S.P.O.N. - Der Kritiker: Sigmar Gabriel, der gute Deutsche

Eine Kolumne von Georg Diez

SPD-Chef Gabriel bei einer Schweigeminute für NS-Opfer: Geisel dieser Zeit Zur Großansicht
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SPD-Chef Gabriel bei einer Schweigeminute für NS-Opfer: Geisel dieser Zeit

Die Diskussion über das Weltkriegsepos "Unsere Mütter, unsere Väter" war mehr oder weniger skandalös. Das Beispiel für einen würdigeren Umgang mit der NS-Vergangenheit liefert Sigmar Gabriel. Über seinen Nazi-Vater spricht der SPD-Chef selbstkritisch, demütig und menschlich.

Kennen Sie Sigmar Gabriel? Ich kannte ihn jedenfalls nicht, den Mann, der da vergangenen Sonntag bei Günther Jauch saß und so leise sprach, dass man ihn kaum verstand, der so sehr nach innen schaute, dass er fast verschwand, der so höflich und ruhig war, als sei er ein Konfirmand. Und nicht ein zu kleiner SPD-Vorsitzender in einem zu großen Körper.

Denn das war ja das bisherige, das öffentliche, das seltsame Sigmar-Gabriel-Drama gewesen: Man wusste nicht recht, ob der Mann zu viel oder zu wenig Ambition hatte, man ahnte nur, dass da etwas in ihm war, das nicht passte, das in ihm rumorte, das herauswollte.

Anfang Januar hatte es schon einen eindrucksvollen Text in der "Zeit" von Bernd Ulrich gegeben, eindrucksvoll, weil er es geschafft hatte zu erklären, warum der falsche Sigmar Gabriel der richtige ist: Gabriel hatte tatsächlich etwas tief in sich versteckt, er hatte etwas verschlossen, eine Kammer, die seine Kindheit war, in einem schrecklichen Haus, das Deutschland hieß.

Sein Vater, erzählte Gabriel Bernd Ulrich, lebte in der Vergangenheit, er lebte tief in der braunen Zeit, im braunen Denken, in einem braunen Land, das weiter existierte, auch nach dem Krieg, er war ein Nazi und blieb ein Nazi, er leugnete Auschwitz, er verschickte Feldpost einer Schlacht, die er gar nicht geschlagen hatte. Und sein Sohn, Sigmar Gabriel, war eine Geisel dieser Zeit, bis er zehn Jahre alt war.

Gabriel wirkte frei, fast erlöst

Vielleicht ist er es heute noch. Wie er da bei Günther Jauch saß, Fast-Kanzlerkandidat, ein Fast-Machtfigur, ein Fast-Politikerstar, im Gesicht das ewige Kind und doch sehr viel männlicher, als bei seinen manchmal sympathisch feierabendhaft hingenuschelten und manchmal irgendwie läppisch dröhnenden Auftritten als wichtiger Sozialdemokrat - da wirkte er frei und fast erlöst: Er hatte nicht die Kraft, gegen seinen Vater zu wüten, er hatte nicht die Chance, seinen Vater zu verstehen, und das alles, seltsam genug, machte keinen kalten, sondern, so scheint es, einen anständigen Menschen aus ihm.

Gabriel war dabei schon einmal angenehm aufgefallen, das war damals, als der rassistische Wüterich Thilo Sarrazin seine wilden Thesen auf den bürgerlichen Ressentimentteller wuchtete - und Gabriel ihm in einem ruhigen, entschiedenen Text antwortete, warum so jemand wie er nicht in der SPD sein sollte: "Der Hobby-Eugeniker Sarrazin", schrieb Gabriel, sei dabei, "Theorien der staatlichen Genomauswahl wieder salon- und hoffähig zu machen. Wer unter dem Banner der Meinungsfreiheit ('Das wird man doch wohl noch sagen dürfen...') ethnische (...) Ressentiments in der Politik wieder geschäftsfähig macht, der bereitet den Boden für die Hassprediger im eigenen Volk."

