Walton Ford im Hamburger Bahnhof Prassende Affen als Gegenwartskunst

Blutige Bullen, kämpfende Tiger: Die Tierdarstellungen von Walton Ford wirken altmeisterlich - weshalb sich der kahlköpfige Maler dafür rechtfertigen muss, als Gegenwartskünstler zu gelten. Dabei verweigert er sich lediglich gewöhnlicher Stilmittel.


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Ausstellung: Walton Ford in Berlin
Berlin - Eine Horde prassender Affen. Tiger und ein Löwe in einem blutigen Kampf. Ein Bulle mit blutiger Schnauze, umringt von einem Rudel Wölfe. Harmlos wirken die Tierdarstellungen von Walton Ford allenfalls durch ihre anmutige Farbgebung und die altmeisterlich wirkende Darstellungsweise. Und doch: Im Bestiarium, zu dem sich Fords Aquarelle formieren, erweist sich vor allem der Mensch als bestialisch. Denn der 1960 geborene US-Amerikaner malt vor allem, wie der Mensch im Verlauf der Geschichte die Kreatur zurichtete.

Ford lebt in der Berglandschaft der Berkshires in Massachusetts, von wo er manchmal zu wochenlangen einsamen Ausflügen in die Wildnis aufbricht. Meist aber arbeitet er dort in einem Atelier in einem ehemaligen Eisenbahngebäude inmitten von Stapeln aus Büchern, Fotos, Skizzen, Internetausdrucken und Kästen voller kleiner Plastiktiere.

Derzeit allerdings ist der Mann mit dem kahl rasierten Kopf, den freundlichen blauen Augen und der kraftvollen Ausstrahlung in Berlin. Am Donnerstagabend trat er zum Signieren seines etliche Kilo schweren Bildbandes "Pancha Tantra" (Taschen Verlag) an. Und am Freitag kam er zur Eröffnung der bislang ersten europäischen Ausstellung seiner Arbeiten in den Hamburger Bahnhof.

Aquarelle kosten 400.000 Dollar

Fords oft metergroße, farbenprächtige Aquarelle kosten heute bis zu 400.000 Dollar. Sie sind so gefragt, dass sie nur über eine Warteliste erhältlich sind. Und Ford hat viele prominente Fans: Mick Jagger hat einen Ford gekauft. Ex-Gucci-Designer Tom Ford soll zehn große Formate für seine privaten Räume geordert haben. Stil-Ikone Daphne Guinness ist unter den Leihgebern der Berliner Schau. Und die Rockpoetin Patti Smith kann im Fordschen Oeuvre eine "fast Turner-artige Gewalt" entdecken. Und den meisten Sammlern sollen ihre Fords so am Herzen liegen, dass sie für die Berliner Ausstellung bei den Leihgebern nur äußerst schwer loszueisen waren.

Und doch ist der Künstler in den Sammlungen der wichtigen Museen noch nicht so recht angekommen. Vielleicht, weil er ihnen als Ford und nicht als Ferrari gilt, Manchem Kritiker nämlich ist sein Oeuvre zu illustrativ. Es erinnere zu sehr an die Malweise des Ornithologen und begnadeten Vogelzeichners John James Audubon und andere Zeichner des 19. Jahrhunderts, heißt es etwa. Ford kümmert diese offensichtliche Gestrigkeit seiner Technik wenig. Ja, er provoziert sie. Im Stil alter naturkundlicher Blätter schreibt er handschriftliche Anmerkungen in die Bildfläche und täuscht mit verdünnter Umbra die Stockfleckigkeit alter Drucke vor.

Ist eine Kunstinstitution wie der Hamburger Bahnhof, der als "Museum für Gegenwart" firmiert, der richtige Ort für so eine Caprice des Gestrigen? Ja, meint Udo Kittelmann, Direktor des Hauses. Diese Malerei sei "sehr, sehr zeitgenössisch", denn sie reflektiere die Jetztzeit und die Weise, "in der wir uns die Welt Untertan machen" und rege dazu die Debatte an, ob gelungene zeitgenössische Kunst stets den Avantgardegestus aufnehmen und auf Konzept- und Minimalkunst aufbauen müsse.

