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06. August 2013, 07:16 Uhr

Besitzerwechsel bei "Washington Post"

Internet kauft Papier

Aus Washington berichtet

Tränen im Newsroom: Die traditionsreiche "Washington Post" wird verkauft, ausgerechnet an den Internetunternehmer und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der spektakuläre US-Mediendeal zeigt: Nicht der Journalismus befindet sich in der Krise, sondern das Geschäft mit bedrucktem Papier.

In Medienunternehmen verheißen solche E-Mails selten Gutes: Die Verlegerin und Vorstandsvorsitzende Katharine Weymouth bittet alle Mitarbeiter zu einer Ansprache, um 16.30 Uhr am Montagnachmittag im großen Auditorium im Erdgeschoss, die Außenbüros können über eine spezielle Einwahlnummer per Telefon zuhören.

In den riesigen neonbeschienenen Newsroom der "Washington Post" kommt Unruhe. Immer mehr Redakteure verlassen ihre mit niedrigen Stellwänden umgrenzten Schreibtische, um sich mit den Kollegen auszutauschen und zu den Aufzügen zu drängen, trotz des nahenden Redaktionsschlusses. Mutmaßungen machen die Runde: Vielleicht sei es ja gelungen, einen Käufer für das Verlagshaus im Herzen der amerikanischen Hauptstadt zu finden, vielleicht stehe bald ein Umzug an den Stadtrand an.

US-Journalisten sind schlechte Nachrichten gewohnt. Doch die Wucht dessen, was wenige Minuten später Donald Graham, der Aufsichtsratschef der "Washington Post" und Onkel von Katharine Weymouth, verkündet, überrascht selbst die krisenerprobte Belegschaft: "Ich habe eine sehr überraschende Ankündigung zu machen. Unser Unternehmen macht öffentlich, dass wir die 'Washington Post' an Jeff Bezos, den Gründer von Amazon, verkauft haben."

"Wir haben das Blatt geliebt und die, die es produziert haben", sagt Donald Graham zu seinen Mitarbeitern. Aber man habe keine Antwort auf die neuen Herausforderungen des Zeitungsgeschäfts gefunden, sieben Jahre in Folge seien die Gewinne zurückgegangen.

Viele Zuhörer wischen sich Tränen aus den Augen, Graham selbst muss sich mehrfach fassen, um mit seiner Rede fortzufahren. Inhalt: Eine große Zeitungsdynastie verkauft den Kern ihres Unternehmens, weil sie sich nicht länger im Printgeschäft wirtschaftlich engagieren will. Für 250 Millionen Dollar, ausgerechnet an einen Internetunternehmer.

Zeitungsgeschichte - von Watergate zu Prism

Noch ist der Deal nicht komplett besiegelt, noch ist nicht klar, welchen Namen das Unternehmen künftig tragen soll. Entlassungen im Zusammenhang mit dem Eigentümerwechsel seien nicht vorgesehen, auch keine Gehaltskürzungen.

Doch nun steht fest, dass die Medienkrise endgültig im Herzen der US-Zeitungslandschaft angekommen ist, geografisch und wirtschaftlich.

Denn veräußert wird nicht irgendein Blatt: Die "Washington Post" ist neben der "New York Times" das renommierteste Printmedium des Landes. Ihre Reporter haben den Watergate-Skandal aufgedeckt, sie haben alle möglichen Preise eingeheimst und waren jüngst gemeinsam mit dem britischen "Guardian" die Ersten, die über das Prism-Spitzelprogramm der NSA berichteten.

Es hat andere Zeitungsverkäufe gegeben, gehäuft in jüngster Zeit, in den USA wie in Europa. Die "New York Times" verkaufte das Traditionsblatt "Boston Globe" an einen Unternehmer, für weniger als ein Zehntel des ursprünglichen Kaufpreises. Das einst einflussreiche Wochenmagazin "Newsweek" wechselte unlängst den Besitzer, nachdem es zuvor nur noch online erschienen war. Rupert Murdoch restrukturierte seine Zeitungsbeteiligungen, in Deutschland verkaufte die Axel Springer AG das "Hamburger Abendblatt" und die "Berliner Morgenpost".

