Wallraffs Rushdie-Pläne Satan in der Moschee

Während alle über Integration und Kulturkampf zetern, macht Günter Wallraff einfach einen Vorschlag: Er will Salman Rushdies "Satanische Verse" vorlesen - in der Moschee. Ein neues Kapitel im leidvollen Islamismus-Drama? Auf jeden Fall eine mutige Idee zur rechten Zeit!

Von Reinhard Mohr


Als gute Kinder der deutschen Nachkriegsdemokratie und gelehrige Schüler der Hessischen Rahmenrichtlinien für die Unterrichtsgestaltung haben wir gelernt, die Dinge immer schön auseinander zu halten, "differenziert" zu sehen und vor allem: sie zu hinterfragen, was das Zeug hält. Das tun wir ja auch, tagein, tagaus. Nur heute, hier und jetzt, wollen wir mal eine kleine Ausnahme machen. Wir werfen mal alles zusammen. Natürlich nur zu Zwecken des Erkenntnisgewinns. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient.

Autor Wallraff: Dialog und Kommunikation ernst nehmen
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Autor Wallraff: Dialog und Kommunikation ernst nehmen

Noch während der gestrigen Erstürmung der von islamistischen Fanatikern besetzten Roten Moschee in Islamabad durch die pakistanische Armee, bei der es offenbar Hunderte Tote gab, droht Aiman al-Sawahiri, der Vizechef von al-Qaida, mit neuem Terror.

Per Video kündigt er dem "bösartigen Britannien und seinen indischen Sklaven" eine "klare Erwiderung" auf den Ritterschlag des indischstämmigen Schriftstellers Salman Rushdie durch Queen Elizabeth II. an. Ganz England soll dafür büßen, dass sich der Autor der "Satanischen Verse", die 1989 schon zu einer mörderischen "Fatwa" durch den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini führten, jetzt "Sir" nennen darf.

Weil er schon mal dabei ist, kritisiert al-Sawahiri gleich auch noch die palästinensische Hamas in Gaza für ihr angebliches Kompromisslertum, ruft alle Muslime in der Welt zum "Heiligen Krieg" auf und lobt die Ermordung von sechs Uno-Soldaten im Libanon. Damit nicht genug: Selbst Iran gerät ins Fadenkreuz der Gotteskrieger. Wenn sich Teherans Machthaber nicht binnen zwei Wochen aus dem Irak zurückzögen, werde al-Qaida auch im schiitischen Gottesstaat gegen die Ungläubigen beziehungsweise Andersgläubigen und Böswilligen bomben. Gleichzeitig erfährt die Welt, dass in Iran wieder einmal ein untreuer Ehemann zu Tode gesteinigt wurde.

Terror als Alltag

Den alltäglichen Wahnsinn des islamistischen Terrors im Irak, bei dem vornehmlich Muslime Muslime umbringen, registriert die Weltöffentlichkeit inzwischen fast wie ein Naturereignis. Das Gleiche gilt für den "stillen" Völkermord durch islamische Reitermilizen in Darfur.

In Pakistan droht nun Mullah Fazlullah, ein extrem fanatischer Einpeitscher der Massen, mit Rache für die Erstürmung der Roten Moschee und fordert alle Eltern auf, ihre Söhne von den staatlichen Schulen zu nehmen und auf religiöse "Madrassas" zu schicken. Die Töchter dagegen sollen, was sonst, zu Hause bleiben.

Gerade hat Fazlullah einen Boykott gegen die Polio-Impfkampagne der Uno organisiert. Diese sei in Wahrheit eine von "Zionisten und Christen" manipulierte Aktion mit dem Ziel, die muslimische Bevölkerung auszurotten. Und viele glauben es tatsächlich.

Im friedlichen Deutschland dagegen boykottieren die vier muslimisch-türkischen Spitzenverbände nur den für morgen geplanten Integrationsgipfel der Bundesregierung. Grund: Das vom Bundestag jüngst verabschiedete Zuwanderungsgesetz gefällt ihnen nicht, vor allem die Mindestanforderung von Deutschkenntnissen für nachziehende Ehefrauen aus der Türkei. Der Dialog "sei durch das Gesetz gebrochen" worden, sagt Kenan Kolat, Vorsitzender der türkischen Gemeinde, schwer beleidigt. Ein merkwürdiges Verständnis von Dialog in der Demokratie.

