WDR-Show "Kanzlerbungalow" Ein Bier für Egon Bahr

In der Natur geht nichts verloren, beim Fernsehen auch nicht. Im ausrangierten Bonner "Kanzlerbungalow" wird jetzt Unterhaltung produziert - oder was die Rheinländer so darunter verstehen.

Von Henryk M. Broder


WDR-Show "Kanzlerbungalow", Moderator Hallaschka: "Mama, ich mach Dir ein Video!"
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WDR-Show "Kanzlerbungalow", Moderator Hallaschka: "Mama, ich mach Dir ein Video!"

Was ist geblieben von der Bonner Republik? Eine Kneipe in der Nähe des Reichstags, die "Ständige Vertretung" heißt, und der Kanzlerbungalow in Bonn. Die "Stäv", wo rheinischer Zwiebelkuchen an Heimweh-kranke Rheinländer und resistente Berliner verkauft wird, ist immer voll, der Kanzlerbungalow stand seit 1999 leer.

Zuletzt hatten dort Ex-Kanzler Helmut Kohl ("Ich esse gerne Saumagen") und sein Nachfolger Gerhard Schröder ("Ich bin gerne Deutscher") ein paar Wochen zusammen in einer Art von Altherren-WG gewohnt und sich Flur und Küche geteilt. Damals schon hätte der Kanzlerbungalow als Symbol für praktizierte deutsche Einheit unter Denkmalschutz gestellt werden sollen, aber mit dem Umzug nach Berlin geriet der Flachbau in Vergessenheit.

Bis irgendjemand im WDR beschloss, die Ruine wieder mit Leben zu füllen. So was gibt's öfter. Alfred Biolek produzierte eine seiner Shows in einem ehemaligen Straßenbahndepot, und im Bayerischen Rundfunk gab es eine beliebte Musiksendung, die "Live aus dem Schlachthof" kam. Wegen des "Genius loci" und so.

So sollte es auch im "Kanzlerbungalow", nachdem er vom WDR reanimiert wurde, wieder hochher gehen, mit einer "Talkshow", die anders als alle anderen sein sollte: witzig, unterhaltsam, aber auch menschlich und jemütlich, wie die Rheinländer eben so sind. Sie halten es mit dem Motto "Leben und leben lassen", lachen über die Witze, die Hella von Sinnen erzählt, trinken Bier aus Reagenzgläsern und schätzen den "halven Hahn" (ein halbes trockenes Brötchen mit einem Stück altem Käse drauf) als Delikatesse.

Und nachdem wir auf der Homepage des "Kanzlerbungalows" gelesen hatten: "Der Kanzlerbungalow geht am Donnerstag in die Sommerpause. Und das nicht einfach so, sondern mit einem "Feuerwerk aus politischer Information und Feierstimmung" beschlossen wir, da wollen wir mit dabei sein, um endlich etwas anderes zu erleben als den Streit um die Gesundheitsreform und die Querelen in der IG Metall.

Wir wurden nicht enttäuscht, es ging hoch her, eine Sensation jagte die andere. "Betrinken Sie sich ordentlich, damit wir nachher ein schönes Gespräch haben", sagte der Moderator gleich am Anfang zu Wolfgang Bosbach, dem stellvertretenden Fraktionschef der CDU im Bundestag.

Bosbach, Urtyp des allzeit fröhlichen Rheinländers und unter anderem auch der Präsident der "Großen Gladbacher" Karnevalsgesellschaft, wollte aber partout nüchtern bleiben: "Wer sich betrinken muss, um lustig zu sein, ist ein armer Mensch." Außerdem erzählte er, wie er einmal als Rechtsanwalt einen Prozess um einen Marzipanriegel führte, der einen "Jecken" am Rosenmontag am Kopf getroffen hatte. Nebenbei übte er knallharte Kritik an seinem Parteifreund Roland Koch. "Er hätte nicht jedes Interview geben müssen, das er gegeben hat."

Talk-Gast Bahr: "Gibt's hier endlich was zu trinken?"
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Talk-Gast Bahr: "Gibt's hier endlich was zu trinken?"

Eine Empfehlung, die der andere Stargast beim Feuerwerk aus politischer Information und Feierstimmung auf sich beziehen sollte: Egon Bahr. Der saß da und erzählte mal wieder, wie er beim "Wandel durch Annäherung" Willy Brandt behilflich war. "Ich bin ein Diener, ich halte etwas vom Dienen." Am besten aber erinnerte er sich an "einen Vormittag mit Sekt, zu meinem 50. Geburtstag", damals im Kanzleramt.

"Wie weit sind wir heute weg von der inneren Einheit?", wollte der Moderator wissen. "Es gibt Mentalitätsunterschiede, die werden länger halten", antwortete Bahr weise, ohne sich festzulegen. Dann wurde er zusammen mit Bosbach auf die Terrasse gezerrt, wo schon andere prominente Ehrengäste auf ihren Einsatz warteten: ein Herr Wagenknecht, ehemaliger Referatsleiter im Kanzleramt, und ein Herr Schmöckel, ehemaliger persönlicher Referent von Kanzler Kiesinger (das war der, den die Kommunardin Beate Klarsfeld geohrfeigt hatte).

Seit Sabine Christiansen die Top-Frauen Angela Merkel und Hillary Clinton zu sich geladen hatte, war eine Talkshow nicht mehr so hochkarätig besetzt gewesen. "Gibt's hier endlich was zu trinken?", fragte Egon Bahr, nachdem er alles über die Vorgeschichte der Wiedervereinigung erzählt hatte. Er bekam ein Bier, an dem er sich bis zum Ende der Sendung festhalten konnte.

Irgendwie kam einem im "Kanzlerbungalow" alles bekannt vor. Der Moderator, Steffen Hallaschka, sah aus wie eine Kopie von Ingolf Lück, die Moderatorin, Patricia Pantel, hörte sich wie Margarete Schreinemakers an. Dann gab es da noch einen Dr. Wigge, die rheinische Version des Dr. Motte, er fuhr nach Bayern zum Parteitag der CSU und kam mit launigen Politiker-Statements zurück. So hat Elton bei Stefan Raab auch mal angefangen.

Patricia reiste nach Berlin, um dort die Frage zu klären, ob sich die Bundesregierung eine Sommerpause leisten kann. Guido Westerwelle, Laurenz Meyer und Krista Sager gaben bereitwillig und ernsthaft Auskunft, wie sie es immer tun, wenn ihnen ein Mikrofon vors Gesicht gehalten wird. Steffen Hallaschka rief per Handy seine Mama an, die gerade in Vilnius weilte ("prima Hotel, sehr nette Menschen") und versprach ihr: "Mama, ich mach Dir ein Video!" Wo hatten wir "Mutti" zuletzt als running gag erlebt? Richtig, bei Tobias Schlegel, bevor er den Sendeplatz räumen musste. In der Natur geht nichts verloren, beim Fernsehen auch nicht.

Ganz zum Schluss kam dann noch eine Stimme aus dem Off: "Es gibt kein Müssen und kein Sollen, wenn Ihr es wollt!" Der rheinische Humor ist wie die rheinische Küche. Nur wer mit einem "halven Hahn" aufgewachsen ist, kann auch über solche Sprüche lachen.



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