Walter Kempowski über den Bombenkrieg: "Das alte Europa wurde zerstört"

Der SPIEGEL-Redakteur und Buchautor Volker Hage sprach mit dem Schriftsteller Walter Kempowski über seine Erlebnisse im Hamburger Feuersturm am 24. Juli 1943 und die Schwierigkeiten der Zeitgenossen, das Grauen des Bombenkriegs literarisch zu reflektieren.

Schriftsteller Kempowski: "Das schrie geradezu nach "Bewältigung""
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Schriftsteller Kempowski: "Das schrie geradezu nach "Bewältigung""

Herr Kempowski, im zweiten Teil Ihrer großen Zitatcollage "Echolot" aus dem Zweiten Weltkrieg berichten Augenzeugen von der Bombardierung Dresdens im Februar 1945. Über eigene Erfahrungen im Inferno schweigen Sie. Sie haben aber auch selbst Luftangriffe erlebt?

Walter Kempowski:

Meine Heimatstadt Rostock war 1942 nach Lübeck die zweite deutsche Stadt, die zerstört wurde. Fast die ganze Altstadt brannte ab, ein Drittel der Stadt. Von heute aus gesehen glaube ich, dass damit eigentlich meine Kindheit beendet war, es hat einen Schnitt gegeben. Die Flugzeuge kamen nachts, man hörte sie, man hörte das Schießen der Flak, ein furchtbares Durcheinander. Und wir saßen in einem nicht abgestützten Keller, es war ein unaufhörliches Gekrache. Absolut neuartig.

Woran erinnern Sie sich besonders gut?

Kempowski: Ich hatte mich an die Straßenseite des Kellers gesetzt, und da sagte meine Mutter zu mir: "Junge, komm mal ein bisschen hier rüber!" Und in dem Augenblick, nachdem ich gerade den Platz gewechselt hatte, fiel draußen eine Schaufensterscheibe zusammen. Die Splitter hätten mir ohne weiteres den Hals durchgeschnitten.

Wie sah es am nächsten Tag aus?

Kempowski: Ein Tohuwabohu. Häuser brannten, ohne dass sich jemand darum kümmerte. Hausrat wurde raus- und reingetragen. Leichen lagen auf dem Bürgersteig. Kein Mensch wusste, wo er helfen sollte.

Angedeutet haben Sie diese Vorgänge 1971 in Ihrem berühmten und später auch verfilmten Roman "Tadellöser & Wolff" - eher nebenbei, leicht unterkühlt. Oder täuscht das?

Kempowski: Das stimmt. Ich lese heute diese Passagen nicht gern. Ich habe den Eindruck, dass ich mich damals über meine eigenen Gefühle fast etwas lustig gemacht habe. Vielleicht erklärt sich das dadurch, dass ich den Roman Ende der sechziger Jahre geschrieben habe, und da waren die Eindrücke noch frisch. Man wollte die Selbstbetrauerung, das Selbstmitleid nicht hochkommen lassen. Vielleicht wollte ich mich auch ein bisschen lustig über die Leute machen, die da ihr eigenes Unglück betrauerten, ohne daran zu denken, dass es eigentlich nur die Wirkung einer Ursache gewesen war.

Sie haben aber auch noch andere Angriffe als die auf Rostock erlebt?

Kempowski: Ja, ich habe die großen Angriffe auf Hamburg miterlebt. Meine Mutter meinte, mich unbedingt in die Sommerfrische schicken zu müssen. Und da fiel ihr, im Juli 1943, ausgerechnet Hamburg ein. Mein Großvater wohnte dort. Es flogen Hunderte von Bombern über der Stadt. Ich sehe mich noch im Keller sitzen und habe dieses widerwärtige Geräusch im Ohr, das Pfeifen der fallenden Bomben. Am nächsten Tag geriet ich mitten in der Stadt in einen noch schlimmeren Angriff. Ich überlebte in einem Bunker. Zunächst merkte man da drinnen nichts. Man hörte wohl das Gebumse, gedämpft durch die dicken Mauern. Dann wurde der Sauerstoff knapp. Die Ventilatoren arbeiteten nicht mehr, es kam heiße Luft herein. Die Leute fingen an, unruhig zu werden. Kinder und Frauen schrieen, manche gebärdeten sich hysterisch, warfen sich auf den Boden, andere beteten plötzlich, ganz sonderbar.

Wie kamen Sie raus?

Kempowski: Zunächst gar nicht. Die alten Männer, die da Wache hielten, wussten: Es geht nicht. Als die Türen kurz geöffnet wurden, kam ein Gluthauch herein. Da wurde uns klar, wenn das hier so weitergeht, gehen wir alle drauf. Später wurden jeweils drei Leute rausgelassen, mit feuchten Decken umhüllt. Ich spüre es heute noch an den Augenlidern, wie es da schmerzte. Es war eine unglaubliche Hitze. Manche sind in die Fleete gesprungen, da brannte Öl auf dem Wasser, grauenhaft. Tote lagen herum: die frischen Toten und die vom Vortag - verkohlte, holzstückartige Menschen, mit herausgequollenen, roten Eingeweiden. Und da stand man als Halbwüchsiger und sah sich das an. Ich bin dann nach Hause gegangen, zu meinem Großvater. Sein Haus brannte nicht, wohl aber das des Nachbarn. Der saß in einem Sessel vor diesem brennenden Haus und sah zu, wie es abbrannte. Ich lief hinein - und griff ein billiges Schiffsmodell. Das habe ich ihm rausgetragen und auf seinen Schoß gesetzt, absurd. Das war mein Beitrag zur Rettung des Bürgertums.