Doch all diese Transaktionen haben weniger Symbolwert als die Veräußerung der "Washington Post". Denn wie keine zweite der verkauften Publikationen steht die "Post" für Qualitätsjournalismus und den Willen, diesen auch unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Verkauf nach acht Jahrzehnten in Familienbesitz

Die berühmtesten Titelblätter aus den Jahrzehnten hängen im Foyer, von der Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg über den Fall von Präsident Richard Nixon über Watergate bis zum 11. September 2001. Doch der Verlag hatte sich nicht auf vergangenem Ruhm ausgeruht, als etwa Joseph Pulitzer und der spätere Präsident Theodore Roosevelt für die Post schrieben.

Die "Washington Post" setzte vieles von dem um, was anderen Verlagen weltweit wohl erst noch bevorsteht: Die Redakteure arbeiten sowohl für die Print- als auch für die Online-Ausgabe, beide Produkte werden von einer gemeinsamen Zentrale aus gesteuert. Die Zeitung hat eine Bezahlschranke für ihre Webseite eingerichtet, nach 20 Artikeln kostenloser Lektüre kostet der Zugang 9 Dollar 99 für den Rest des Monats.

Die "Washington Post" ist auf nationaler Ebene eine gewichtige Stimme, bestens vernetzt in den Machtzirkeln der Hauptstadt. Zugleich ist sie regional verankert, mit Außenstellen in den Vororten Washingtons, wo eine überdurchschnittlich gebildete und kaufkräftige Leserschaft lebt.

Doch die günstigen Bedingungen konnten die Zukunft nicht dauerhaft sichern, jedenfalls in den Augen der bisherigen Eigentümer. "Das ist der Tag, den meine Familie und ich niemals erwartet hatten", sagt die Vorstandsvorsitzende Katherine Weymouth, Enkelin der legendären Herausgeberin Katherine Graham. Die Familie verkaufe nun die Zeitung, so Weymouth, die sie "acht Jahrzehnte besessen und genährt" habe.

"Den Lesern verpflichtet, nicht den Privatinteressen ihrer Besitzer"

Aus dem Plenum gibt es keine Zwischenrufe, am Ende der Reden sogar Applaus. Wenig später, draußen vor dem Verlagsgebäude sind die Kamerateams schon wieder abgezogen, geht die Verlegerin durch die Redaktion und wirbt um Verständnis für ihre Entscheidung. Auch in den Gesprächen der Redakteure fallen häufig Worte wie "folgerichtig" und "unvermeidlich".

Der neue Eigentümer Bezos schreibt an die Angestellten: "Die Werte der 'Post' brauchen keine Veränderung. Die Zeitung wird ihren Lesern verpflichtet bleiben und nicht den Privatinteressen ihrer Besitzer." Er habe nicht vor, ins Tagesgeschäft einzugreifen, er lebe gerne "im anderen Washington" (dem Bundesstaat im Nordwesten der USA). Doch Bezos wird wohl kaum als zurückgezogener Wohltäter auftreten.

Wie die den Angestellten ebenfalls angekündigten Veränderungen aussehen könnten, lässt sich ausgerechnet aus einem Interview mit einer krisengeschüttelten deutschen Tageszeitung erahnen. Die Branche befinde sich in einer schwierigen Übergangsphase, sagte Bezos 2012 der "Berliner Zeitung". Diese Phase habe er freilich persönlich schon abgeschlossen, er lese Zeitungen nur noch digital.

Und weiter: "In 20 Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als Luxusartikel, den sich bestimmte Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in 20 Jahren nicht mehr normal sein."

Jan Friedmann, Redakteur im Deutschland-Ressort des SPIEGEL, arbeitet derzeit als Gastjournalist bei der "Washington Post".

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