch komponiertes Theaterstück, bestehend aus Erinnerungs-Bruchstücken, die der Autor per Schreibmaschine in schmale Spalten gepresst hatte. Richtigen Halt fanden sie dort nicht, die Erinnerung blieb lückenhaft.

Die Uraufführung besorgte die Regisseurin Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig. Sie reagierte radikal auf die radikale Herausforderung des Textes, indem sie ihren Schauspielern riesige Pappmaschee-Puppenköpfe aufsetzte und ihre Stimmen verzerrte: ein grotesker Theaterspuk mit unheimlichen Wiedergängern aus dem DDR-Kinderfernsehen. Es war eine kongeniale Umsetzung, vor allem weil Bauer die Sprache als Material verstand, auch als Musik, so wie Höll sie versteht. Sie blieb einem fremd.

In Basel gelingt Schupp das leider nicht. Ihre Inszenierung ist wesentlich weniger artifiziell als der Ansatz Bauers in Leipzig. Sie macht einem die fremde Sprache Hölls wieder vertraut, sie kettet seine bild- und assoziationsreiche Theaterlyrik mit Eins-zu-eins-Bebilderungen an den Boden des Realismus. Es sind nicht viele solcher Bebilderungen in der gerade mal 58 Minuten langen Inszenierung, aber es sind zu viele. Hölls Texte reagieren da empfindlich.


Wolfram Höll, "Vom Verschwinden vom Vater": Uraufführungs-Inszenierung von Antje Schupp im Theater Basel. Weitere Vorstellungen 11., 12. und 29. Mai, 2. und 25. Juni. Kartentelefon 0041(61)2951133.

Zum Autor
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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1. Was bleibt, wenn ein Mensch verschwindet?
enerbanske 08.05.2015
Außer ein wenig Asche oder Gebeinen nichts! Je nach Bekanntheitsgrad vielleicht noch ein Eintrag in irgendeiner Historie, aber das wars dann auch schon. Dem Betreffenden kann das allerdings relativ egal sein, es sei denn, er hat das Bedürfnis, in die Geschichte einzugehen. Aber selbst das ist angesichts fehlender Kontrollmöglichkeiten ein eher alberner Wunsch. Das Thema Tod beschäftigt die Menschen deshalb so sehr, weil sie Probleme mit der Vergänglichkeit/Endgültigkeit haben und wohl fast jeder insgeheim über ein "danach" nachdenkt, wofür es bis heute leider keine belastbaren Belege gibt. Aus naturwissenschaftlicher Sicht jedenfalls. Religionen bzw. spirituelle Betrachtungen sind eine andere Baustelle.
2. Danke für den kommentar...
GustavLecter 09.05.2015
Zitat von enerbanskeAußer ein wenig Asche oder Gebeinen nichts! Je nach Bekanntheitsgrad vielleicht noch ein Eintrag in irgendeiner Historie, aber das wars dann auch schon. Dem Betreffenden kann das allerdings relativ egal sein, es sei denn, er hat das Bedürfnis, in die Geschichte einzugehen. Aber selbst das ist angesichts fehlender Kontrollmöglichkeiten ein eher alberner Wunsch. Das Thema Tod beschäftigt die Menschen deshalb so sehr, weil sie Probleme mit der Vergänglichkeit/Endgültigkeit haben und wohl fast jeder insgeheim über ein "danach" nachdenkt, wofür es bis heute leider keine belastbaren Belege gibt. Aus naturwissenschaftlicher Sicht jedenfalls. Religionen bzw. spirituelle Betrachtungen sind eine andere Baustelle.
Beim Lesen, kann einem wegen des Stücks und dieses Artikel nämlich schlecht werden. Aber so hats der "Normalo" halt gerne, viel Brimborium, damit einem die Realität nur ja nicht zu Nahe kommt. Ein heute 60jähriger kann davon ausgehen, dass in 50 nicht ein einziger Mensch sich auch nur mehr daran erinnert, dass er je existiert hat. Der Rest kann sich das für ihn zuständige Datum selber ausrechnen. Man lügt sich seine Existenz zurecht, indem man auf jeden Fall mal grundsätzlich davon ausgeht, dass nach dem Tode noch was kommt. Aber... was soll man tun, wenn einem Dummheit und Feigheit jeden Weg zum Denken versperren....
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