Holocaust-Debatte in Polen: Der Hass von gestern

Aus Warschau berichtet Ulrich Krökel

Warschauer Ghetto: Irritationen 70 Jahre nach dem Aufstand Fotos
Getty Images

Das ZDF-Epos "Unsere Mütter, unsere Väter" gilt in Polen als infamer Versuch, das polnische Volk als antisemitisch darzustellen. Zum 70. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto geht die Opfer-Täter-Debatte weiter - samt wüster Ausfälle. Und auch in Russland empört man sich über den Film.

"Überall lagen Leichen, die nur mit Zeitungen bedeckt waren. Kinder liefen durch die Straßen und rissen jedem, der unaufmerksam etwas zu essen bei sich trug, die letzte Brotkrume aus der Hand. Alle paar Meter bettelten Jungen und Mädchen. 'Ejn Stückele Brot, ejn Stückele!' Die jiddischen Worte habe ich noch im Ohr." Die Erinnerungen an das Grauen sind für Marian Kalwary jederzeit abrufbar, auch 70 Jahre danach.

Kalwary schildert seine Kindheit im Warschauer Ghetto. Die Nazis hatten 1940 in einem zentralen Viertel der Stadt, das mit kaum vier Quadratkilometern unwesentlich größer war als der Berliner Tiergarten, etwa eine halbe Million Juden zusammengepfercht und eingemauert. Ziel war, sie zu kontrollieren und die Deportation in die Todeslager, vor allem nach Treblinka. Hunger und Seuchen grassierten im Ghetto, sie rafften die Menschen zu Tausenden dahin.

Im Frühjahr 1943 beschlossen die verbliebenen rund 50.000 Warschauer Juden den Aufstand gegen die übermächtigen Deutschen. Mit wenigen, von polnischen Partisanen eingeschmuggelten Waffen griffen sie am 19. April eine SS-Einheit an - und besiegelten damit den Untergang des Ghettos. "Die Nazis übergossen alles mit Benzin und zündeten die Häuser an. In die Fluchtwege der Kanalisation warfen sie Gasgranaten. Wer es nicht aushielt und auf die Straße kroch, wurde erschossen."

So erzählt es Krystyna Budnicka. Sie war zehn Jahre alt, als das Ghetto brannte. Heute ist sie 80, zwei Jahre jünger als Marian Kalwary. Beide haben mit knapper Not überlebt. Sieben Jahrzehnte später wollen sie vor allem eines: Versöhnung statt Hass. "Rachedurst führt ins Nichts", sagt Budnicka.

Merkel in KZ-Kleidung

Weniger friedfertig gestaltet sich in diesen Tagen des Ghetto-Gedenkens die Geschichtsdebatte in den polnischen Medien. Viele Zeitungen und TV-Sender kündigen staatstragend den geplanten Besuch des israelischen Präsidenten Schimon Peres in Warschau am Freitag an und melden die bevorstehende Eröffnung des "Jüdischen Museums" im Herzen des ehemaligen Ghetto-Geländes. Doch darunter mischen sich schrille Stimmen mit antisemitischen oder antideutschen Untertönen.

Ein besonders grelles Schlaglicht auf die schwierige Diskussion um Schuld, Mitschuld und Kollaboration warf vergangene Woche das Magazin "Uwazam Rze". Das rechtskonservative Blatt zeigte Bundeskanzlerin Angela Merkel als KZ-Häftling und illustrierte damit eine Titelstory über die "Fälschung der Geschichte" mit der Unterzeile: "Wie sich die Deutschen zu Opfern des Krieges machen." Und in der Online-Ausgabe der Boulevardzeitung "Fakt" urteilte der Publizist Lukasz Warzecha: "Die Deutschen realisieren konsequent den Plan, sich von der Verantwortung für ihre Verbrechen reinzuwaschen."

