Wahlnacht im Fernsehen Auf allen Kanälen

Moderatoren-Hundertschaften im Einsatz und schier endloses Vorglühen voller Einspielfilmchen und Kurztalks machten die Wahlnacht zu einem Fernsehereignis. Reinhard Mohr hat das endlose TV-Geblitze und Gedonnere bis zum fröhlichen Ende ausgehalten.


Es war ein bisschen wie Warten aufs Christkind. Die ersten Kerzen wurden schon um 21.45 Uhr im "heute-journal" des ZDF angezündet, als Christian Sievers vor der großen Computer-"Patchwork"-Karte Amerikas stand. Die Prognosen variierten auch farblich zwischen tiefrot und tiefblau, doch alles schien bereits auf einen Triumph Obamas zu deuten.

"Vorglühen" nennt man das, eine Art Warm-up zu Beginn einer langen Partynacht. Selbst Henry Kissinger, einst US-Außenminister und langjähriger Freund von John McCain, rief im Gespräch mit Johannes B. Kerner live aus der Bucerius Law School in Hamburg dazu auf, sich um den neuen Präsidenten zu scharen. Es war ziemlich klar, dass auch er schon Barack Obama im Sinn hatte. In der Stunde der Entscheidung wollte er freilich lieber allein zu Hause sein: "Dann muss ich nicht mit so vielen Leuten reden."

Das wiederum tat Johannes B. Kerner mit der amerikanisch-deutschen Entertainerin Gayle Tufts und anderen Gästen gewohnt ausgiebig, derweil "Anchor" und Gelegenheitsblogger Claus Kleber von der American University in Washington aus die seltsame amerikanische Welt zu erklären versuchte ("Die Nacht im Netz"). Kurz vor Mitternacht meldete sich dann der Studioleiter des ZDF in Berlin, Peter Frey, live aus dem alten Fernmeldeamt in Berlin-Mitte, wo die Party der amerikanischen Botschaft stattfand. Das große Spektakel konnte beginnen.

Mit geballter (Wo-)Manpower ging auch die ARD zu Werke, deren gut zehnstündige Sondersendung "Amerika wählt" direkt nach den regulären "Tagesthemen" begann. Zwischen den Berichten der Korrespondenten und Reportern in Washington, in Arizona, Ohio und Chicago, Illinois, wo eine Million Obama-Fans erwartet wurden, talkte Sandra Maischberger mit Ex-Innenminister Otto Schily, Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und Reporterurgestein Gerd Ruge über das Ende der Ära Bush und die Auspizien einer Obama-Präsidentschaft.

Monica Lierhaus, die sportive Allzweckwaffe der ARD, sprach vor der Kulisse des Capitol Hill mit einem deutschstämmigen US-Schauspieler, mit "Tagesthemen"-Moderator Tom Buhrow und dem Seriendarsteller Wolfgang Fierek ("Ein Bayer auf Rügen") über die Besonderheiten des American Spirit: "Der Amerikaner kommt mit Krisen ja gut zurecht. Und sie sind immer positiv."

Auch Jörg Schönenborn, der Wahl- und Zahlenguru der ARD, lief sich schon weit vor Mitternacht warm, stets auf dem Sprung zur ersten belastbaren Hochrechnung. Unvermeidlich bei all dem Vorgeplänkel, dass sich die Themen und Motive der stundenlangen Berichterstattung vor der Bescherung wiederholten, ganz egal, wohin man gerade zappte: Spielt die Hautfarbe Obamas eine wahlentscheidende Rolle, täuschen die positiven Umfragen, hat die Finanzkrise den Zweikampf gewendet, wie lange wird es dauern, bis die Entscheidung gefallen ist?

Die Wartezeit musste mit allen einschlägigen Mitteln des Fernsehzirkus – von der Liveschalte übers Expertengespräch und Quizfragen bis zum x-ten Einspielfilmchen - überbrückt werden. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, in den letzten Wochen hätten ganze Hundertschaften deutscher TV-Journalisten die Weiten Amerikas durchkämmt - immer auf der Suche nach der seelischen Befindlichkeit jenes Landes, das Bewunderung wie Verachtung gleichermaßen auf sich zieht.

