Wiederentdeckung von Henry David Thoreau Gegen die stille Verzweiflung

Aufruf zum zivilen Ungehorsam: Trump-Gegner feiern politische Ideen aus dem 19. Jahrhundert. Was tatsächlich an ihnen dran ist, untersucht ein neues Buch über den amerikanischen Eremiten Henry David Thoreau.

Anti-Trump-Protest in Los Angeles
AFP

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Als Henry David Thoreau, Schriftsteller, Philosoph, Waldhüttenbewohner und stadtbekannter Sonderling, am 23. Juli 1846 durch seinen Heimatort Concord, Massachusetts spaziert, trifft er auf einen Polizisten. Der will die Gelegenheit nutzen, um Steuerschulden einzutreiben. Thoreau weigert sich, muss für eine Nacht ins Gefängnis - und deutet die Episode als Akt zivilen Ungehorsams gegen die damalige Regierung der USA, die Krieg mit Mexiko führt und die Sklaverei unterstützt: "Ich sah, dass der Staat einfältig ist, ängstlich wie eine alte Jungfer mit ihren silbernen Löffeln, dass er seine Freunde nicht von seinen Feinden unterscheiden kann, und ich verlor die geringe Achtung vor ihm, die noch übrig war, und bedauerte ihn."

Zum 200. Geburtstag Thoreaus hat der Musikjournalist und Literaturkritiker Frank Schäfer die lebendig erzählte, kenntnisreiche Biografie "Waldgänger und Rebell" geschrieben, die einem den schratigen Philosophen sehr nahebringt - und die zur richtigen Zeit kommt: Thoreaus Radikalindividualismus, der den Staat nicht direkt bekämpft, sondern ihm stoisch die Kooperation verweigert, erlebt zurzeit in den USA unter Trump eine Renaissance.

Kommentatoren erinnerten nach der Wahl an Thoreaus Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat", in dem er seinen Gefängnisaufenthalt beschreibt. Initiativen rufen zur Verweigerung von Steuerzahlungen auf. Akademiker, die sich selbst als liberal bezeichnen, beziehen sich in ihren Überlegungen zur Notwendigkeit des Widerstands auf Thoreau. Und Mark Greif, Herausgeber der Zeitschrift n+1, empfiehlt bei politischen Fragen die Überprüfung "WWTD" ("What Would Thoreau Do?"). Zugleich geistert der Name Thoreau als von der Philosophie losgelöstes Symbol für Natur und Wildheit umher. 2015 wurde etwa die Zeitschrift "Walden" gegründet, das "Magazin für alle, die gerne draußen unterwegs sind", benannt nach Thoreaus bekanntestem Buch über das Leben in den Wäldern.

Porträt von Henry David Thoreau: "What would Thoreau do?"
imago

Porträt von Henry David Thoreau: "What would Thoreau do?"

Frank Schäfer wiederum wählt eine strikt historische Perspektive, der Nachruhm kommt nur ganz am Rande zur Sprache. "Waldgänger und Rebell" rekonstruiert das Leben eines der großen amerikanischen Autoren des 19. Jahrhunderts, ohne ihn oder seine Texte zu idealisieren.

Das Stück "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" zum Beispiel mache es sich in der "Beschränkung auf ethische Reinheit des Individuums" sehr leicht. Es gehe Thoreau um die "'Gerechtigkeit', die intuitiv vom 'Gewissen' erkannt wird", schreibt Schäfer. Er "verliert aber aus gutem Grund kein Wort über die Frage, woran man denn bitte schön erkennen kann, dass dieses Gewissen nicht komplett falschliegt." Abstrakte Rechtsordnung, Entscheidungsprozesse, politischer Diskurs und so weiter - all das verschwindet bei Thoreau hinter dem Primat des Einzelnen vor der immer wieder wortreich verdammten Masse.

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Frank Schäfer:
Henry David Thoreau

Waldgänger und Rebell

Suhrkamp Verlag; 252 Seiten; 16,95 Euro.

