Warnstreik in München: "Süddeutscher Zeitung" droht Notausgabe

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Lars von Trier, Strauss-Kahn, Bundesliga-Relegation - es gäbe so viel zu berichten. Und dann das: Der "SZ" droht am Freitag wegen Warnstreik eine Notausgabe. Grund ist eine "historische Tarifrunde" in der Medienbranche. Statt mehr soll es diesmal weniger geben.

Gebäude des "Süddeutschen Zeitung": Hohes Mobilisierungspotential Zur Großansicht
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Gebäude des "Süddeutschen Zeitung": Hohes Mobilisierungspotential

Leser der "Süddeutschen Zeitung" werden am Freitag wohl nur eine Notausgabe ihrer Zeitung bekommen: Rund 600 Journalisten, Drucker und Verlagsangestellte befinden sich nach Angaben des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) im ganztägigen Warnstreik. Auch Mitarbeiter der Münchner Lokalzeitung "tz" sind darunter. Der DJV spricht von "einem hohen Mobilisierungspotential", nachdem am 4. Mai in Dortmund die Tarifverhandlungen zwischen Zeitungsverlegern und den Journalistengewerkschaften gescheitert sind. Auch in Aschaffenburg und Nürnberg befinden sich dem DJV zufolge Journalisten heute im Streik. München stelle das "Highlight" der Proteste dar.

Es geht den Streikenden weniger um sich selbst, als vielmehr um den journalistischen Nachwuchs. Der soll drastisch weniger Gehalt bekommen; Kürzungen bei der Altersversorgung; kein Urlaubsgeld mehr, dafür weniger Urlaub; 40 Wochenstunden statt 36,5 - so will es der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Letztlich geht es beim aktuellen Arbeitskampf aber auch und vor allem um Grundsätzlicheres: Wie viel darf guter Journalismus kosten? Wird Journalist künftig noch ein Beruf sein, der sich finanziell lohnt?

"Journalisten waren immer da, wenn man sie brauchte, sieben Tage die Woche, sie gingen erst nach Hause, wenn die Zeitung fertig war", so Kajo Döhring, Hauptgeschäftsführer des DJV, am Rande einer Demo Anfang Mai in Hamburg. "Dafür wurden sie ordentlich entlohnt. Das war der Konsens. Den kündigen die Verleger jetzt auf."

Die Verleger-Seite sieht im aktuellen Konflikt eine "historische Tarifrunde". So sagt etwa Thomas Ehlers, 50, Geschäftsführer der "Lübecker Nachrichten" und der "Ostsee-Zeitung" (beide gehören zur Madsack-Verlagsgruppe): "Sonst geht es doch bei solchen Verhandlungen immer darum, wie viel mehr Geld es geben wird. Jetzt geht es aber darum, wie viel die Redakteure abgeben."

Die meisten Verlage verdienen zwar noch immer Geld. Früher jedoch warfen Zeitungen zweistellige Traumrenditen ab, heute gelten höhere einstellige Umsatzrenditen schon als Beleg für gutes Wirtschaften. Ihre beiden Haupteinnahmequellen, die Werbe- und die Vertriebserlöse, drohen langfristig zu versiegen. Wären Zeitungen Pflanzen, wäre es an der Zeit, sie unter Artenschutz zu stellen.

Zuletzt waren es die Riesen unter den Anzeigenkunden, die vor allem den regionalen Zeitungen zu schaffen machten: Schlecker will sich weitgehend von Print-Werbung verabschieden, Aldi hat das regional bereits getan. Auch Lidl hat seine Ausgaben für Zeitungsanzeigen zurückgefahren. Die Auflagen der Blätter schrumpfen, am besten halten sich noch die überregionalen Tageszeitungen. "FAZ": minus 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, "Süddeutsche Zeitung": minus 2. "Welt" und "Welt kompakt" verloren 1,9 Prozent. Das "Hamburger Abendblatt" hat unter seinem scheidenden Chefredakteur Claus Strunz in zwei Jahren rund 10 Prozent eingebüßt, der Verkauf am Kiosk sackte sogar um fast 19 Prozent ab.

Die Gewerkschaft kontert: "Verleger erzielen im Schnitt sechs bis acht Prozent Rendite. Kein Verlag nagt am Hungertuch. Managementfehler der vergangenen Jahre können nicht auf dem Rücken der Journalisten ausgetragen werden" sagt Hendrik Zörner, Sprecher des DJV. Auch in den nächsten Tagen sei, so der DJV, mit weiteren Protestaktionen zu rechnen.

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