Auf N24/Sat.1 ("Machtkampf in Amerika: "Nacht der Entscheidung") begann man Punkt Mitternacht mit dem Sendemarathon, freilich in deutlich schmalerer Besetzung, dafür mit den kompetenten Kommentatoren im Berliner Studio, Melinda Crane und Dieter Kronzucker. Auch RTL ("Amerika wählt") hatte anscheinend die halbe Besatzung nach Amerika entsandt, allen voran Chefredakteur Peter Kloeppel, der zur gleichen Zeit gestern Abend bei "Switch Reloaded" auf ProSieben gleich mehrfach grandios parodiert wurde ("Wieder Staatskrise in Lampukistan").

Zwischen Ernüchterung und Euphorie

Um 1 Uhr wurde es dann langsam ernst. Jörg Schönenborn verkündete in der ARD die ersten konkreten Prognosen für einzelne Staaten: Kentucky geht mit 8 Wahlmännerstimmen an McCain, Vermont mit drei an Obama. Gleich viermal heißt es "too close to call", zu knapp für eine Festlegung. Das ZDF folgt auf dem Fuße. RTL hat dieselben Zahlen, allerdings mit erheblicher zeitlicher Verzögerung.

Um halb zwei die erste Ernüchterung: Obama wird doch nicht wie im Fluge gewinnen. Wackelstaaten allüberall. Keine klare Linie. Es wird wohl am Ende nicht doch McCain der Sieger sein? Also musste weiter geredet und gemutmaßt, vorgefühlt und nachgedacht werden. Auf allen Kanälen. Unerschöpflich schien das Reservoir an Talkgästen, unendlich die Fülle dessen, was alles so geredet werden kann, wenn die Nacht lang wird.

Um 2 Uhr schließlich kommen die nächsten Zahlen. Staat für Staat an der Ostküste geht an Obama, republikanische Hochburgen aber bleiben offen. Zwischenstand: 103:34 für Obama. Der Optimismus im demokratischen Lager steigt. Arena-Stimmung kommt auf. Olé!

In Chicago drängen die Massen schon zur Siegesfeier für Obama, erste Freudentränen fließen. Und bei ARD und ZDF, so viel ist klar, hätte auch Johann Wolfgang von Goethe, lebte er denn heute, in der ersten Reihe gesessen und womöglich wie bei der legendären Kanonade von Valmy am 20. September 1792 ausgerufen: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."

Dem Weimarer Dichterfürsten wäre es wahrscheinlich auch egal gewesen, ob die Sondersendung aus Washington, wie bei der ARD, oder aus Berlin, wie beim ZDF, "gefahren" wird. Hauptsache, der Wind der Geschichte weht.

Doch es ist die Eigenart des Massenmediums Fernsehen, wenn es sich denn mit ganzer Macht auf ein Großereignis wirft und die Backen aufbläst, dass der derart inszenierte Moment Gefahr läuft, vom dramaturgisch schier endlos gedehnten Blitz und Donner erschlagen zu werden. Im Laufe der Stunden zieht sich auch der historische Augenblick, und die Bereitschaft zur Begeisterung kämpft mit den emotionalen Abnutzungseffekten und der gemeinen Müdigkeit.

Die Formeln des Wahlhexers

Gegen 4 Uhr früh will auch der engagierteste Zuschauer eigentlich nur noch das Endergebnis wissen. Die Massen aber, die immer weiter zu Obamas zentraler Wahlparty in Chicago strömen, scheinen es längst zu kennen.

Um 3.24 Uhr MEZ bemerkt Wahlhexer Schönenborn: "Ohio geht an die Demokraten!" Christian Sievers im ZDF wagt sich weiter vor: "Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika würde Barack Obama heißen." Ein letztes Mal "würde". Die Nacht ist auch eine sportliche Herausforderung - solange durchhalten, bis der Konjunktiv zum Indikativ geworden ist: Yes he can.

