Wehrmachtsausstellung Kritiker fordern endgültige Schließung

Die Kritik an der umstrittenen Wehrmachtsausstellung ebbt auch nach ihrer vorübergehenden Schließung nicht ab. Mehrere Historiker und Politiker fordern, die Ausstellung überhaupt nicht mehr zu zeigen. Unterdessen ist Hannes Heer als Leiter der Wanderschau erst einmal aufs Abstellgleis geschoben worden.


Hamburg - Institutschef Jan Philipp Reemtsma sagte in einem am Samstag veröffentlichten Interview des Nachrichtenmagazins "Focus": Eine Ausstellung, die in der Überarbeitung ist, hat keinen Leiter. Und zu dem was sein wird, wenn die überarbeitete Ausstellung wieder gezeigt wird, werde ich jetzt nichts sagen."

Jan Philipp Reemtsma vor umstrittenen Austellungsfotos
REUTERS

Jan Philipp Reemtsma vor umstrittenen Austellungsfotos

Der Historiker Lothar Gall forderte im 3Sat-Magazin "Kulturzeit", eine Ausstellung, die derart unglaubwürdig geworden sei, müsse endgültig geschlossen werden. Die jetzt vorgesehene Pause sei "ein falscher Weg". Die Ausstellung war am Donnerstag nach massiver Kritik von Historikern zurückgezogen worden und soll von einem unabhängigen wissenschaftlichen Gremium mindestens drei Monate lang grundlegend überprüft und überarbeitet werden.

Nach Ansicht des CDU-Wehrexperten Paul Breuer verdient die Wander-Ausstellung "eine Beerdigung dritter Klasse". Er forderte von den Machern der Schau eine öffentliche Entschuldigung. "Die Ausstellung ist wissenschaftlich völlig unglaubwürdig geworden", sagte Breuer der "Leipziger Volkszeitung". "Wer derart mit einer Ausstellung auf den Bauch fällt, müsste sich eigentlich in die Ecke stellen und schämen", meinte er.

Kulturminister Michael Naumann (SPD) hält die Ausstellung dagegen noch nicht für gescheitert. Dem Magazin "Kulturzeit" erklärte der Minister am Donnerstagabend, der Entschluss des Leiters des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp von Reemtsma, die Schau vorübergehend zu schließen, sei "nichts anderes als der Ausdruck der alten Wahrheit, dass Geschichte immer ein Prozess der Revision ist". Möglicherweise hätten die Ausstellungsmacher zu spät auf die kritischen Einwände von Fachleuten reagiert. "Allerding ist es jetzt falsch davon auszugehen, dass diese Ausstellung gescheitert sei. Sie ist es nicht", sagte Naumann weiter.

Der polnische Historiker Bogdan Musial, einer der schärfsten Kritiker der Schau, will an der Korrektur der Ausstellung mitarbeiten. Reemtsma habe sich persönlich wegen der Reaktion auf seine Kritik entschuldigt, sagte Musial der Oldenburger "Nordwest-Zeitung". Musial betonte, er werde einem Neustart der Ausstellung erst dann zustimmen, wenn sie wasserdicht sei.

Musial hatte in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" im Oktober geschrieben, dass ein in der Ausstellung gezeigtes Bild, auf dem viele Leichen zu sehen sind, nicht eine Massenerschießung der Wehrmacht in Kraljewo (Serbien) dokumentiert, sondern die Ermordung von Gefängnisinsassen Ende Juni 1941 durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD im galizischen Lemberg. Nach Ansicht Musials zeigen wenigstens neun der Ausstellungsfotos sowjetische Verbrechen, bei weiteren zwei Dutzend könne dies vermutet werden. Der Historiker sah vor diesem Hintergrund die Glaubwürdigkeit der korrekten Zuordnung auch der übrigen Ausstellungsbilder erschüttert.

Die Wander-Ausstellung mit dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Instituts für Sozialforschung wird seit mehr als vier Jahren in Deutschland und Österreich gezeigt und hat mehr Aufsehen, Zustimmung und Widerspruch erregt als jede andere historische Ausstellung zuvor. Neben rechtsradikalen Protesten und Anschlägen gab es in der jüngster Zeit vermehrt Kritik von Historikern. Mehr als 800.000 Menschen haben die Schau bisher gesehen.



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