Besitzerwechsel bei "Washington Post" Internet kauft Papier

Tränen im Newsroom: Die traditionsreiche "Washington Post" wird verkauft, ausgerechnet an den Internetunternehmer und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der spektakuläre US-Mediendeal zeigt: Nicht der Journalismus befindet sich in der Krise, sondern das Geschäft mit bedrucktem Papier.

Aus Washington berichtet


In Medienunternehmen verheißen solche E-Mails selten Gutes: Die Verlegerin und Vorstandsvorsitzende Katharine Weymouth bittet alle Mitarbeiter zu einer Ansprache, um 16.30 Uhr am Montagnachmittag im großen Auditorium im Erdgeschoss, die Außenbüros können über eine spezielle Einwahlnummer per Telefon zuhören.

In den riesigen neonbeschienenen Newsroom der "Washington Post" kommt Unruhe. Immer mehr Redakteure verlassen ihre mit niedrigen Stellwänden umgrenzten Schreibtische, um sich mit den Kollegen auszutauschen und zu den Aufzügen zu drängen, trotz des nahenden Redaktionsschlusses. Mutmaßungen machen die Runde: Vielleicht sei es ja gelungen, einen Käufer für das Verlagshaus im Herzen der amerikanischen Hauptstadt zu finden, vielleicht stehe bald ein Umzug an den Stadtrand an.

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"Washington Post" verkauft: 136 Jahre Zeitungsgeschichte an Jeff Bezos
US-Journalisten sind schlechte Nachrichten gewohnt. Doch die Wucht dessen, was wenige Minuten später Donald Graham, der Aufsichtsratschef der "Washington Post" und Onkel von Katharine Weymouth, verkündet, überrascht selbst die krisenerprobte Belegschaft: "Ich habe eine sehr überraschende Ankündigung zu machen. Unser Unternehmen macht öffentlich, dass wir die 'Washington Post' an Jeff Bezos, den Gründer von Amazon, verkauft haben."

"Wir haben das Blatt geliebt und die, die es produziert haben", sagt Donald Graham zu seinen Mitarbeitern. Aber man habe keine Antwort auf die neuen Herausforderungen des Zeitungsgeschäfts gefunden, sieben Jahre in Folge seien die Gewinne zurückgegangen.

Viele Zuhörer wischen sich Tränen aus den Augen, Graham selbst muss sich mehrfach fassen, um mit seiner Rede fortzufahren. Inhalt: Eine große Zeitungsdynastie verkauft den Kern ihres Unternehmens, weil sie sich nicht länger im Printgeschäft wirtschaftlich engagieren will. Für 250 Millionen Dollar, ausgerechnet an einen Internetunternehmer.

Zeitungsgeschichte - von Watergate zu Prism

Noch ist der Deal nicht komplett besiegelt, noch ist nicht klar, welchen Namen das Unternehmen künftig tragen soll. Entlassungen im Zusammenhang mit dem Eigentümerwechsel seien nicht vorgesehen, auch keine Gehaltskürzungen.

Doch nun steht fest, dass die Medienkrise endgültig im Herzen der US-Zeitungslandschaft angekommen ist, geografisch und wirtschaftlich.

Denn veräußert wird nicht irgendein Blatt: Die "Washington Post" ist neben der "New York Times" das renommierteste Printmedium des Landes. Ihre Reporter haben den Watergate-Skandal aufgedeckt, sie haben alle möglichen Preise eingeheimst und waren jüngst gemeinsam mit dem britischen "Guardian" die Ersten, die über das Prism-Spitzelprogramm der NSA berichteten.

Es hat andere Zeitungsverkäufe gegeben, gehäuft in jüngster Zeit, in den USA wie in Europa. Die "New York Times" verkaufte das Traditionsblatt "Boston Globe" an einen Unternehmer, für weniger als ein Zehntel des ursprünglichen Kaufpreises. Das einst einflussreiche Wochenmagazin "Newsweek" wechselte unlängst den Besitzer, nachdem es zuvor nur noch online erschienen war. Rupert Murdoch restrukturierte seine Zeitungsbeteiligungen, in Deutschland verkaufte die Axel Springer AG das "Hamburger Abendblatt" und die "Berliner Morgenpost".

