Web-Comic über Putin: Hilfe, die Polit-Zombies marschieren!

Von , Moskau

Kann Putin das Land vor dem Angriff der Untoten schützen? Ein bizarrer Web-Comic über den Ministerpräsidenten mischt den russischen Wahlkampf auf. Begeistert klicken sich die Russen durch "Super-Putin" - und fragen sich, ob sie es mit smarter Staatspropaganda oder böser Satire zu tun haben.

Putin-Comic: Wladimir gegen die Demokraten-Zombies Fotos
Sergej Kalenik

Moskau, knapp ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen 2012: Der russischen Hauptstadt droht die Apokalypse. Über den Dächern der britischen Botschaft, in Sichtweite des Kreml, wächst etwas empor - eine "verborgene Bedrohung". So lautet der Titel eines mysteriösen Web-Comics, der seit vergangener Woche in Russland für Furore sorgt.

Die Story ist ein Mix aus Action-Filmen wie "Speed" und dem russischen Vampir-Blockbuster "Wächter der Nacht". Al-Qaida-Terroristen haben in einem vollbesetzten Moskauer Linienbus eine Bombe versteckt. Im Zwielicht der russischen Metropole rotten sich derweil Zombies zusammen, sie werden kommandiert von einem riesigen Troll. Nur ein Mann kann sie noch aufhalten: Russlands Premierminister Wladimir Putin aka "Super-Putin", ein Herkules im Judo-Anzug.

"Super-Putin" hält die Welt in Atem - oder zumindest Russland. Innerhalb von wenigen Tagen ist www.superputin.ru zu einer der populärsten Webseiten des Landes aufgestiegen. Mehr als fünf Millionen Menschen haben sich bereits angeschaut, wie Putin Untote mit fernöstlicher Nahkampftechnik zu Boden wirft. Seither rätselt ganz Moskau darüber, ob die Regierung den Comic bestellt hat, um Putins Ruhm noch zu mehren - oder ob sich hinter den Zeichnungen nicht doch beißender Spott versteckt.

Der Mann, der Wladimir Putin Superkräfte verliehen hat, sitzt in einer Moskauer Ein-Zimmer-Wohnung und knabbert an einem Stück Kuchen. "Wir haben unseren Comic 'Super-Putin - Ein gewöhnlicher Mann' genannt, weil Putin eine ganz herausragende Eigenschaft besitzt: Er gibt Gesprächspartnern immer das Gefühl, einer von ihnen zu sein", sagt Sergej Kalenik. "Das Staatsfernsehen zeigt, dass er sich auf Gipfeltreffen unter westlichen Regierungschefs ebenso souverän bewegt wie unter Dorfbewohnern in Sibirien. Ein Mann, der allerorts als seinesgleichen akzeptiert wird, muss einfach übernatürliche Kräfte haben."

Medwedew, der "Nano-Mensch"

Der 25-jährige Comic-Blogger Kalenik hat mit seiner Freundin Natascha ein winziges Quartier bezogen: die Wohnung des Hausmeisters im ehemaligen Haus der Bediensteten des sowjetischen Ministerrates. Der schlaksige Moskauer hält sich mit gelegentlichen Aufträgen als PR-Berater über Wasser. Er hat schon mal für die Raiffeisen-Bank gearbeitet und zuletzt für das Unterwäsche-Label "Wilde Orchidee", doch das ist gerade in Konkurs gegangen. Es ist nicht leicht, sich als kreativer Kopf in Moskau freischaffend zu behaupten. Der Ökonom Wladislaw Inosemzew konstatierte vor kurzem, talentierte Nachwuchskräfte hätten es in Russlands pseudofeudalem System besonders schwer.

Es gibt also nicht viele Möglichkeiten für einen unbekannten jungen PR-Berater, um über Nacht berühmt zu werden - da kann ganz sicher Wladimir Putin helfen. Kein Mann ist in Russland so populär wie der 58-jährige Premier. Das liegt auch an seiner ausgefeilten Medienstrategie. Ein Heerschar von Polittechnologen arbeitet kontinuierlich an seinem öffentlichen Image und lässt ihn im Nordmeer Wale jagen oder hoch zu Ross mit blanker Brust ablichten. Die Bilder wirken: Spätestens seit das "Time"-Magazin Putins bohrenden Blick auf dem Cover druckte, ist Russlands starker Mann auch im Westen eine Marke. Wer als Moskau-Korrespondent die Druckchancen seiner Artikel erhöhen will, sollte nach Möglichkeit mindestens einmal pro Artikel seinen Namen erwähnen, am besten in der Überschrift.

Doch Kaleniks Comic zehrt nicht nur vom Promi-Faktor seines Protagonisten. Die Bilder sind ein Feuerwerk von Pointen, voll von Anspielungen auf Moskaus Politzirkus. Da taucht plötzlich ein unsichtbarer Superkrieger auf, das Alter Ego von Igor Setschin, der "grauen Eminenz" des Kreml. "Technisch gesehen ist er nicht unsichtbar", heißt es in dem Comic augenzwinkernd. "Er verschmilzt nur intuitiv mit dem Hintergrund." Auch Präsident Dmitrij Medwedew tritt auf. Er kann sich zwar effektvoll in einen riesigen Bären verwandeln, in Wahrheit aber steckt unter dem Pelz jedoch nur ein "Nano-Mensch", ein "Gnom, der von Bären aufgezogen wurde" - eine wenig schmeichelhafte Charakterisierung für den russischen Staatschef und Oberkommandierenden der größten Atommacht der Welt.