Auslöser für diese Angriffe war die ZDF-Weltkriegstrilogie "Unsere Mütter, unsere Väter", die die polnischen Partisanen der Heimatarmee AK (Armia Krajowa) fast ausnahmslos als Antisemiten darstellt. Selbst ein gemäßigter Publizist wie der Deutschlandexperte Adam Krzeminski warf dem ZDF vor, die Geschichte "feige, peinlich und sträflich unglaubwürdig" erzählt zu haben. Zuletzt appellierte Ende vergangener Woche der polnische Botschafter in den USA, Ryszard Schnepf, an den amerikanischen Rechteinhaber "Music Box Films", das Werk nicht wie geplant in einer Kinofassung zu zeigen. Schnepf: "Der Film beruht auf Stereotypen und ist beleidigend."

Polen ringt noch immer mit der eigenen Vergangenheit

Tatsächlich ist die Darstellung der ZDF-Serie historisch verzerrend und die Empörung in Polen daher verständlich. Inzwischen hat der Sender angekündigt, eine Dokumentation zu produzieren, die den polnischen Widerstand differenzierter zeigt. Und auch in Russland beschwert man sich inzwischen über "Unsere Mütter, unsere Väter". Der Dreiteiler, so die Kritik, zeige "unmenschliches Verhalten" einzelner sowjetischer Soldaten und verdecke damit die kaltblütigen Verbrechen der Wehrmacht an ihrer Ostfront.

Aber dass die Kritik in Polen bisweilen irritierend aggressive Formen annimmt, zeigt: Auch 70 Jahre nach dem Ghetto-Aufstand ringt das Land noch immer mit der eigenen Aufarbeitung der Geschichte, der schmerzvolle Prozess dauert weiter an.

Nun ist es sicherlich nicht ausgerechnet eine Aufgabe der Deutschen, den Nachbarn jenseits der Oder den Spiegel vorzuhalten. Tatsächlich tun dies die Polen seit Jahren selbst. Über das Massaker von Jedwabne im Juli 1941, als Bewohner der Kleinstadt mehrere hundert jüdische Mitbürger ermordeten, und auch über andere antijüdische Pogrome in Polen ist vor allem dank der Bücher von Jan Tomasz Gross debattiert worden, eines amerikanisch-jüdischen Historikers mit polnischen Wurzeln ("Nachbarn", München 2001). Ende vergangenen Jahres erzählte zudem der Kinofilm "Poklosie" (Nachlese) exemplarisch von einem fiktiven Pogrom im Weltkrieg - und vom Schweigen danach. Denn in der kommunistischen Volksrepublik war dieser Teil der Geschichte ein Tabu.

Es gab viel Beifall für Gross und "Poklosie". Allerdings auch oft scharfe Reaktionen von selbsternannten polnischen Patrioten. So kritisiert der angesehene nationalkonservative Publizist Piotr Semka, dass die Schuld der Polen mit der unendlich viel größeren Schuld der Nazis vermischt werde. "Wir werden zu Mittätern des Holocaust gemacht." Was viele Polen als umso bitterer empfinden, weil zahllose ihrer Landsleute im Krieg unter Einsatz ihres Lebens Juden gerettet haben.

Ausgerechnet zum Ghetto-Gedenken vergreifen sich nun manche konservative Kommentatoren erneut im Ton. So geißelte etwa der Historiker Krzysztof Jasiewicz von der renommierten Warschauer Akademie der Wissenschaften "diesen jüdischen Unsinn über Juden, die hauptsächlich von Polen ermordet worden seien". In Wirklichkeit sei der Holocaust in den Vernichtungslagern "nur mit aktiver Beteiligung von Juden an der Ermordung des eigenen Volkes möglich gewesen".