Das immer wieder aufflammende Interesse an Leben und Werk Henry David Thoreaus gilt dann auch weniger einer ausgearbeiteten politischen Theorie, sondern seiner Haltung zur Welt, einem kompromisslosen Eigensinn. Martin Luther King, Gandhi, die Gegenkultur der Sechziger nicht nur in den USA und die Anti-AKW-Bewegung waren von "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" beeinflusst.

Die mit großer rhetorischer Kraft beschworene stoische Haltung und der vorgelebte Ausstieg aus dem naheliegenden Dasein zugunsten eines Lebens, das sich den Zwängen der Lohnarbeit weitgehend entzieht, sind nach wie vor sehr verführerisch. "Die meisten Menschen leben ein Leben in stiller Verzweiflung", wusste Thoreau. Und: "Ich möchte nur, dass jeder recht sorgfältig trachtete, seinen eigenen Weg zu finden und nicht stattdessen den seines Vaters, seiner Mutter oder seines Nachbarn."

Ausnahmsweise ein typisches Kind seiner Zeit

Inkonsequenz kann man Thoreau bei seinem eigenen Weg nicht nachsagen. Als der Leiter der Schule, an der er für kurze Zeit als Lehrer angestellt ist, ihn auffordert, endlich die Prügelstrafe auch in seiner Klasse einzuführen, lässt der Waldgänger die Kinder auf dem Schulhof aufmarschieren, gibt ihnen einen symbolischen Klaps und schreibt seine Kündigung.

Von da an lebt Thoreau bei seinen Eltern oder Freunden und schlägt sich überwiegend als Tagelöhner, später dann als Vortragsreisender durch. Den größten Teil seiner Zeit verbringt er in den Wäldern rund um seine Heimatstadt. Seine Philosophie, die ausschweifenden Reiseberichte wie auch seine politischen Schriften sind verbunden mit einer Naturerfahrung, die man heute wohl nur noch abstrakt nachvollziehen kann - einfach weil es die Natur, in der man damals aufgehen konnte, so nicht mehr gibt. Thoreau durchstreift die Wälder bei Concord - in die wirklich unberührte Wildnis zieht es ihn nicht - und ist dabei, schreibt Schäfer, ein "großartiger Beobachter", ein "Sensualist", dessen Naturwahrnehmung immer unmittelbarer Eingang findet in seine Texte: "Thoreaus Prosa schlägt sich durchs Dickicht, sie macht sich richtig dreckig, holt sich Schwielen an den Füßen, Kratzer im Gesicht und riecht bisweilen streng", schreibt Schäfer.

Der moralische Rigorismus, die Ablehnung der Moderne und das schwelgerische Sichverlieren in der Natur allerdings haben ihren Preis. Thoreau propagiert die Askese und ist damit, ausnahmsweise, ein typisches Kind seiner Zeit. Die Biografie beschreibt auch diese Seiten seines Lebens präzise und klar: "Der Puritanismus, der das neuenglische Klima so lange beherrscht hat, lässt sich eben nicht mit ein paar forschen Programmschriften hinwegfegen." Auch wenn heute die Glorifizierung überwiegen mag: Thoreau sei eben auch ein "verknöcherter Puritaner" gewesen.

