"Waldi & Harry" in der ARD Stupido ergo sum

Ein Narr, wer angesichts der bräsig-bunten Olympia-Abende von "Waldi" und "Harry" in der ARD den Untergang des Abendlandes fürchtet. Sportreporter Hartmann und Zyniker Schmidt repräsentieren den inneren Kern unserer Zivilisation: Witzischkeit kennt kein Pardon!

Von Reinhard Mohr


Früher war alles ganz einfach. Oben am Start machte es "Pling!", dann stürzte sich der Skirennläufer durch ein mehr oder minder dicht gestecktes Stangengewirr ins Tal, und unten am Ziel wurde die Zeit gestoppt. Der oder die Schnellste gewann, und das war gut so. Gewiss, zwischendurch sagte Harry Valerien oder Manfred Vorderwülbecke noch etwas Ähnliches wie "Sappradii, da hat's eingefädelt, das Maderl!" oder "Oioioioioi, graad' noch vorbeigeschrammt, der Buab!" Das war es dann aber auch.

ARD-Olympioniken Schmidt, Hartmann: "17 Russinnen unter ersten zwölf"
BR/Foto Sessner

ARD-Olympioniken Schmidt, Hartmann: "17 Russinnen unter ersten zwölf"

Heute, das heißt: seit einigen Jahren, ist der sportliche Wettkampf fast schon Nebensache. Die Hauptsache findet davor und danach statt. Der Berichterstatter am Steilhang ist längst nicht mehr allein unter lauter Skihasen, denn irgendwo in malerischer Kulisse steht der Außenmoderator (an den der Studiomoderator stets "weitergibt"). Neben dem Skikulissenolympiamoderator steht der "Experte", der "Wasi" heißt oder "Rosi" oder auch "Jens", letzterer mit typisch Weißflogschem Schnauzer und tiefsächsischem Dialekt.

In vielen kurzen Vorberichten werden einzelne Olympioniken vorgestellt, desgleichen die Wettkampfstätten, Land und Leute, fehlender Schnee, nicht selten auch Anfahrts- und Unterbringungsprobleme, Akkreditierungsschwierigkeiten, Dopingkontrollen, manchmal auch die Bar, in der es den besten Espresso doppio gibt. Wenn der Wettkampf vorbei ist, kommen die Nachberichte, Interviews, Rückblenden, Zeitlupen, Kommentare. "Woran hat's gelegen?", fragt der Außenmoderator den Experten, den Trainer, das Maderl und den Buam. Der Buab sagt dabei dann oft "Jo mei..."

Das alles genügt aber immer noch nicht, um die richtige Olympia-Stimmung in die heimischen Wohnzimmer zu zaubern. In denen sitzen seit letzter Woche ja auch Tausende von Angestellten des Öffentlichen Dienstes, die im Abwehrstreik gegen die mörderische 40-Stunden-Woche emotionale Aufmunterung und geistige Stärkung so dringend brauchen wie Frank Bsirskes ver.di seine dick gefüllte Streikkasse.

Deshalb gibt es spätabends in der ARD Olympia mit "Waldi & Harry". Dass die einstündige Live-Sendung im "Deutschen Haus" stattfindet, ist praktisch. So ist das "deutsche Lager" gewissermaßen unter sich. Und: Der Rahmen stimmt perfekt. Nach zweimaliger Begutachtung (gestern und vorgestern) ist klar, dass es sich hier um eine Art bunten Abend handelt, um authentische deutsche Truppenbetreuung fern der geliebten Heimat. Man rückt zusammen, bespricht noch einmal die Erfolge und Misserfolge des Tages und amüsiert sich darüber, dass der Wasi noch im Rückwärtsfahren den Harry auf der Piste überholt. Mit laufender Videokamera, versteht sich. Und man klopft sich auf die Schenkel, wenn Kati Witt im kurzen Nena-Röckchen rückwärts auf den Hackl Schorsch draufsteigt, die gute alte "Rennwurst" aus dem Eiskanal, die ein letztes Mal auf dem Schlitten Platz genommen hatte.

Hier vermisst man nur noch die dröhnende Frage auf Ultrakurzwelle: "Hallo Riga, könnt ihr uns hören und sehen?" und Riga würde antworten: "Jawoll, wir sehen euch! Aber wir haben keinen Ton."

Allein Vertreter der "Generation Golf", die selbst keinen Krieg mehr erlebt und auch "Sport, Spiel, Spannung" mit Klaus Havenstein verpasst haben, werden naserümpfend von "White Trash" reden, vom Musikantenstadl ohne Musik, vom Après-Ski für Arme.

Ein glattes Missverständnis! Gerade in Zeiten des weltweiten Kulturkampfes zwischen Orient und Okzident muss Flagge gezeigt werden. Waldi und Harry, der bayerische Sportreporter Waldemar Hartmann mit dem lustig-zünftigen Weißbier-Image, und der schwäbische Entertainer Harald Schmidt mit der Aura des weltläufigen Zynikers repräsentieren den innersten Kern unserer westlich-liberalen Zivilisation. Motto: Witzischkeit kennt keine Grenzen, Witzischkeit kennt kein Pardon.

Es geht um gemütliche Selbstironie, um sportliches Spießertum unter Satirevorbehalt, um intellektuelle Selbstkompostierung in Höhenluft, um echte Wellness für alle, Entropie & Entspannung pur. Weiß der Teufel. Kurz: Wir machen uns einfach selbst zur Karikatur. Zum Affen, zum Deppen. Zum Blödmann. Stupido ergo sum.

