Kultur

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Die Krux mit der Diskriminierung

Weiße und Männer können alles haben, aber das nicht

Klar werden auch Männer gemobbt, brutal geschlagen und unfair behandelt - diskriminiert aber werden sie nicht. Dafür fehlen in dieser Welt noch immer die entsprechenden Machtstrukturen.

Eine Kolumne von

DPA

"Bild"-Chef Julian Reichelt

Dienstag, 06.11.2018   16:30 Uhr

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Manche Leute haben es einfach drauf. Sie werden auserwählt, einen Preis verliehen zu bekommen, und man denkt sich auf den ersten Blick: "Ja, passt." Und dann kommen sie zur Preisverleihung und halten eine Rede und man stellt dann überhaupt erst fest, wie sehr sie diesen Preis wirklich verdienen, mit ganzer Seele.

"Bild"-Chef Julian Reichelt ist so ein Fall. Am vergangenen Wochenende war er vom Verein Neue deutsche Medienmacher eingeladen, weil er die "Goldene Kartoffel" bekommen sollte - ein "Medienpreis für besonders einseitige oder missratene, kurz: für unterirdische Berichterstattung über Aspekte unserer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft", so schreibt der Verein. Julian Reichelt sollte den Preis erhalten, unter anderem, weil er in seiner Zeitung "Unsachlichkeit, Vorurteile und Panikmache" vorantreibe.

Die Kartoffel als Schimpfwort

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Reichelt kam also zur Preisverleihung, lehnte den Preis dann aber ab. Nicht, weil er findet, dass seine Berichterstattung gar nicht so unterirdisch sei. Sondern, weil er sich an dem Begriff "Kartoffel" störte. Auf Schulhöfen von Brennpunktschulen, "wo Migration keine Erfolgsgeschichte ist", so hat Reichelt recherchiert, sei "Kartoffel" eine "Beschimpfung geworden, die sich tatsächlich auf Rasse und Herkunft bezieht".

Da fragt man sich natürlich zunächst, wie man sich im Falle von Menschen eigentlich auf "Rasse" beziehen soll, wenn es keine Menschenrassen gibt, oder meint Reichelt Hunde, die beschimpft werden? Vor allem aber fragt man sich, ob er ernsthaft sagen will, dass er als Weißer rassistisch beleidigt werde, wenn man ihn mit dem Begriff "Kartoffel" assoziiere. Leider, leider, muss man davon ausgehen, dass er das denkt.

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Es gibt dieses Phänomen in abgewandelter Form auch bei Männern, die sich Sexismus ausgesetzt sehen. Die Frauenquote, Frauenbeauftragte, Frauenparkplätze: Alles davon wird regelmäßig als Sexismus gegen Männer ausgelegt. Und es gibt beide Phänomene in Kombination, wenn etwa darauf hingewiesen wird, dass zum siebenmillionsten Mal in der Weltgeschichte ein Aufsichtsrat, ein Podium, ein Ministerium nur mit weißen Männern besetzt wurde. "Weiße Männer", darf man die so nennen oder ist das nicht eigentlich auch schon... Diskriminierung?

Ist es nicht. Männer und Weiße können ungefähr alles auf der Welt haben, aber Diskriminierung können sie nicht haben. Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer. Das heißt nicht, dass es sie prinzipiell nicht geben kann. Es kann sie nur in dieser Welt nicht geben.

Diskriminierung ist strukturelle Benachteiligung

Natürlich steht und fällt diese These mit der Frage, wie man Diskriminierung definiert. Wenn man jede persönliche Ablehnung oder auch nur Benennung von gesellschaftlichen Gruppen als Diskriminierung sieht, okay. Dann können auch Weiße und Männer diskriminiert werden. Wenn man aber Diskriminierung als einen Mechanismus versteht, der unterdrückte Gruppen oder Minderheiten von gesellschaftlicher Teilhabe und Gleichberechtigung fernhält, dann ist das eine Erfahrung, die Weiße und Männer als solche in dieser Welt nicht machen können. Es kann Vorurteile gegen sie geben, es kann Gewalt, Mobbing, unfaires Verhalten geben, oder Witze über sie, aber keine Diskriminierung.