Der Chefredakteur der Zeitschrift "Focus Historia'", in der dieser antisemitische Ausfall veröffentlicht wurde, hat sich inzwischen entschuldigt. Die Schärfe der Debatte zeigt dennoch: Die Aussöhnung zwischen Deutschen, Polen und Juden mag 70 Jahre nach dem Ghetto-Aufstand weit fortgeschritten sein, doch die Vergangenheit hat ihre Macht noch immer nicht verloren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. Antisemitismus
egmc2 18.04.2013
Zitat von sysopDas ZDF-Epos "Unsere Mütter, unsere Väter" gilt in Polen als infamer Versuch, das polnische Volk als antisemitisch darzustellen. Zum 70. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto geht die Opfer-Täter-Debatte weiter - samt wüster Ausfälle. Und auch in Russland empört man sich über den Film. Warschauer Ghetto: Debatte um "Unsere Mütter unsere Väter" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/warschauer-ghetto-debatte-um-unsere-muetter-unsere-vaeter-a-894867.html)
Das polnische Volk ist sicherlich nicht antisemitisch, viele Polen waren es in den 30er und 40er Jahre aber durchaus. Teilweise bis heute. Die Polen waren und sind überwiegen streng katholisch. Wenn man der Analyse von Daniel Goldhagen in seinem Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust" folgt, dann hat der Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts seine Wurzeln im Antijudaismus der Kirche. Dies wäre sicherlich dann auch in Polen der Fall. Nur muss immer klargestellt werden, dass der Holocaust nicht von Polen sondern von Deutschland ausging. Hier darf es keine Missverständnisse geben. Das entbindet aber polnische Täter nicht von ihrer Verantwortung und auch das muss ausgesprochen werden dürfen. Eine gegenseitige Aussöhnung wird sonst kaum möglich.
2. Langsam wird es
wahrheitssucher1990 18.04.2013
Deutschland bricht einen der irrsinnigsten Kriege der Geschichte vom Zaun und Schuld sind andere? Ich habe von diesem Machwerk nur Teile des letzten Teils gesehen; wieder war der böse mordende und vergewaltigende Russe und die gute deutsche kriegsunterstützende Krankenschwester das Thema; natürlich durften die nationalen Befreiungsbewegungen gegen Faschismus nicht ok sein; man käme ja sonst auf die Idee, über den Widerstand in Vietnam,Irak usw. anders zu denken, als es die Medien vorg(a)eben... Und Antisemitismus? Die radikalsten Antisemiten der Geschichte sollten diese perverse Seite ihrer Vergangenheit nicht gegen Verbrechen anderer aufrechnen- das steht uns bis heute so nicht zu. Und noch eins: Es gab auch eine Armija Ludowa, die in der SU entstand ( böse kommunistisch natürlich )- hier wird aber sogar die nach dem Duktus des Films im westlichen Sinne gute AK ( Poln. Exilreg. in London ) auch mies gemacht ( der Antisemitismus in Polen war ja real da, aber siehe oben). Also waren beide polnischen Widerstände schlecht, und die Russen erst...Man regt sich in diesen Ländern noch viel zu wenig über dieses Niveau des ZDF und damit der Deutschen auf. Verbrechen werden nicht dadurch besser, daß man die anderer auf die TO setzt und dadurch die eigenen versucht zu relativieren. Und unter den Talaren der Muff von Tausend Jahren- dieser Nachkriegsfaschismus wirkt bis heute indirekt und ermöglich so auch durch diesen Revisionismus die NSU und NPD und NA und und und...........Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Bis heute; leider. So ein Film klärt nicht auf, sondern verzerrt niveaulos. Dagegensein ist wichtig!
3.
CashFloh 18.04.2013
Zitat von sysopDie Nazis hatten 1940 in einem zentralen Viertel der Stadt, das mit kaum vier Quadratkilometern unwesentlich größer war als der Berliner Tiergarten, etwa eine halbe Million Juden zusammengepfercht und eingemauert. Ziel war, sie zu kontrollieren und die Deportation in die Todeslager, vor allem nach Treblinka.