Blieben Sie in Hamburg?

Kempowski: Nein, ich bin sofort zum Bahnhof Wandsbeker Chaussee gelaufen. Da lagerte eine unübersehbare Menschenmenge, merkwürdigerweise ging niemand ins Gebäude hinein. Die Leute warteten wohl auf spezielle Transportzüge. Ich bin mit dem erstbesten Zug ganz einfach nach Lübeck gefahren und war eine Stunde später in Sicherheit. Dort waren halbverbrannte Bücher vom Himmel herab gefallen, Bücher aus Hamburg, die in den Gärten lagen. Das habe ich selbst gesehen.

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Inwiefern glauben Sie, dass diese Erlebnisse, die Sie so eindrucksvoll schildern, Sie zum Schriftsteller gemacht haben? Bisher haben Sie ja den Antrieb für Ihr Schreiben eher in der Erfahrung der Gefängnishaft in der sowjetisch besetzten Zone und der späteren DDR gesehen. Aber offenbar haben Sie auch diese Kriegseindrücke niemals losgelassen?

Kempowski: Wenn man anfängt zu schreiben, dann ist in der Regel eine Verletzung, die man erfahren hat, eine "Kränkung" der Antrieb. Bei mir ist sicher die lange Haftzeit ein solcher Antrieb gewesen. Mich hat aber auch der Verlust der Heimat, der Heimatstadt, des Vaterhauses sehr getroffen. Und zwar viel stärker, als ich immer dachte. Als junger Mensch hat man das nicht hochkommen lassen. Aber je älter man wird, desto stärker ist das Verlustgefühl. Hinzu kommt, dass ich in meine Heimatstadt nicht zurückkehren konnte. Es blieb für mich alles in dem Zustand, in dem ich sie verlassen hatte, in dieser Trümmerhaftigkeit. Zudem fiel die Zerstörung meiner Heimatstadt mit meiner Pubertät zusammen: gewissermaßen eine zweifache Ausweisung aus dem Paradies. Und darauf folgte die lange Haftzeit in Bautzen. Das schrie geradezu nach "Bewältigung", falls man es so ausdrücken darf.

Sie waren damals, als Sie im Juli 1943 in Hamburg den ersten Feuersturm erlebten, 14 Jahre alt. Wolf Biermann hat diese Szenerie ebenfalls beschrieben, er war jünger als Sie, sechseinhalb. Und er hat gesagt, in dieser Nacht sei seine Lebensuhr für immer stehen geblieben, er sei eigentlich immer das Kind geblieben, das er damals war. Das muss doch für einen Jugendlichen, zumal wenn man ohne Eltern dann in einem Luftschutzbunker sitzt, ein unglaublicher, verheerender und bleibender Eindruck sein?

Kempowski: Es bleiben vor allem einzelne Bilder haften. Auch einzelne Geräusche und Gerüche, der Geruch von nass gewordenem Mörtel zum Beispiel, ein ekelhafter Geruch. Oder das Krachen der Häuser, die zusammenstürzen. Oder von fern die Rufe von Menschen, die sich etwas zuschreien: "Wasser her!" Dann plötzlich dieses Pferd, das da durch die Straße lief. Die vielen Menschen, die auf der Moorweide saßen... Wussten die eigentlich, dass dort, auf der Moorweide in Hamburg, zwei Jahre vorher die Juden zusammen getrieben worden waren?

Biermann hat diese grausige Pointe auch beschrieben, auch er rettete sich aus Hammerbrook mit seiner Mutter eben auf diese Moorweide, wo, wie er schreibt, "die Hamburger Juden sich hatten sammeln müssen für den Abtransport", darunter seine Verwandten. Welche Einzelheiten Ihres Hamburger Aufenthalts sind Ihnen sonst noch im Kopf geblieben?

Zerstörtes Dresden: "Die Erde tat sich auf"
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Kempowski: Es sind ganz merkwürdige Bilder, die einem haften geblieben sind, zum Beispiel die zerstörten Oberleitungen der Straßenbahnen. Ein Bild der Unordnung. Auch dass die Straßen übersät waren mit Einzeltrümmern. Auf sämtlichen Straßen lag Schutt, gleichmäßig verteilt. Und dann, wie ich es in Hamburg erlebte, plötzlich mitten auf der Straße ein großes Loch! Da war eine Bombe gefallen und hatte den U-Bahn-Schacht freigelegt. Die Erde tat sich auf. Das hatte biblische Ausmaße. Tagangriffe haben auf mich übrigens niemals so schrecklich gewirkt wie Nachtangriffe.