Gabriel, das zeigte sich im Fall Sarrazin, das zeigte sich auch auf der großen deutschen Sonntagabend-Selbstfindungs-Couch von Jauch, hat ein gutes Gespür dafür, wie aus Geschichte Politik wird, wie Geschichte eingesetzt wird, um ein bestimmtes Gerede in Gang zu setzen, wie leicht der ewige Patient Deutschland in Wallung kommen kann, wenn es darum geht, das eigene Unglück zu beweinen.

Die andere Seite des deutschen Schuldkarussels

Es ging, bei Jauch und in den anderen Diskussionen, am dümmsten schließlich bei Markus Lanz, es ging ja fast nur um die Frage: Was haben wir Deutschen Schlimmes an der Ostfront getan, und warum sollen wir uns heute dafür bemitleiden?

Es ging bei all dem mehr oder weniger skandalösen Geplemper um "Unsere Mütter, unsere Väter" dagegen leider viel zu wenig um die Frage: Wie wurden die Deutschen, was sie sind, eine funktionierende, eine kalte, eine immer noch angeschlagene Nation, die für andere gefährlich wirkt? Allein die Figur Gabriel hätte dafür gereicht, es hätte keine 14 Millionen Euro Produktionskosten und keine Ostfront-Orgien gebraucht, um zu zeigen, wie man mit diesem "Trauma", das jetzt alle beschreien, umgeht - auch ohne sich zum Beispiel die eigentlich unzumutbare Frage stellen lassen zu müssen: "Was hättest du getan?!"

Diese Frage ist ja nichts anderes als historischer Relativismus. Weil sie erst mal unterschlägt, dass es so etwas wie Gut und Böse gibt, so etwas wie Richtig und Falsch. Weil sie die individuelle Schwäche wichtiger nimmt als die Verwerflichkeit des Systems.

Sigmar Gabriel zeigte eine andere Seite dieses deutschen Schuldkarussells: Er war selbstkritisch und demütig, er war sich seiner Situation bewusst und im Ton menschlich. Ich weiß nicht, ob er ein guter Politiker ist. Ich weiß aber, dass er, wenn es so etwas gibt, an diesem Abend der gute Deutsche war.

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insgesamt 128 Beiträge
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1. guter mensch
dorfeller 29.03.2013
und auch politiker. Der sigmar ist das beste was der spd passieren konnte zusammen mit der Hannelore und ich bin festen Überzeugung das in ihm noch mehr steckt.
2. Danke, Herr Diez!
tsitsinotis 29.03.2013
Sigmar Gabriel ist einer der ganz wenigen glaubhaften Politiker in Deutschland.
3. Nietzsche hat recht!
willhy 29.03.2013
Zitat von sysopDie Diskussion über das Weltkriegsepos "Unsere Mütter, unsere Väter" war mehr oder weniger skandalös. Das Beispiel für einen würdigeren Umgang mit der NS-Vergangenheit liefert Sigmar Gabriel. Über seinen Nazi-Vater spricht der SPD-Chef selbstkritisch, demütig und menschlich. Warum Sigmar Gabriel in der NS-Debatte der gute Deutsche ist - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/warum-sigmar-gabriel-in-der-ns-debatte-der-gute-deutsche-ist-a-891681.html)
Demut gehört zu den gefährlichen, verleumderischen Idealen, hinter denen sich Feigheit und Schwäche, daher auch Ergebung in Gott verstecken. Die ewige Schuld hängt man uns an,: die große Mehrheit der Bevölkerung war nicht dabei, deshalb redet man es uns ein, fast täglich. Wir wurden als Volk gebrochen. Es ist höchst erstaunlich, dass die Menschen das mit sich machen lassen.
4. Die Kernaussage dieses Artikels...
indisbelief 29.03.2013
Ein guter Deutscher kann nur derjenige sein, der demütig ist... Erklären sie das mal den Generationen, die mit der Schuld der Väter, Großväter und Urgroßväter nichts aber auch gar nichts zu tun haben.
5. Berechtigter Respekt ...
benyakov 29.03.2013
Für einen Sozialdemokraten! Leistet Spiegel-online österliche Buße? Auch das verdient Respekt.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).