Und wohl nie zuvor hat sich das Fernsehen, nimmt man alles nur in allem, bei einer entscheidenden Wahl so eindeutig auf eine Seite geschlagen. Der republikanische Kandidat John McCain blieb im Schlagschatten der Nacht, eher dunkle Bedrohung der sehnlichst erhofften Entscheidung als rechtmäßiger Konkurrent bei der Präsidentschaftswahl. Acht Jahre George W. Bush haben John McCain keine Chance gelassen. Er darf sich nicht beklagen.

Um 4.33 Uhr steht es 207:135 für Obama. Doch in Miami zählen sie immer noch. Aber dann passiert es. Sieg in Florida, Sieg in Virginia, Sieg in Kalifornien. Um 5 Uhr ist Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Stunde später tritt er vor seine frenetisch jubelnden Anhänger in Chicago.

Die Bescherung ist komplett. Die Sensation ist da. Eine Sensation, mit der in dieser Nacht fast jeder gerechnet hatte. Good Morning America!

Im Morgenmagazin des ZDF wurde schon mal frischer Kaffee aufgebrüht. Welche Wachdroge Peter Frey genommen hat, wissen wir nicht. Aber er hat sich, wie die anderen, tapfer geschlagen. Und wir können sagen, wir sind dabei gewesen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sepulnation, 05.11.2008
1. Unnötig
Dieser Thread ist so unnötig wie die viel zu lange Berichterstattung. Verschont uns bitte!!
Rochus 05.11.2008
2. Im rückblickenden Vergleich wird Schröders Auftritt nach der Wahl 2005
immer peinlicher: Da haben sich die beiden Kandidaten im US-Wahlkampf härter beharkt als es die beiden Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf je getan haben. Und kaum ist das Ergebnis halbwegs ausgezählt, ziehen die beiden vor aller Augen anerkennend den Hut voreinander und fordern ihre Anhänger auf, den Streit zu vergessen und einfach Amerikaner zhu sein, die jetzt einen ein neuen Präsidenten haben. Die Worte klangen gesetzt, aber überzeugend. Danke ans Fernsehen: es war sehr unterhaltsam und informativ, was uns aus den Staaten geliefert wurde. Ärgerlich nur, daß man nach einer Mütze Schlaf im Büro irgendwie etwas müde auf dem Stuhl herumhängt ;-)
Fackus 05.11.2008
3. G-e-z
Grauslich - Ekelig - Zuwider ! Dafür werden GEZ-Gebühren verschleudert ! Eigentlich zahl' ich GEZ ohne Klage, denn es wird viel geboten im deutschen Fernsehen. Aber eben auch DAS ! Schämt sich eigentlich keiner für diese Karnevalsveranstaltung ?
Andree Barthel 05.11.2008
4. *
Wenn ich an Herrn Mohrs Stelle die Wahl am Bildschirm hätte verfolgen müssen, um anschließend darüber schreiben zu können, wäre ich sicherlich sehr dankbar gewesen, wenn ich den Einfall mit dem Warten auf das Christkind auch gehabt hätte. Ich vermute, dass ich auf diesen Einstieg nicht gekommen wäre. Mir wäre wohl nichts anderes übrig geblieben, als damit zu beginnen, dass ich eine Stinkwut habe, wegen der Wahl mir eine Nacht um die Ohren schlagen zu dürfen. Warum ausgerechnet ich? Dieses mehrstündige Martyrium kann man nur mit einer riesengroßen Portion Selbstmitleid überstehen.
Rainer Helmbrecht 05.11.2008
5. Auf der Suche nach dem Hoffnungsträger.
Zitat von sysopModeratoren-Hundertschaften im Einsatz und schier endloses Vorglühen voller Einspielfilmchen und Kurztalks machten die Wahlnacht zu einem Fernseh-Ereignis. Reinhard Mohr hat das endlose TV-Geblitze und Gedonnere bis zum fröhlichen Ende ausgehalten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,588526,00.html
Die Deutschen sind ein gläubiges Volk, sie warten auf den Messias. Egal, aus welcher Himmelrichtung und sie sind bereit auf alles zu setzen. Ob das Jelzin, oder Gorbatschow, Kennedy, oder Obama ist, wer Hoffnung gibt, kommt in Frage. MfG. Rainer
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.