Fotoprojekt "Ein Gegenstück zum Flüchtlingsporno"

Was erleben Menschen, die ihre Heimat verlassen? Zwei Künstler sammeln Fotos, die Flüchtlinge unterwegs gemacht haben - und die den Klischeebildern der Krise komplett zuwiderlaufen.

Nora Al-Badri/ Jan Nikolai Nelles

Ein Interview von Carolin Wiedemann


Zur Person
  • privat
    Jan Nikolai Nelles, 35, und Nora Al-Badri, 31, arbeiten als Fotografen und Künstler in Berlin, seit 2009 gemeinsam. 2013 konzipierten sie gemeinsam ihr Projekt "We Refugees", für das sie fotografische Fragmente individueller Fluchtgeschichten sammelten. Die Bilder stellten sie im April 2015 in Berlin und im Juli in Hamburg aus.

SPIEGEL ONLINE: Frau Al-Badri, Herr Nelles, für Ihre Ausstellung "We Refugees" haben Sie Fotos gesammelt, die Flüchtlinge selbst geschossen haben. Was war Ihre Motivation?

Al-Badri: Wir wollten ein Gegenstück zum "refugee porn", zum Flüchtlingsporno entwerfen, wie er von vielen professionellen Bildproduzenten derzeit inszeniert wird, die aus sicherer Distanz überfüllte Boote aufnehmen können oder Kofferinhalte hübsch aufreihen lassen - und dabei doch nur Stereotype von Flüchtlingen reproduzieren. Wir wollten einen Weg finden, der Perspektive der Betroffenen Raum zu geben, und haben uns gefragt, ob nicht die Leute selbst Dokumente ihrer Fluchterfahrungen bei sich tragen. Wir nahmen an, dass die meisten von ihnen Handys haben und damit sicher auch fotografieren.

Nelles: Europäische Identität entsteht auch an den Außengrenzen, und die wollten wir, bei unserer ersten Ausstellung in Berlin, möglichst unmittelbar ins Zentrum der Stadt holen, in die "hauptstädtische Komfortzone". Da passte es gerade, dass uns eine Galerie in Mitte anfragte, eine Ausstellung zum Gallery Weekend zu machen, in deren unmittelbarer Nähe es eine Notunterkunft für Flüchtlinge gibt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sind Sie an die Geflüchteten herangetreten?

Nelles: Wir haben den Träger einer Unterkunft, in dem Fall die Caritas, angesprochen und unseren Ansatz dargelegt. Im Speisesaal trafen wir dann auf die Menschen aus Syrien, Afghanistan und Pakistan. Wir haben direkt nach ihren Bildern gefragt - und wir haben sehr viele bekommen: ganze Fluchttagebücher in Form von Handyfotos und auch Bilder als Erinnerungen an Zurückgelassenes. Bilder, die nie in der Absicht gemacht wurden, ausgestellt zu werden.

Al-Badri: Wir haben allen gezeigt, wo die Bilder ausgestellt werden, und sie so auf diese Form der Selbstrepräsentation vorbereitet.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Bilder anonymisiert. Warum?

Nelles: Der pragmatische Grund war, die Menschen zu schützen, denn manchen Flüchtlingen droht auch in Deutschland weiter Verfolgung durch das Regime im Herkunftsland. Künstlerisch war es uns wichtig, die Bilder zu einem größeren fiktionalen Narrativ zusammenzufügen, weg von der Objektivierung des Einzelnen. Wir wollten den Blick weglenken vom Einzelschicksal, das Mitleid erzeugen soll, hin zu einer Erzählung von Fluchterfahrung im Allgemeinen, auch hin zu einer selbstbewussten Erzählung. Gleichzeitig wird es für den Betrachter möglich, sich mit der Erfahrung der Flucht zu identifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Sodass die Fotos für Fluchterfahrungen insgesamt stehen und genauso dafür, dass es jeden treffen kann?

Nelles: Ja, schließlich ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Migration. Es muss klar werden, dass die Freiheit zu migrieren als universelles Menschenrecht - so abstrakt diese Idee auch ist - einen unserer fundamentalen Werte beschreibt und nicht von einer Staatsangehörigkeit abhängig gemacht werden darf.

SPIEGEL ONLINE: Diese Aussage spiegelt sich im Titel Ihrer Ausstellung: "We Refugees". Wir alle können Flüchtlinge sein.

Al-Badri: Er stammt aus dem gleichnamigen Essay von Hannah Arendt, in dem sie Flüchtlinge als die "Avantgarde ihrer Völker" bezeichnet. Den Text hat sie 1943 verfasst, aber er wurde erst über 40 Jahre später ins Deutsche übersetzt, und wir finden ihn heute aktueller denn je. Sie spricht darin über die zerrissene Identität von "Neuankömmlingen" und "Immigranten", wie sie sich selbst lieber nennen, und darüber, wie lebensgefährlich das bloße Menschsein in unserer Welt der Pässe, Geburtsurkunden und des rechtlichen Status' ist. Sie fordert die Betroffenen auf, politisch aktiv zu sein, auch wenn das auf wenig Interesse von außen stoße. Wie Arendt mit ihrem Essay wollen wir mit unserer Ausstellung auch für ein neues Selbstbewusstsein plädieren und dafür, dass Flüchtlinge selbst für ihre Sache kämpfen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Sammlung zweimal präsentiert, erst in Berlin, dann in Hamburg. Waren die Flüchtlinge selbst dabei?

Al-Badri: Natürlich. Und jeder hat sich an der Wand wiedergefunden. Bei der Ausstellung hier in Berlin hat fast das gesamte Flüchtlingsheim teilgenommen. Und es kamen sehr viele Kunstinteressierte, genau wie Nachbarn, die den Kontakt zu den Flüchtlingen suchten. Diese Bilder sind ihre Ressourcen, und sie haben einen Wert. Die Einnahmen kommen den Flüchtlingen zugute. Normalerweise profitieren so gut wie immer die Berichterstatter ökonomisch, wie etwa Renzo Martens in seinem Film "Enjoy Poverty" zeigt. Wir drehen das Spiel um.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie Ihre Kunst als aktivistisch?

Nelles: Die Kunst muss zweckfrei sein dürfen. Das entbindet den Künstler nicht davon, sich klar innerhalb einer Gesellschaft zu positionieren. Das ist besonders relevant, wenn Geld von Auftraggebern, Institutionen und Sponsoren fließt.

Al-Badri: Die Kunst, die man heute zu sehen bekommt, bildet oft keinen Gegenentwurf der Welt mehr. Sie reiht sich kritiklos ein in das neoliberale System. Doch bietet Kunst einen Freiraum innerhalb unserer Gesellschaft, der wiederum eine Verantwortung mit sich bringt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie durch "We Refugees" weiter in Kontakt mit Flüchtlingen?

Al-Badri: Auf jeden Fall. Es ist ein lebendiges Projekt, ein Archiv, das immer weiter wachsen wird. Derzeit planen wir eine Publikation.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.