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insgesamt 8 Beiträge
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HH1960 18.06.2017
1. Querdenker sind wichtig!
Und das war er sicherlich. Mainstream kann - wie m.E. zzt. der Neoliberalismus - das erforderliche kritische Denken und Handeln erdrücken. Bis eine Minderheit gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, muss eine kritische Masse von 5% - 10% (? - irgendwo mal gelesen) erreicht sein. Ist diese Schwelle überschritten KANN ein neues Denken irgendwann mehrheitsfähig werden. Wir brauchen mehr Querdenker und sicher auch weiterhin kritische Medien wie der Spiegel oder andere Qualitätsmedien.
richey_edwards 18.06.2017
2. Widerstand nur gegen den Trump-Staat?
Oder auch gegen das UNO-Klima-Regime das alle Andersdenkenden als "Leugner" bezeichnet? Und nein, dazu muss man keinen Standpunkt ausserhalb der Wissenschaft annehmen. Oder Widerstand Gegen die ausufernde EU-Bürokratie? Oder ist das so okay? Oder Widerstand gegen eine permanent steigende Steuerlast, will man das jetzt? Sonst kommt man doch kaum nach beim verfolgen von Steuerflüchtlingen und stopfen von Schlupflöchern. Und jetzt führt man einen an der all das verachtet? Kapiere ich nicht. Thoreau will weniger Statt nicht mehr, er verachtet die Masse und appelliert an das Individuum. Der Mainstream heute ist in Richtung mehr Staat, Masse und Kollektiv statt Individuum.
Knossos 19.06.2017
3. Her mit den Wanderstiefeln!
Wir lasen nicht wenig von Thoreau im fortgeschrittenen Sprachkurs für Studienanfänger an der New Yorker Columbia Universität. Ich meine mich zu erinnern, daß sein Folgern im Verhältnis zu dem, was mir sonst als Philosophie -selbst noch klassischer- untergekommen ist, nicht allzu stringent war. Wertvoll jedoch sein Aufruf zu eigenständigem Denken, sowie der, sich an der Natur zu orientieren. Und wie bereits der erste Kommentar hier anmerkt: Wenig ist so heikel, wie der Mangel des Zeitgeistes an autonomen, kritischem Denken. Und zwar leider nicht nur in orthodoxen Gefilden, sondern als systematisch assoziative Verflachung und unsoziale, neokonservative und -liberale Indoktrination der gesamten westlichen Hemisphäre seit dem Kalten Krieg bis heute. Zusammen mit Unselbständigkeit fördernder Schuldidaktik ein rechter Benommenheitscocktail. Hinfällig willkürliche Mantras vom natürlicher Weise selbstsüchtigen Menschen und einfältige Nachplapperei, wonach soziale Gesellschaftsform und rationale Wirtschaftsstruktur ausgerechnet entmündigende Gleichmacherei sei, gehören auf den abstrusen Müllhaufen der Geschichte. Modernes anthropologisches Basiswissen und grundlegender Menschenverstand, wie etwa davon, daß ein Votiv des Kapitals menschlichem Gemeinwesen inhärent entgegensteht, wieder zum 1x1 der Mündigkeit. Von daher: Ja; wandern mit Thoreau, Descartes & co.
rst2010 19.06.2017
4. "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat"
welcher staat, was für ein staat? solange wir der staat sind, ist ungehorsam pflicht gegen auswüchse, ungerechtigkeit und gewalt in unserem namen, gegen politiker, die vergessen haben, wo ihr platz ist: sie sind diener des staates, nicht dessen herren.
ro-bayer 19.06.2017
5. Über den Eigen-Sinn
hat Stephane Hessel vor einigen Jahren das Büchlein "Indignez vous!", empört Euch! geschrieben. Dieser eigene Sinn wird allzuoft als "eigenbrötlerisch, eigentümlich, egozentrisch, Einzelgängertum, Egoismus" angesehen. Ich würde das mal als - eigenständig - betrachten. Thoreau und sein Tagebuch "Walden" gelten nicht umsonst mit als eine der Ursprungsquellen z. B. der Grünen Partei, mithin alternativer Lebensansätze. Vielleicht steckt sogar einwenig die Bibel mit dahinter - die Rückkehr in das Paradies, aus dem wir vertrieben wurden? Allerdings verhielten sich da Adam und Eva zu eigensinnig... hier ein Auszug aus einem Gedicht vom 21.3.2006 ".. freuen an Dir, Deiner eigenen Art Deiner Eigenart, Deinem Eigensinn Dich Sein lassen, selbst Sein, Dich und Mich sehen, eigen, allein, miteinander, mit anderen leben., lachen, blühen, ohne Diskussion das ist Liebe – und Liebe ist noch viel mehr..."
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