Was ist Heimat? Wo man mich versteht

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Sein, wer man sein will, Gleichgesinnte finden, sich am richtigen Platz fühlen: Das kann man überall auf der Welt. In Berlin, in der bayerischen Provinz oder auch in Buenos Aires. Denn Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl.

Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg: Laut, dreckig, Großstadt Zur Großansicht
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Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg: Laut, dreckig, Großstadt

Es ist dieser Moment, in dem ich den Flieger verlasse oder den Zug, der Moment, in dem ich mit dem Auto am bronzenen Bären beim Zollamt Dreilinden vorbeifahre, in diesem Moment weiß ich: Jetzt bin ich wieder in Berlin. Ich fahre hinein in die Stadt und kurbele das Fenster hinunter. Die Luft scheint klarer zu sein hier, der Himmel weiter. Und ich kann frei atmen.

Klar, wenn ich dann endlich einen Parkplatz gefunden habe, stinkt es wahrscheinlich wenige Meter weiter schon wieder nach Hundekot und, je nach Jahreszeit, nach Braun- oder Grillkohle, und lange wird es bestimmt nicht dauern, bis ein übellauniger Hauptstadtbewohner mir seinen schlechten Atem ins Gesicht raunzt, aber das macht nichts. Das ist die Großstadt, hier will ich leben. Jetzt bin ich endlich wieder daheim.

Endlich eine gute Wurst

Aber halt: Es funktioniert auch umgekehrt. Auch in der Gegenrichtung gibt es diesen speziellen Moment, wenn ich von Thüringen nach Bayern wechsle auf der A9, das ist jetzt vielleicht ein wenig ungerecht den Thüringern gegenüber, aber ich könnte schwören, es macht kurz "Padamm", und von einer Sekunde auf die andere ist der Straßenbelag besser.

Ich kann jetzt jederzeit irgendwo rausfahren und eine Metzgerei aufsuchen, die diese Bezeichnung verdient, "Grüß Gott" sagen und mir eine hervorragende Wurst kaufen, wahrscheinlich haben die sogar vernünftige Bretzen da, kein Vergleich mit den traurigen Fleisch- und Backwaren, die in Berlin verhökert werden, und während ich kaue, denke ich: Endlich wieder daheim.

Heimat ist, wenn ich die Wohnungstüre aufsperre und unser kleiner Sohn mir entgegenrennt und aufgeregt erzählt, was er in der Kita erlebt hat. Heimat ist, wenn die Frau vom Spätkauf nebenan wortlos die richtigen Zigaretten auf den Tresen legt. Heimat ist, wenn ich am ersten Mai auf einer Bank auf dem Dorfplatz in Eichenau sitze und die Blasmusik spielt. Heimat ist, wenn wir die Familie meiner Frau in Buenos Aires besuchen und mich ihre Brüder vom Flughafen weg direkt auf einen unglaublich ausschweifenden Junggesellenabschied schleppen, auf eine Party, die ich niemals vergessen würde, wenn ich mich nur an sie erinnern könnte.

Er nennt es Heimat. Ich nenne es Frust

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl: Wo mich die Menschen verstehen, wo ich mich nicht verstellen muss, wo Leute sind, die ich mag und die mich mögen, da bin ich daheim. Ich habe nie so richtig verstanden, warum viele Menschen niemals den Ort verlassen wollen, an dem sie aufgewachsen sind - obwohl sie sich hier ganz offensichtlich nicht entfalten können. Ein Freund, der eigentlich ein begnadeter Profi-Fotograf sein könnte, wenn er sich nur einmal trauen würde, seine Bilder einer Agentur zu schicken und vielleicht in eine Großstadt zu ziehen, sitzt lieber jeden Freitagabend mit den immer selben Leuten in der immer selben Kneipe zusammen und lamentiert darüber, dass nichts weitergeht in seinem Leben. Er nennt das Heimat. Ich nenne es Frust.

Heimat entsteht, wenn man die Fähigkeit hat, sich wohl zu fühlen dort, wo man ist. Wer das nicht kann, ist nie daheim - selbst wenn er seinen Geburtsort niemals verlassen hat. Heimat kann man sich machen. Egal wo.

Na gut, man muss dabei vielleicht nicht ganz so schnell sein wie mein lieber Freund Christoph aus Westdeutschland, der zwar nur ungefähr dreimal in seinem Leben in Bayern gewesen ist, aber das hat ihn so begeistert, dass er mir kürzlich beim Bier gesagt hat, wenn wir nächstes Mal gleichzeitig da sind, dann zeigt er mir "sein München". Ich erinnerte ihn dezent daran, dass ich in der Gegend, wie er ja wisse, aufgewachsen sei und eigentlich keine Stadtführung von ihm bräuchte, aber das störte Christoph überhaupt nicht.

