Vorrang für Berlusconi RAI unterdrückte Papst-News

Die Nachricht vom verschlechterten Gesundheitszustand des Papstes erreichte Italiens Fernsehzuschauer erst mit einiger Verspätung. Der Grund: Die staatlich kontrollierte RAI gab einem stundenlangen Interview mit Premier Berlusconi den Vorzug.


Berlusconi in "Porta a Porta": Politshow statt Papst-News
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Berlusconi in "Porta a Porta": Politshow statt Papst-News

Hamburg - Ganz Italien bangt um die Gesundheit des Papstes. Selbstverständlich auch der Premier. Silvio Berlusconi habe angesichts des ernsten Zustandes des Pontifex die verschiedenen politischen Gruppen aufgerufen, den Wahlkampf für die am Sonntag anstehen Regionalwahlen zu unterbrechen. Aus Respekt vor dem in Italien besonders tief verehrten Papstes kamen die Parteien dieser Aufforderung teilweise sogar zuvor und sagten ihre Wahlkampfveranstaltungen ab.

Gestern Abend war die Prioritätensetzung allerdings noch eine andere - zumindest beim von der Berlusconi-Regierung kontrollierten Staatsfernsehen RAI. Im ersten Kanal des Senders lief gerade eine mehrstündige, aufgezeichnete Sendung der beliebten Politshow "Porta a Porta" mit Moderator Bruno Vespa. Stargast der Sendung: Ministerpräsident Berlusconi höchstpersönlich.

Der Regierungschef, beim konservativen Vespa ohnehin ein gerngesehener Gast, ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt, sich den Zuschauern wenige Tage vor den Regionalwahlen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Schließlich gilt der Urnengang am Sonntag als wichtiger Test für die Parlamentswahlen im kommenden Jahr, und der Premier steht in Umfragen längst nicht mehr so gut da.

Äußerst ungelegen müssen den Wahlkämpfern da die Meldungen der Nachrichtenagenturen gekommen sein, der Gesundheitszustand des Papstes habe sich dramatisch verschlechtert. Was tun? Das Programm unterbrechen? Dem Ministerpräsidenten ins Wort fallen? Die RAI-Führung entschied sich italienischen Presseberichten zufolge dagegen - sehr zum Unmut der Nachrichtenredaktion des traditionell eher linken Kanals des Staatsfernsehens, der RAI Tre.

Dort wollte man gerade eine Direktübertragung mit den neuesten Nachrichten aus dem Vatikan senden, als die RAI-Leitung einschritt. Die Zeitungen "La Repubblica" und "L'Unità" zitierten ein heute von Mitarbeitern der Nachrichtenredaktion herausgegebenes Statement: "Wir sind entrüstet und schockiert, was letzte Nacht passierte, als die ersten Nachrichten über den verschlechterten Gesundheitszustand des Papstes eintrafen. Die Senderleitung zwang uns, eine Live-Sendung abzubrechen, um das geplante Programm weiterlaufen zu lassen."

Während jeder andere Fernsehsender in der Welt die News aus dem Vatikan gebracht habe, sei ihnen ein Maulkorb verpasst worden, klagten die Journalisten. Um nicht den Schwesterkanal RAI Uno bloßzustellen, der, ungerührt von der Nachrichtenlage, das Berlusconi-Interview weitersendete, hätten sie ihre Arbeit einstellen müssen. Der Staatssender wies die Vorwürfe zurück.

Auch die privaten Sender, zum allergrößten Teil im Besitz der Berlusconi-Firma Mediaset, hielten die News zunächst zurück - und kassierten dafür ebenfalls Kritik der eigenen Redakteure.

Dominik Baur



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