Doch all diese Transaktionen haben weniger Symbolwert als die Veräußerung der "Washington Post". Denn wie keine zweite der verkauften Publikationen steht die "Post" für Qualitätsjournalismus und den Willen, diesen auch unter erschwerten Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Verkauf nach acht Jahrzehnten in Familienbesitz

Die berühmtesten Titelblätter aus den Jahrzehnten hängen im Foyer, von der Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg über den Fall von Präsident Richard Nixon über Watergate bis zum 11. September 2001. Doch der Verlag hatte sich nicht auf vergangenem Ruhm ausgeruht, als etwa Joseph Pulitzer und der spätere Präsident Theodore Roosevelt für die Post schrieben.

Die "Washington Post" setzte vieles von dem um, was anderen Verlagen weltweit wohl erst noch bevorsteht: Die Redakteure arbeiten sowohl für die Print- als auch für die Online-Ausgabe, beide Produkte werden von einer gemeinsamen Zentrale aus gesteuert. Die Zeitung hat eine Bezahlschranke für ihre Webseite eingerichtet, nach 20 Artikeln kostenloser Lektüre kostet der Zugang 9 Dollar 99 für den Rest des Monats.

Die "Washington Post" ist auf nationaler Ebene eine gewichtige Stimme, bestens vernetzt in den Machtzirkeln der Hauptstadt. Zugleich ist sie regional verankert, mit Außenstellen in den Vororten Washingtons, wo eine überdurchschnittlich gebildete und kaufkräftige Leserschaft lebt.

Doch die günstigen Bedingungen konnten die Zukunft nicht dauerhaft sichern, jedenfalls in den Augen der bisherigen Eigentümer. "Das ist der Tag, den meine Familie und ich niemals erwartet hatten", sagt die Vorstandsvorsitzende Katherine Weymouth, Enkelin der legendären Herausgeberin Katherine Graham. Die Familie verkaufe nun die Zeitung, so Weymouth, die sie "acht Jahrzehnte besessen und genährt" habe.

"Den Lesern verpflichtet, nicht den Privatinteressen ihrer Besitzer"

Aus dem Plenum gibt es keine Zwischenrufe, am Ende der Reden sogar Applaus. Wenig später, draußen vor dem Verlagsgebäude sind die Kamerateams schon wieder abgezogen, geht die Verlegerin durch die Redaktion und wirbt um Verständnis für ihre Entscheidung. Auch in den Gesprächen der Redakteure fallen häufig Worte wie "folgerichtig" und "unvermeidlich".

Der neue Eigentümer Bezos schreibt an die Angestellten: "Die Werte der 'Post' brauchen keine Veränderung. Die Zeitung wird ihren Lesern verpflichtet bleiben und nicht den Privatinteressen ihrer Besitzer." Er habe nicht vor, ins Tagesgeschäft einzugreifen, er lebe gerne "im anderen Washington" (dem Bundesstaat im Nordwesten der USA). Doch Bezos wird wohl kaum als zurückgezogener Wohltäter auftreten.

Wie die den Angestellten ebenfalls angekündigten Veränderungen aussehen könnten, lässt sich ausgerechnet aus einem Interview mit einer krisengeschüttelten deutschen Tageszeitung erahnen. Die Branche befinde sich in einer schwierigen Übergangsphase, sagte Bezos 2012 der "Berliner Zeitung". Diese Phase habe er freilich persönlich schon abgeschlossen, er lese Zeitungen nur noch digital.

Und weiter: "In 20 Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als Luxusartikel, den sich bestimmte Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in 20 Jahren nicht mehr normal sein."

Jan Friedmann, Redakteur im Deutschland-Ressort des SPIEGEL, arbeitet derzeit als Gastjournalist bei der "Washington Post".