Es heißt oft, dass Soldaten auf Heimaturlaub lieber zurück an die Front wollten, als noch einen Tag länger im Luftschutzkeller zu sitzen.

Kempowski: Mein eigener Vater, der in Rostock einen Bombenangriff miterlebte, hatte unglaubliche Angst - und er war Offizier. Er hatte Angst vor den Bomben. Und ein Jahr später wurde er von einer Bombe getötet. Ich selbst war in den letzten Kriegstagen in Berlin. Am 21. April 1945 gelang es mir noch, aus der Stadt herauszukommen. Die Angriffe, die ich dort erlebt habe, waren, zumindest in meiner Erinnerung, noch heftiger als die in Hamburg. Kein Feuersturm zwar, aber es hat auf mich grässlicher gewirkt. Es ist mir ein Rätsel, warum dieses Thema von den Deutschen so verdrängt wurde. Ich glaube, der Grund liegt vor allem darin, dass die endlosen Züge der KZ-Häftlinge nicht lange danach vor aller Augen über die Straßen getrieben wurden. Es gab das Unrechtsbewusstsein.

In der Debatte zum Thema "Luftkrieg und Literatur" ging es um die Frage, warum die Bombardierung und ihre Folgen kaum ein literarisches Echo gefunden haben.

Kempowski: Natürlich hat es mich auch bewegt, warum eigentlich Bombenangriffe in der deutschen Romanliteratur so wenig vorkommen. Ich denke, das ist auch eine Generationsfrage. Die Mitglieder der "Gruppe 47" - das waren doch eigentlich die Soldaten. Die erzählten von Gefangenschaft, von der Front. Die Jüngeren, die nach 1930 Geborenen, waren damals Kinder. Die waren nicht in Gefangenschaft gewesen, das war nicht ihr Thema. Die waren nicht mehr Soldaten geworden, hatten nie ein Gewehr in der Hand - die trugen das Erlebnis der Bombennächte in sich. Und einige haben es beschrieben, etwa Hans J. Fröhlich, Jahrgang 1932, in seinem Roman "Tandelkeller". Er selbst war in Hannover in einem Keller verschüttet. Vielleicht aber liegen die Ursachen auch ganz woanders: Es war vielleicht eine Art Scham, die schwierig zu definieren ist. Außerdem: Jeder hatte es erlebt, wem sollte man das erzählen?

Zerstörte Dock-Anlagen von Blohm & Voss in Hamburg: "Wem sollte man das erzählen?"
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Lange nachdem Ihre erfolgreichen Romane erschienen waren, haben Sie damit begonnen, den Zweiten Weltkrieg in Form der Montage aus authentischen Stimmen darzustellen. Warum?

Kempowski: Die Romane schrieb ich aus subjektiver Sicht. Später schien mir dieses Erlebnis vor allem ein kollektives zu sein. Dafür eine Form zu finden, war zunächst schwierig. Ich habe sehr viele Tagebücher aus der Kriegszeit gesammelt, auch Briefkonvolute archiviert und immer wieder durchgesehen. So kam ich darauf, dass man doch eigentlich das Kollektive dieser Ereignisse zeigen müsste.

Das führte dann zur Idee Ihres "Echolots".

Kempowski: Und was mir dabei sehr wichtig war: Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. Das fehlt in den Romanen, meiner deutschen Chronik. Die Konfrontation ereignet sich dort nicht. Im "Echolot" aber kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge. Das alles wird zu einem Chor komponiert, der der Wirklichkeit, der damals erlebten Wirklichkeit nahe kommt. Ich könnte gut verstehen, wenn Menschen das heute nicht lesen wollen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, das in diese Form zu bringen. In 50 Jahren, so können wir annehmen, werden diese gesammelten Erlebnisse als ein großes Epos begriffen werden. Man wird sagen: Hier ist den Leidenden ein Forum eröffnet worden, hier sind sie einmal zusammengeführt worden, und wir können ihnen zuhören. Kein Film, kein Roman kann das leisten, was der Chor der Leidenden uns übermittelt. Vielleicht ein Gedicht wie die "Todesfuge" von Celan... Warum 6000 Seiten, kann man fragen, genügen nicht ganz wenige Zeilen? Und doch hängt das eine vom anderen ab, ergänzt einander. Und: Wind ist nur am Kornfeld darzustellen, nicht an einem einzelnen Halm.

Ihr Kollege W. G. Sebald hat die Bombardierung der deutschen Städte eine in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion genannt. Sehen Sie das heute auch in dieser Dimension?

Kempowski: Es ist im Grunde ja nicht Deutschland zerstört worden, es ist, wenn man so will, das alte Europa zerstört worden. Als die Frauenkirche zusammenbrach, brach nicht nur ein deutsches Gebäude zusammen, sondern etwas, das mit Kultur, Tradition und Abendland zusammenhängt. An den Folgen haben alle Europäer bis heute zu tragen.

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