"Wem nutzt Super-Putin?", fragen nun russischsprachige Medien und wittern einen Wahlkampfschachzug von Kreml-Strategen. Schließlich legen Medwedew und Putin gemeinsam Zombies aufs Kreuz, die "Freiheit für Chodorkowskij" und mehr Demokratie fordern. Außerdem tragen die Untoten, die Russlands Super-Tandem an den Kragen wollen, blaue Wassereimer auf dem Kopf - eine Anspielung auf Proteste von Autofahrern gegen den inflationären Gebrauch von Blaulichtern auf Moskaus Straßen.

Beherrscht von englischen Oligarchen?

Angeführt werden die Zombies zudem von einem riesigen Troll, in dem man unschwer den Kreml-Kritiker und Blogger Alexej Nawalnij erkennen kann. "Unsere Liberalen sind nun mal so etwas wie Untote", sagt Sergej Kalenik. "Seit Jahren gehen immer die gleichen Anführer auf die Straße. Außerdem sind sie nur der Form nach demokratisch, ich kann jedenfalls keine Anzeichen für innerparteiliche Diskussionen entdecken. Die meisten Politiker beherrschen ihre Bündnisse wie Diktatoren."

Steckt also doch ein Auftrag der Staatsmacht hinter Putins Super-Comic? Quatsch, sagt Kalenik. In einer April-Nacht setzten sich er und sein Kumpel Anton Tschischikow an den Tisch in der schmalen Küche, tranken Tee und schrieben das Skript für den Comic. Befreundete Künstler zeichneten die Bilder kostenlos, das erklärt ihre Professionalität.

"Wie entwickelt sich die Realität?" fragt Super-Putin an einer Stelle im Comic, und der "unsichtbare Mr. Setschin" antwortet: "In die richtige Richtung." Es ist eine Anspielung an den russischen Underground-Philosophen Dmitrij Galkowskij, den Tschischikow und Kalenik verehren. Galkowskij, Autor des Buches "Die ewige Sackgasse", ist ein wichtiger Ideologe für Russlands gut vernetzte Blogger-Szene, die sich kaum den klassischen politischen Lagern in Russland zuordnen lässt.

So lästert Kalenik auf der Plattform Livejournal.com einerseits über die Kreml-Jugend "Naschi - Die Unsrigen". Andererseits spinnt er Verschwörungstheorien, wonach "das ganze Land von anonymen englischen Oligarchen" gesteuert wird. London, Sehnsuchtsort russischer Oligarchen und zu Reichtum gelangter Beamter, ist in diesem kruden Weltbild das Zentrum des Bösen. Im Comic kündigt sich die Apokalypse deshalb auch im Umfeld der britischen Botschaft an. Dass solch ein Sujet den Federn von Kreml-Strategen entspringt, ist wenig wahrscheinlich. Oder wie Kalenik sagen würde: "Was vom Kreml kommt, erkennt man leicht: Es ist uninspiriert und talentlos."

In den kommenden Wochen plant er die Veröffentlichung einer neuen Folge von "Super-Putin" - möglicherweise wird dann auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Comic-Debüt geben.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
makutsov 31.05.2011
Erst dachte ich, es sei eine gut gemachte Satire. Dann habe ich den Comic gelesen und festgestellt: ist es nicht. Es ist Comickunst, die sich dem Staat anbiedert, um "ein Bisschen bekannter zu werden". Dafür ist die Arbeit irgendwie verschwendet, scheint es mir... In etwa so lustig als würde die NPD einen Comic mit dem Super-Apfelmann rausbringen.
2. Satire
PromotorFidei 31.05.2011
Also wer das nicht als Satire erkennt, muss wohl ein mutiertes Humor-Gen haben. Viel zu viele Anspielungen, als dass das ernst gemeint sein könnte. Bisschen kurz, aber angenehm geekig.
3. Trash und Hurra-Patriotismus
el-gato-lopez 31.05.2011
Zitat von sysopKann Putin das Land*vor dem Angriff der Untoten schützen? Ein bizarrer Web-Comic*über den*Ministerpräsidenten mischt den russischen Wahlkampf*auf. Begeistert klicken sich*die Russen durch "Super-Putin"*- und fragen sich, ob sie es mit*smarter Staatspropaganda oder böser Satire zu tun haben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,765853,00.html
Naja, die Welt hat auch schon den unsäglichen Hurra-Patrioten Captain America überlebt. Und der geistert schon seit Jahrzehnten durch die Comic-Welt. Zombis mit blauen Helmen auf dem Kopp, ein Super-Zwerg mit Bärenfell. Ich finds genial trashig und verbuche es unter Realsatire. Aber sicher gibts wieder die obligaten Gutmenschen-Kommentare: Alles gaaaanz schlimm und gaaanz verwerflich, muss man gaaanz fest ernst nehmen und gefährlich finden. Buh buh böse Russen. Ab mit den Zeichnern nach Den Haag...
4. 5545555
kein Ideologe 31.05.2011
Herrlich! Das Ding ist echt, soviel Humor hat Putin nicht.
5. Satire
harterhase 31.05.2011
Zitat von sysopKann Putin das Land*vor dem Angriff der Untoten schützen? Ein bizarrer Web-Comic*über den*Ministerpräsidenten mischt den russischen Wahlkampf*auf. Begeistert klicken sich*die Russen durch "Super-Putin"*- und fragen sich, ob sie es mit*smarter Staatspropaganda oder böser Satire zu tun haben.
Die Frage läßt sich leicht beantworten. Satire war das Erste, was Super-Putin nach Amtsantritt hat verbieten lassen: die Sendung "Kukly", das russische Pendant von "Spitting Images" wurde aus dem Fernsehen verbannt und dessen Autor, der Satiriker Wiktor Schenderowitsch arbeitslos. Wenn es sich bei dem Comic um Satire handeln sollte und sie populär wird, dann ist der Comic innerhalb von ein paar Tagen aus dem Netz.
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