Wer zu einer Gruppe gehört, die standardmäßig in einer Gesellschaft die Macht hat - und das sind bei uns Weiße, Heterosexuelle, Männer, Menschen ohne Behinderung - kann als diese Gruppe nicht diskriminiert werden. Diskriminierung ist strukturelle Benachteiligung, das heißt, es muss eine (Macht-)Struktur geben, die sie stützt. Das kann eine ungleiche Verteilung von Ressourcen sein, das können Polizeikontrollen aufgrund der Hautfarbe sein oder in simplen Fällen einfach Buntstifte oder Pflaster, die "hautfarbig" genannt werden, als hätten alle Menschen beigerosa Haut. Wenn es diese Struktur nicht gibt, dann ist es keine Diskriminierung.

Das heißt wiederum nicht, dass Männer oder Weiße nicht diskriminiert werden können - sie können nur nicht als Männer sexistisch diskriminiert werden oder als Weiße rassistisch. Weiße Männer können diskriminiert werden, weil sie zum Beispiel schwul sind oder eine Behinderung oder Krankheit haben, sie können Opfer von Klassismus werden oder von Ageism, der Diskriminierung aufgrund von Alter. Wobei das nicht schon dann gegeben ist, wenn man feststellt, dass Horst Seehofers Zeit so langsam abgelaufen ist. (Ist sie.)

Das Leben zählt nicht von jedem gleich viel

Zurzeit steht ein Massenmörder vor Gericht, der mindestens hundert Menschen getötet haben soll. In der deutschen Nachkriegszeit hat vermutlich niemand mehr Menschen getötet als Niels Högel, der als Krankenpfleger gearbeitet hat und seine Patienten vergiftete. Ein haarsträubender Fall von unglaublicher Herzlosigkeit, Härte und Kälte - der aber in der Öffentlichkeit nicht besonders groß diskutiert wird.

Wenn man sich vorstellt, Högel hätte hundert Professorinnen umgebracht oder hundert Profifußballer und nicht hundert kranke oder alte Menschen, dann bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, dass bestimmte Gruppen immer noch grundlegend anders behandelt werden, und zwar nicht nur in der Hinsicht, dass sie vielleicht mal einen Job nicht bekommen, sondern in der Hinsicht, dass ihr Leben und letztlich ihr Tod nicht ganz so viel zählen. Erinnert sich noch jemand an die "Dönermorde", bei denen gar keine Döner ermordet wurden?

Die Praxis des Patriarchats

In dieser Woche erscheint ein Film in den deutschen Kinos, der "Female Pleasure" heißt und davon erzählt, wie Religion Frauen das Leben zur Hölle macht. Es werden fünf Frauen porträtiert, die unter fünf verschiedenen Weltreligionen leiden und gegen die Ungleichbehandlung kämpfen, die ihnen und anderen widerfahren ist, und die, obwohl sie auf verschiedenen Kontinenten in sehr unterschiedlichen Kontexten stattfindet, immer wieder nach denselben Mechanismen abläuft. "Sie praktizieren das Patriarchat", sagt eine der Protagonistinnen, Leyla Hussein, die sich gegen Genitalverstümmelung einsetzt, "das ist eine universelle Religion."

Wer sich darüber beschwert, dass Männer heute jederzeit Opfer einer Verleumdungskampagne werden können - weil es schwerer geworden ist, Frauen zum Schweigen zu bringen - oder dass man im Internet zurechtgewiesen wird, weil man rassistische Begriffe aus der Kolonialzeit heute noch ganz okay findet, der sollte sich den Film ruhig gönnen, als Reminder, in welchem System wir immer noch leben.

Das Argument ist nicht: Anderen geht es noch schlechter. Das Argument ist auch nicht: Alle Frauen oder People of Color sind zu jeder Zeit diskriminiert und haben den Opferstatus lebenslänglich gepachtet. Sondern: Überall auf der Welt sind es immer wieder ähnliche Machtstrukturen, die Menschen davon abhalten, ein freies Leben zu führen - selbst in Ländern, wo rechtlich theoretisch Gleichstellung herrscht.

Wer die Kämpfe dieser Menschen nicht sieht oder nicht erträgt und sich stattdessen selbst als Opfer von Diskriminierung darstellt, hat nichts davon verstanden, wie diese Welt immer noch funktioniert.

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