Wie Kolat und Kollegen Zwangsheiraten, Ehrenmorde und andere schwere Menschenrechtsverletzungen durch Türken an Türken in Deutschland unterbinden wollen, darüber freilich hört man wenig.

Die Integration beim Wort nehmen

Und nun noch das: Der Schriftsteller Günter Wallraff, der undercover schon Hans Esser bei "Bild" und Ali Sinirlioglu bei Thyssen ("Ganz unten") war und sich im Mai 1974 aus Protest gegen die griechische Militärdiktatur an einen Laternenmast in Athen angekettet hatte, will aus Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse" lesen. Nicht in der Stadtteilbibliothek von Frankfurt-Bockenheim oder in der Volkshochschule Wanne-Eickel, sondern in einer Kölner Moschee.

Dies ausgerechnet jetzt, da sich der schon länger schwelende Streit um den Neubau einer gigantischen Moschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld zuspitzt.

Was immer man von Günter Wallraff halten mag, politisch wie persönlich: Der Mann hat Mut. Er steht zu dem, was er denkt und sagt. Das ist schon was in diesen Zeiten. Und er hat ein Händchen für den richtigen Augenblick. Nicht zuletzt kennt er die Ironie des Weltenlaufs. Er nimmt "Dialog" und "Kommunikation", die Lieblingsbegriffe der westlich-aufgeklärten Gesellschaften, derer sich inzwischen gerne auch die muslimisch-türkischen Funktionäre beim Fernsehinterview bedienen, einfach mal ernst. Probehalber.

Kurz: Er will sie praktizieren. Dass zu Dialog und Kommunikation das Menschenrecht der Presse- und Meinungsfreiheit gehört, ist für Wallraff, den Kämpfer für die Pressefreiheit, ebenso selbstverständlich wie die Freiheit der Kunst, ja, der künstlerischen Provokation.

Denn natürlich ist es auch eine Provokation, in einer Moschee aus jenem Roman zu lesen, der Millionen Muslime, schon damals besonders stark in Pakistan, aufs Höchste erregt und erbittert hat, ohne dass sie auch nur eine Zeile des Buches gelesen hätten.

Bewährt aufgeklärt

Noch kennen wir die genauen Umstände der geplanten Lesung nicht – und sie wäre fürs Erste ein zwar mutiger, gleichwohl immer noch bescheidener Anfang des Dialogs –, aber allein die Ankündigung erinnert schon an den Kern der europäischen Aufklärung: Die universelle Freiheit des Menschen wurde stets gegen die Macht- und Herrschaftsansprüche von Religion und Kirche erkämpft – gegen die Gläubigen und ihre Gotteskrieger, gegen religiösen Fanatismus und dunklen Obskurantismus.

Auch im christlichen Abendland war die Vernunft über Jahrhunderte nichts als die Ausgeburt des Teufels und das helle Licht der Aufklärung der Widerschein des Höllenfeuers der ewigen Verdammnis – jedenfalls aus der Sicht von Päpsten, Bischöfen und anderen Hexenjägern.

Dass sich heute nur noch Vertreter der Evangelischen Kirche aufregen, wenn Papst Benedikt XVI. den römischen Katholizismus als alleinige Kirche des Christentums bezeichnet, zeigt den Fortschritt unserer Zivilisation: Der Papst darf sagen, was er will. Wir aber auch.

Und das ist das Wunderbare an der europäischen Aufklärung: Sie fragt nicht nach Gläubigen oder Ungläubigen, sie fragt nach Wahrheit und Interesse, Wunsch und Wirklichkeit. Nach dem Glück des Individuums und der Gesellschaft, die es ihm ermöglicht.

Diese einfache Trennungslinie zwischen Religion und Gesellschaft, zwischen Kirche und Staat ist so kostbar, dass sie bis zur letzten Cola-Dose (gerne auch: Bionade-Flasche) verteidigt werden muss. Gegen jedermann, der daran rühren will. Denn es gibt keine Demokratie ohne diese – säkulare – Trennung. Das sehen wir dann wieder ganz differenziert.

Seien wir also gespannt, in welcher Moschee man mutig genug sein wird, Günter Wallraffs Angebot zum Dialog anzunehmen. Er könnte auch die boykottfreudigen Funktionäre der türkischen Spitzenverbände zu ganz neuen Erkenntnissen führen.

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