Ford verweigert sich gewöhnlicher Stilmittel

Und tatsächlich: Lässt man den Formvorbehalt erst einmal zur Seite, tun sich in Fords Tableaus interessante Bedeutungsebenen auf. Man nimmt die Ketten wahr, die den Tieren angelegt sind, und die Fallen, in die sie geraten, und spürt mit Entdeckerfreude den Kontexten nach, die Ford malend verdichtet hat.

Denn neben den Bildern sind jeweils Zitate aus naturkundlichen oder literarischen Texten - von den Aufzeichnungen Audubons bis zu den Memoiren des Samuel Pepys - an die Wände geschrieben. So erfährt man: "The Sensorium", das Schlemmergelage der Affen, führt in die Welt des Orientalisten und Forschungsreisenden Richard Burton, der in seinem Haus zeitweise 40 Affen gehalten haben soll. Und der blutige Kampf von Tiger und Löwe ist auf den Fehler eines Wärters in der Menagerie des Londoner Towers zurückzuführen, bei dem der Löwe am Ende seinen Verletzungen erlag.

Damit ist Fords Verfahren intelligent und sympathisch in Haltung und eigensinniger Verweigerung der gewöhnlich als zeitgenössisch sanktionierten Stilmittel. Gerade aber wenn man sich die Bezüge aneignet und in die Moral der Geschichte von den menschlichen Unterwerfungen hineingrübelt, fragt man sich, ob Fords Ansatz nicht doch zu illustrativ ist. Zwar nicht auf der Ebene der malerischen Technik, aber auf der Ebene der imaginierten Gehalte.

Am ehesten durchbrechen zwei Arbeiten diese Schranken: Ein über und über mit Tauben bedecktet Ast, der von der Last der Tiere gebrochen zu Boden fällt. Ford malt ihn wie einen überbesiedelten, durchs All taumelnden Planeten. Die andere zeigt die Leiber von Lämmern und tasmanischen Wölfen so ineinander verkeilt, dass sich wie zu einem von Menschenhand geschaffenem Abfallberg auftürmen.

Diese Bilder zünden nicht als Illustration einer zivilisationskritischen Reflexion. Hier hat die gefundene Gestalt unmittelbar symbolische Kraft. Hier ereignet sich ein Überschießen der Form über den Inhalt. Hier ist Fords Pinsel so wild, wie es die Tiere vielleicht gar sind, Kunst aber möglichst immer sein sollte.


Walton Ford - Bestiarium. Hamburger Bahnhof, Berlin, bis zum 24. Mai.; Buchtipp: Walton Ford: "Pancha Tantra", Taschen Verlag, 320 Seiten, 49,99 Euro.

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Seite 1
Kretin, 23.01.2010
1. Prassende Affen als Gegenwartskunst
Zitat von sysopBlutige Bullen, kämpfende Tiger: Die Tierdarstellungen von Walton Ford wirken altmeisterlich - weshalb sich der kahlköpfige Maler dafür rechtfertigen muss, als Gegenwartskünstler zu gelten. Dabei verweigert er sich lediglich gewöhnlicher Stilmittel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,673648,00.html
Ich habe das mal richtig gestellt, aber vielleicht suchen Sie sich demnächst Praktikanten, die die deutsche Sprache beherrschen.
joschid 24.01.2010
2. Ja ja,
wenn alle im Journalismus Tätigen dem Handwerk des Schreibens so viel Beachtung schenkten wie der vorgestellte Künstler dem Zeichnen, die Welt wäre schöner. Man kommt aber auch ohne Grammatik durch die Medien, so wie man auch problemlos durch die Kunst kommt, ohne die elementaren Techniken zu beherrschen.
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