Wahlkampf-Talk im ZDF Populist ist immer der andere

Maybrit Illner talkte ausnahmsweise auf der Metaebene: "Wie platt darf Wahlkampf sein?" Die Antwort konnte man sich denken - trotzdem war es eine lehrreiche Debatte über Stammtisch-Rhetorik, Volksnähe und finsterste Instinkte.

Von Reinhard Mohr


Die Alliteration der Ankündigung war wieder mal ganz famos - und wurde werbehalber auch gleich noch ins zu Ende gehende "heute journal" hineingezogen: "Poltern, pöbeln, provozieren: Wie platt darf Wahlkampf sein?" hieß die erkenntnisleitende Frage bei "Maybrit Illner" gestern Abend im ZDF. Der Ostfriese würde antworten: So platt wie das Land hinterm Deich, näch?

TV-Talkerin Illner: Populismus ist gut, wenn er Spaß macht
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TV-Talkerin Illner: Populismus ist gut, wenn er Spaß macht

Und so soll es sein. "Wahlkampf ohne Populismus ist wie Stammtisch ohne Bier", sagte der smarte "Bild am Sonntag"-Chef Claus Strunz, und wir ergänzen gerne: "Bild" ohne Stammtisch wäre wie Heringssalat ohne Ascorbinsäure, wie Currywurst ohne Ketchup, wie Ku'damm ohne Café Kranzler.

Den "Unterhaltungswert einer Wirtshausschlägerei" jedenfalls, den Maybrit Illner dem aktuellen Wahlkampfgetöse zubilligte, hat "Bild" jeden Tag. Populismus ist also gut, wenn er Spaß macht, die Auflage steigert und die "politischen Positionen zuspitzt", meinte Strunz.

"Der Populismus hat Grenzen", sagte dagegen der Publizist Michael Jürgs, der vor Jahren eine Axel-Springer-Biografie veröffentlicht hat. Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) verteidigte die Wahlkampagne seines Chefkochs mit den schönen Worten, man müsse aufgreifen, "was die Menschen bewegt". Da fiele uns allerdings noch vieles ein, was wir jedoch lieber nicht aufgreifen wollen.

Michael Naumann, Grandseigneur, Bürgermeisterkandidat der SPD in Hamburg, beurlaubter "Zeit"-Herausgeber, Autor und bewährter Intellektueller, verwahrte sich gegen den Populismus-Vorwurf, soweit er die eigene sozialdemokratische Mindestlohn-Kampagne betraf. Die sei, anders als Kochs Kampfgeschrei, absolut rational und ökonomisch vernünftig, bewege also die Köpfe der Menschen und nicht ihr Bauchgefühl.

Nicht neu, aber ehrlich

Oswald Metzger, jüngst bei den Grünen ausgetreten und immer noch auf der Suche nach einer neuen politischen Heimat, konnte nur Wahlkampf für sich selbst machen. Dabei rief er immerhin seine außergewöhnliche Begabung in Erinnerung, politische Leidenschaft und den Charme vernünftiger Argumente zu einer Art intelligentem Populismus zu verbinden. Seine These war nicht neu, aber dafür ehrlich: Viele Wähler wollten im Grunde ihrer Seele belogen werden, weil sie die Wahrheit nur schwer vertrügen. Umso mehr wird nach der Wahl gegen die "Lügner und Betrüger" in der Politik gewettert.

Jeder Art von Populismus, in dem ja auch das Wörtchen populär steckt, war allein der ostdeutsche Psychoanalytiker Hans Joachim Maaz völlig abhold, der gerne tiefer gegraben hätte bei dieser Ursachenforschung zum Thema Wahrheit und Lüge in Zeiten des Wahlkampfs. Erst recht beim Verhältnis von Jugendgewalt und Strafrecht hätte er lieber auf "Prävention" als auf Polemik und Provokation gesetzt. Der "narzisstische Wettstreit" bringe niemanden weiter, und an dieser Stelle empfahl er sogar, von den Ostdeutschen zu lernen. Die seien weniger konkurrierend, zurückhaltender und verständigungsbereiter.

"Finstere Instinkte"

Doch die vorherrschende Logik ist klar: Populismus ist gut, wenn er der eigenen "Wahrheit" Flügel verleiht, nur nennt man ihn dann nicht so. Ansonsten gilt: Der böse Populist ist immer der andere. Er appelliert "an finstere Instinkte" (Naumann), verdreht die Fakten und lässt ehrliche Leute nicht zu Wort kommen.

Immerhin ließ auch "BamS"-Chef Strunz deutliche Zweifel an der Wirksamkeit von Kochs Kampagne erkennen - was auch die jüngsten Zahlen von Infratest Dimap belegten. Und Kochs Kellner Bouffier sah sich gezwungen, im hessisch gefärbten Tonfall eine alte Satzfigur Walter Ulbrichts zu verwenden: "Niemand hat die Absicht, Zwölfjährige ins Gefängnis zu stecken."

Was aber dann? Ein wenig ziellos pendelte das Gespräch zwischen der konkreten Debatte und dem diskursiven Metathema hin und her, zwischen Jugendgewalt und der inneren Logik von Wahlkämpfen in der parlamentarischen Demokratie. Ein Beispiel der Verwirrung lieferte Jürgs, der einerseits den Populismus der Parteien kritisierte, andererseits aber Jugendschnellgerichte wie in New York als vorbildlich empfahl, wo junge Straftäter blitzschnell verurteilt würden, über Nacht ("Night Court"), wenige Stunden nach ihrer Tat.

Da konnte selbst Hessens Hardliner Volker Bouffier dem liberalen Hamburger Jürgs kurz Staatsbürgerkunde erteilen: "Schnellgerichte gibt es in Deutschland nicht."

Wie vertrackt die Dinge sind, erfuhr am Ende auch Maybrit Illner. Als sie Michael Naumanns Wahlkampfforderung nach Schulgeld- und Studiengebührfreiheit metaphorisch mit "Freibier für alle!" übersetzte, sah sie sich selbst dem Vorwurf des Populismus ausgesetzt.

Am Ende erwies sich, dass die Debatte über Populismus in einer Talkshow dem Versuch entspricht, das Problem ehelicher Untreue in einem Swingerclub auszudiskutieren.

Trotzdem schön, dass wir wieder mal darüber geredet haben.



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