"Sein München"? Warum nicht

Ganz stolz war er darauf, dass er die Entfernung zwischen Frauenkirche (er nannte sie "Dom") und Marienplatz besser geschätzt hat als ich (eine absurde Frage, warum sollte ich jemals vom Marienplatz zur Frauenkirche gehen? Ich bin ja kein Tourist), und als er dann auch noch anfing, mich darüber zu belehren, wo die schönsten Biergärten zu finden seien und dass Augustiner ja das beste Bier der Welt sei, da hätte ich ihm kurzzeitig schon gerne eine reingehauen. Aus Lokalpatriotismus.

Ich habe mich dann aber doch dagegen entschieden. "Sein München", warum nicht? Es ist genauso gut seins wie meins. Wir saßen in meiner Kreuzberger Stammkneipe, führten ein lustiges, absurdes Gespräch über Herkunft und Heimat, die Kellnerin brachte noch ein Bier. Und ich fühlte mich mal wieder ganz daheim.

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1. Die reduzierte Definition auf "Verständnis" ist falsch!
peterfremen 07.04.2012
Zitat von sysopddpSein, wer man sein will, Gleichgesinnte finden, sich am richtigen Platz fühlen: Das kann man überall auf der Welt. In Berlin, in der bayerischen Provinz oder auch in Buenos Aires. Denn Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,826008,00.html
Ich habe zig Jahre meines Lebens für dieses "mein" Land gearbeitet und vergeudet. Dieses Land ist seit Kohls 16 jährigem Umbruch 1982-1998 nicht mehr Kapitalismus in Demokratie sondern wurde gemacht zu Protektionismus in Oligarchie. Wo Macfht ÜBER Recht herrscht, lebt kein Recht mehr. Dieses Land ist keine Heimat mehr sondern ein Unrechtsstaat. Nicht die Sprache oder/und das Verständnis machen Heimat aus: Heimat ist das Land oder die Region, wo meine Verdienste und Rechte geachtet werden. Da wäre ich "zuhause".
2. Heimat
Wilder Eber 07.04.2012
Zitat von sysopddpSein, wer man sein will, Gleichgesinnte finden, sich am richtigen Platz fühlen: Das kann man überall auf der Welt. In Berlin, in der bayerischen Provinz oder auch in Buenos Aires. Denn Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,826008,00.html
Ich kann mich gut an den Spruch meiner Mutter: Ach, zu Hause ist es doch auch schön. Dabei ist meine Mutter 800 km weiter östlich geboren und 1946 vertrieben, was zum damaligen Zeitpunkt im kleinen Massstab einer Globalisierung gleichkam. Mittlerweile und mit ein paar grauen Haaren, geht mir der damalige Spruch meiner Mutter zumindest gedanklich über die Lippen. Irgendwann werde ich den Spruch dann auch laut aussprechen und genau in diesem Zeitpunkt habe ich meine Heimat gefunden.
3. Das mag ja ....
47/11 07.04.2012
Zitat von sysopddpSein, wer man sein will, Gleichgesinnte finden, sich am richtigen Platz fühlen: Das kann man überall auf der Welt. In Berlin, in der bayerischen Provinz oder auch in Buenos Aires. Denn Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,826008,00.html
... für den einen oder anderen genügen, aber Heimat im ursprünglichen Sinne ist da, wo meine Wurzeln und meine Kultur sind.Für Kulturnomaden ohne Familienbindung hat das möglicherweise wenig Bedeutung, aber ob ein entwurzeltes Leben letztendlich befriedigend ist, bleibt abzuwarten . Wohlfühlen könnte ich mich mit solchen Leben nicht !!!
4. trotzdem
zins-bürger 07.04.2012
Zitat von sysopddpSein, wer man sein will, Gleichgesinnte finden, sich am richtigen Platz fühlen: Das kann man überall auf der Welt. In Berlin, in der bayerischen Provinz oder auch in Buenos Aires. Denn Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,826008,00.html
Deutschland ist zur Heimat von Kapital und Niedrig-Lohn-Arbeitsplätzen geworden. Wahrscheinlich leben viele nur noch "trotzdem" in der Heimat.
5. Heimat, das sind Menschen!
RaoulLübeck 07.04.2012
Heimat hat für mich immer etwas mit Menschen zu tun und ich mache mir es jetzt einfach und verweise auf diese Geschichte zum Thema von einem Autor (nichtkommerzieller Link), da er alles schreibt, was mir auch wichtig ist - Eine Hommage an Leipzig und ihre Bewohner-hier läßt es sich leben (http://goodnewstoday.de/gute_nachrichten/2011/05/20/heimat-das-sind-menschen/)
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