Also hier scheinen dem angestrengt um Ausgewogenheit bemühten Autoren doch etwas die Pferde durchgegangen zu sein. Bitte nochmal die Abläufe auf der historischen Zeitschiene vergleichen und den Text redigieren. 1940 kann die Einrichtung des W. Ghettos NICHT die Deportation der Insassen nach Treblinka zum Ziel gehabt haben, auch wenn es später dazu genutzt wurde. Wenn man schon aus Wikipedia abschreibt, dann bitte richtig, denn da steht es korrekt. Zur Sache selbst: Bei aller berechtigter Kritik kam es auch mir so vor als hätte die AK keine anderen Sorgen gehabt als ihrem ausgeprägten Antisemitismus zu fröhnen. In den paar Szenen, in denen AK vorkam, ging es ja um fast nichts anderes ... das scheint auch mir in der Tat verzerrend dargestellt.
4. Deutschland - aber auch die anderen Länder - sollten sich ins Bewusstsein holen, ...
divStar 18.04.2013
... dass von denen, die tatsächlich Schuld an den grauenhaften Verbrechen waren, kaum mehr einer lebt. Und warum sollten andere - also Nachkommen - für das haften was evtl. ihre Eltern verbrochen haben? Warum müssen diese Menschen für die Fehler ihrer Eltern blechen? Ich glaube nicht, dass die Eltern ihr Handeln mit ihren Kindern abgesprochen haben - also was soll das jetzt? Und was ist mit den vielen Ausländern oder unbeteiligten Familien? Warum müssen sie zahlen, obwohl sie gar nichts gemacht haben? Oder irgendwelche Schuldgefühle haben? Diese nachtragenden Nationen tun sich mit der Pauschalisierung der Schuld keinen Gefallen, denn wenn jemand zu Unrecht beschuldigt wird weckt dies nicht gerade Sympathie und Empathie bei demjenigen, sondern eher Verachtung und Hass. Um das zu erkennen muss man weder Politiker noch Psychiater sein. Der Film mag unmöglich sein - aber die Realität, in der den Deutschen diktiert wird, dass sie sich gefälligst bis in alle Ewigkeit schuldig fühlen müssen, ist keinen Deut besser.
5.
gurkenbroetchen 18.04.2013
Zitat von wahrheitssucher1990Deutschland bricht einen der irrsinnigsten Kriege der Geschichte vom Zaun und Schuld sind andere? Ich habe von diesem Machwerk nur Teile des letzten Teils gesehen; wieder war der böse mordende und vergewaltigende Russe und die gute deutsche kriegsunterstützende Krankenschwester das Thema; natürlich durften die nationalen Befreiungsbewegungen gegen Faschismus nicht ok sein; man käme ja sonst auf die Idee, über den Widerstand in Vietnam,Irak usw. anders zu denken, als es die Medien vorg(a)eben... Und Antisemitismus? Die radikalsten Antisemiten der Geschichte sollten diese perverse Seite ihrer Vergangenheit nicht gegen Verbrechen anderer aufrechnen- das steht uns bis heute so nicht zu. Und noch eins: Es gab auch eine Armija Ludowa, die in der SU entstand ( böse kommunistisch natürlich )- hier wird aber sogar die nach dem Duktus des Films im westlichen Sinne gute AK ( Poln. Exilreg. in London ) auch mies gemacht ( der Antisemitismus in Polen war ja real da, aber siehe oben). Also waren beide polnischen Widerstände schlecht, und die Russen erst...Man regt sich in diesen Ländern noch viel zu wenig über dieses Niveau des ZDF und damit der Deutschen auf. Verbrechen werden nicht dadurch besser, daß man die anderer auf die TO setzt und dadurch die eigenen versucht zu relativieren. Und unter den Talaren der Muff von Tausend Jahren- dieser Nachkriegsfaschismus wirkt bis heute indirekt und ermöglich so auch durch diesen Revisionismus die NSU und NPD und NA und und und...........Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Bis heute; leider. So ein Film klärt nicht auf, sondern verzerrt niveaulos. Dagegensein ist wichtig!
Wie Sie selbst schreiben: Sie haben den Film nicht gesehen. Schauen Sie alle Teile und machen Sie sich dann eine Meinung.
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