Wagner in Israel Heftige Kritik an Barenboim

Der Chefdirigent der Berliner Staatskapelle, Daniel Barenboim, muss sich scharfe Kritik gefallen lassen, nachdem er am Wochenende bei einem Konzert in Israel Wagner als Zugabe spielen ließ. Der Künstler selbst verteidigte seinen Tabu-Bruch.


Heftig kritisiert: Daniel Barenboim
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Heftig kritisiert: Daniel Barenboim

Barenboim, der in Israel aufgewachsen ist, hatte am Wochenende beim Israel-Festival in Jerusalem als zweite Zugabe die Ouvertüre von Richard Wagner zu "Tristan und "Isolde" gespielt und damit ein Tabu - und eine zuvor getroffene Vereinbarung mit der Festspielleitung - gebrochen. Der Komponist gilt als Antisemit. Wagners Musik wurde von den Nazis instrumentalisiert, seine Werke wurden auch in Konzentrationslagern gespielt - für viele Holocaust-Überlebende wecken die Klänge daher schmerzhafte Erinnerungen.

Barenboim selbst verteidigte seine Aktion. Es sei künstlerisch wichtig, Wagner in Israel zu spielen, sagte er der israelischen Zeitung "Haaretz". Er könne verstehen, dass Israelis schlimme Assoziationen mit Wagner verbinden. "Aber ich glaube nicht, dass sie das Recht haben, andere daran zu hindern, Wagner zu hören." Paradoxerweise sei es "eine Art Sieg der Nazis, Wagner nicht in Israel zu spielen". Weiter sagte der Künstler: "Ich habe das Publikum entscheiden lassen, und es gab nur vier Gegner. Dies ist ein demokratisches Prinzip - die Mehrheit entscheidet."

Jossi Tal-Gan, Leiter des Israel-Festivals, nannte Barenboims Entscheidung dagegen "inakzeptabel". Man werde erwägen, Barenboim künftig nicht mehr zum Israel-Festival einzuladen. Israels Staatspräsident Mosche Kazaw erklärte, Wagner in Israel nicht aufzuführen sei "kein Verstoß gegen die künstlerische Freiheit, sondern Rücksichtnahme auf die Gefühle von Holocaust-Überlebenden". Ministerpräsident Ariel Scharon sagte, es sei möglicherweise noch zu früh, Wagner in Israel zu spielen. "Mir wäre es lieber, man würde Wagner nicht in Israel aufführen, weil es viele Menschen gibt, denen es weh tut, seine Werke zu hören."

Die Musiker des Orchester stellten sich unterdessen hinter ihren Dirigenten. Unterstützung erhielt er auch vom der Intendanten der Deutschen Oper Berlin, Udo Zimmermann. Barenboim sei "in dieser Sache der beste Anwalt."



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