Wenn sich jemand durch diese Sendung in seinen religiösen oder sonstwie metaphysischen Gefühlen verletzt fühlen kann, dann ist es Botho Strauß. Wie muss er wohl leiden, der Schriftsteller und Zeitgeistseismograf aus der Uckermark, der "unser Bestes" noch gestern im SPIEGEL ganz woanders sah, nämlich im "Differenzierungsvermögen" und "Schönheitsverlangen", in "Kunst, Reflexion und Sensibilität".

"Haha!" würde der Waldi in seiner braunen Joppe da nur rufen, "Kamerad Schmidt, hast' des g'hört!?" "Ja klar, aber beim Waldi hört das Schönheitsverlangen ja schon bei der Kati auf...!"

Das gilt allerdings an diesem Abend auch für den Kritiker auf dem Sofa. Bald schon legt er den Griffel aus der Hand und lässt sich einfach durch die Untiefen dieser Vollmondnacht treiben. Er folgt Harald Schmidt durchs Olympische Dorf, wirft einen Blick auf die "Athletenwohnungen" und bewundert das phänomenal buntgescheckte, geschmacklose Outfit von Studiogast Prinz Hubertus von Hohenlohe, dem einsamen "Eddy the Eagle" des mexikanischen Skiverbands. "Lieber Prinz, enttäusch' uns nicht, komme an bei Tageslicht!", reimen seine exklusiven Fans in skurriler Verbundenheit.

Gegen Mitternacht hat der Zuschauer endgültig jenes ebenso kinderselige wie bettschläfrige Basisniveau erreicht, sich sogar über den Namen des deutschen Biathlon-Bundestrainers - Uwe Müssiggang - zu amüsieren und hocherfreut zu bemerken, wie der Waldi offiziell mitteilt, dass "17 Russinnen unter den ersten zwölf" waren. Sappradii!

Gerade hört man noch die letzten Worte - "Harry, hol' schon mal den Schlitten" - und dann dämmert man in der Gewissheit weg, dass sich die islamische Welt womöglich vor vielem fürchten muss, aber nicht vor uns.



insgesamt 74 Beiträge
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Hartwig, 13.04.2005
1.
Es ist schon verwunderlich, wie schnell es geht ,wenn sich jemand zum Beamtenstadl wendet, einen Staatlich garantierten Sendeplatz erhält - das man schon irgendwie auf Rente ist. Ein Kaminfeuer auf dem Bildschirm ist auch nicht langweiliger.
Fritz Katzfuß 14.04.2005
2. Es geht
Witzig ist er schon noch. War auch gut, wie er Fischers Abgesang gemacht hat. Ach, kurz und gut, ich verpasse so gut wie keine Sendung!
Simon Übervater, 14.04.2005
3.
Zurück bei der ARD, kleiner, schlanker, konzentrierter sollte die Show werden.
labatnic, 14.04.2005
4. Fehlende Lockerheit
Ich war, als Schmidt noch bei Sat1 war, ein großer Fan der Sendung. Doch seitdem er die neue Sendung macht fehlt mir etwas. Ich denke, ihm fehlt noch die gewisse Lockerheit. Die Witze sind noch zu verkrampft, und die Gäste vermisse ich auch, so kommt es kaum noch zu spontanen Späßen. Außerdem hat für meinen Geschmack Andrack eine zu große Rolle eingenommen. Bei Sat1 war er noch witzig, da er fast schüchtern und oft noch ein wenig schamvoll aufgetreten ist. Heute präsentiert er sich wie ein Co-Entertainer, was unheimlich dämlich rüberkommt da er es einfach nicht ist. Natürlich kommt auch dazu dass man bei 4 Sendungen die Woche eine größere "Nähe" zur Show aufbaut und eine gewisse Kontinuität im Programm herrscht. Doch auch jetzt gibt es ab und an schon Lichtblicke, und ich denke er brauch nur noch ein wenig Zeit um wieder der Alte zu werden. Und ich gebe zu: Auch bei Sat1 gab es ab und an Sendungen, die einfach schlecht waren. Gruß, Henning
Michael Moon, 20.04.2005
5. Sportschau im Ersten
---Zitat von labatnic--- Ich war, als Schmidt noch bei Sat1 war, ein großer Fan der Sendung. Doch seitdem er die neue Sendung macht fehlt mir etwas. Ich denke, ihm fehlt noch die gewisse Lockerheit. Außerdem hat für meinen Geschmack Andrack eine zu große Rolle eingenommen. Bei Sat1 war er noch witzig, da er fast schüchtern und oft noch ein wenig schamvoll aufgetreten ist. Heute präsentiert er sich wie ein Co-Entertainer, was unheimlich dämlich rüberkommt da er es einfach nicht ist. ---Zitatende--- Geht mir genauso. Ich habe manchmal das Gefühl, gewisse Themen, die früher Anlass zu bissigen und vielleicht auch ausführlicheren Kommentaren gegeben hätten, fallen etwas unter den Tisch Der "seriösen" ARD geschuldet, möglicherweise. Andracks Rolle erscheint mir nicht so viel größer als früher, aber das oft elend ausufernde Gequatsche über Fussball geht wohl eindeutig auf sein Konto. Kann ich drauf verzichten. Ich will schließlich Harald Schmidt sehen und nicht Herrn Andracks Version von Sportschau im Ersten. Die Gäste vermisse ich nicht, es sei denn, es war Helge Schneider... Aber es stimmt, die Kontinuität fehlt, 2x die Woche ist zuwenig und eine halbe Stunde ist zu kurz!
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