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Seite 1
dbrown 06.08.2013
1. na,
da können sich die Leute in Washington ja schon mal warm anziehen, wenn DER demnächst durch die Etagen eiert.
stefanfosberg 06.08.2013
2. Um dieses Drecksblatt ist es nicht allzu schade.
Zitat von sysopDPATränen im Newsroom: Die traditionsreiche "Washington Post" wird verkauft, ausgerechnet an den Internet-Unternehmer und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der spektakuläre US-Mediendeal zeigt: Nicht der Journalismus befindet sich in der Krise, sondern das Geschäft mit bedrucktem Papier. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/washington-post-an-amazon-gruender-verkauft-a-914975.html
Sind wir mal ehrlich. Die WAPO von heute hat mit der aus der "Watergate" Zeit ungefähr so viel gemein wie Hermes Phettberg mit der neunzehnjährigen Isabelle Adjani. Ich traue J.Bezos durchaus zu deren journalistische Standards nicht weiter zu unterbieten.
W. Robert 06.08.2013
3. Fatale Entwicklung
Schöne neue Lesewelt. Amazon vertreibt zunehmend die neuer Form der Bücher, die eBooks, auch in Deutschland. Nicht nur kennt die NSA dadurch die Lesegewohnheiten des Amazon-Kunden, diese Firma nimmt sich auch das Recht heraus, einzelne Kunden nicht zu beliefern, angeblich wegen zu vielen Rücksendungen. Man kann nur hoffen, dass sich der deutsche Buchhandel im Netz einen eigenen Vertriebsweg etablieren kann. Ich weiß schon, weshalb ich Amazon boykottiere, das begann schon, als deutschen Bürgern nach 9/11 wegen ihrer Lesegewohnheiten die Einreise in die USA verweigert wurde. Amazon hatte offensichtlich der NSA die Lesegewohnheiten übermittelt.
WolfHai 06.08.2013
4. Journalismus ist in der Krise
Zitat von sysopDPATränen im Newsroom: Die traditionsreiche "Washington Post" wird verkauft, ausgerechnet an den Internet-Unternehmer und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der spektakuläre US-Mediendeal zeigt: Nicht der Journalismus befindet sich in der Krise, sondern das Geschäft mit bedrucktem Papier. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/washington-post-an-amazon-gruender-verkauft-a-914975.html
Schöner Artikel! Nur dieser Satz aus dem Aufreißer, "...Der spektakuläre US-Mediendeal zeigt: Nicht der Journalismus befindet sich in der Krise, sondern das Geschäft mit bedrucktem Papier" (wer hat den wohl formuliert?), der wird aus dem Inhalt des Artikels keinesfalls gedeckt und er ist auch nicht richtig. Natürlich verkauft die Unternehmerfamilie der Washington Post, weil ihre Zeitung, und damit der verantwortungsvolle und auch investigative Journalismus, in der Krise ist. Und Jeff Bezos wiederum kauft die Zeitung, weil die 250 Millionen für ihn Kleingeld sind, für das er sich ein Hobby zulegen kann - wer hätte nicht gern eine Zeitung. Und weil er vielleicht Lust darauf hat (und es sich leisten kann), sein im Internetgeschäft überaus glückliches Händchen am Zeitungswesen auszuprobieren. Ob er damit Erfolg hat, steht in den Sternen, und wie die Washington Post aussieht, wenn Jeff Bezos mit ihr fertig ist, weiß keiner.
gattaca68 06.08.2013
5. probleme traditioneller medien im web
keine ahnung was der amazon gründer mit der zeitung macht. Wenn er genug geld damit verdient, dem stationären einzelhandel die märkte zu entziehen, dann wird er die zeitung vielleicht als teueres hobby haben :D vilelicht wird er eine beszahlschranke einrichten. aber ich behaupte, das lesen zu unkomfortabel und zeitraubend ist, um dafür auf dauer auch noch zu bezahlen.... wenn sonstwo videos und pod-casts den konsum erleichtern. Noch nicht mal hier haben zeitungen das medium verstanden. geld verdienen mit zeitungen ist schwierig im web. Das problem sind nicht die kostenlosen inhalte. wenn man die ganzen druckkosten und logositik von papier heruas rechnet, ist mancher artikel auch kostenlos in der gedruckten zeitung. das problem ist doch, dass zeitungen nicht verstanden haben, wie man werbung im internet verkaufen kann. bannerwerbung ist rausgeschmissenes geld. Ich buche seit jahren keine banner mehr, deren klickraten und erkennung mikroskopisch sind. zudem ist der tausender-kontakt-preis im internet so tief dass es sich nicht rechnet. das ist das problem.... vor etwa 10 jahrne betrieben wir ein lokales sportportal, das redaktionell besser war als alle lokalen zeitungen. aber zum schluss ist mir klar geworden, dass auch das nicht funktioniert und ich bin als webdesigner gegangen. mit einem tausender-kontakt von vielleicht 20 cent kann nur google leben. Und nicht nur dass google den tausender kontakt bestimmte - google leifert auch die werbung mit dem geringsten streuverlust.... :(
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