Weiblichkeit in den Medien Eine Frau ist kein Hulk

Journalistinnen und Journalisten wundern sich in Texten häufig, dass Frauen "trotz ihrer zierlichen Figur" Erfolg haben. Über die Frauen, um die es da geht, sagen solche Phrasen nichts aus - aber viel über die schreibende Person.

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Frauen können heute fast alles werden. Vielleicht nicht gerade Papst oder "Kundin" auf einem Sparkassenformular, aber Monstertruck-Fahrerin und auch das meiste andere. Schön.

Der Fortschritt der Emanzipation bemisst sich aber nicht allein daran, was Frauen heute alles erreichen können, sondern auch daran, mit welcher Selbstverständlichkeit sie es tun können: Ob es normal ist, dass wir sie an bestimmten gesellschaftlichen Positionen sehen, oder ob immer irgendein Dödel kommentieren muss, wie verrückt es ist, dass sie da sind. Oder ob immer wieder dieselben Frauen dafür herhalten müssen - Merkel Merkel Merkel -, dass heutzutage ja wohl offensichtlich alles möglich ist. Und dann ist es manchmal doch ein bisschen traurig oder auch komplett verrückt, zu sehen, was alles für manche Leute nicht normal ist.

Eine Art Virus

Im SPIEGEL gab es einen Text über eine Psychologin, darin hieß es: "Wenngleich klein von Gestalt und eher zart von Statur, hat Benecke ihre Klienten fest im Griff." Ich bin kein Profi, aber nach allem, was ich weiß, arbeiten Psychologinnen eher mit Psyche als mit Muskelkraft oder Körpergewicht, demnach wäre es eigentlich kein Widerspruch, dass eine Frau trotz Klein- und Zartheit in diesem Beruf arbeitsfähig ist.

Bei "Focus Online" hat man sich vor einigen Jahren umgehört und festgestellt: "Trotz ihrer Größe von 155 cm gilt Kylie für viele Männer als das Sexymbol". Das "Hamburger Abendblatt" porträtierte eine Fernfahrerin, die in ihrem Beruf arbeitet und 40-Tonner-Diesel fährt, in dieser Männerwelt - "trotz ihrer zierlichen Gestalt", die sich allerdings auf dem Foto als ziemlich durchschnittliche Figur verrät. Halt kleiner als Hulk.

Es ist eine Art Virus. Journalistinnen und Journalisten schreiben Texte über Frauen, die irgendwas auf die Reihe bekommen, und schaffen es traurig oft nicht, ihre Verwunderung darüber geheim zu halten, dass diese Frauen aussehen wie Frauen eben oft aussehen und nicht so, wie Leute sich eine durchgedopte ukrainische Kugelstoßerin vorstellen.

Die "NZZ" stellte 2014 fest: "Eine zierliche Powerfrau regiert Schottland." Dabei ist Regieren nun wirklich etwas, was man auch ohne einen Zwei-Meter-Körper tun kann, auch in Schottland, wo man schon länger aus der Braveheart-Phase raus ist. Auch die Deutsche Presse-Agentur schrieb über die Kölner Oberbürgermeisterin Reker zu Beginn ihrer Amtszeit: "Die zierliche Politikerin steht vor gewaltigen Baustellen. Köln ist milliardenschwer verschuldet. Die To-do-Liste ist lang - in puncto Wohnungsbau, Verkehr, Bildung, Wirtschafts- oder Kulturförderung." Und das mit einem zierlichen Körper, Wahnsinn!

Die "Südwestpresse" betitelte 2014 das Porträt einer Bankenaufseherin mit den Worten "Zierlich, aber unerbittlich." Die "Schweriner Volkszeitung" porträtierte eine Bernsteinfischerin: "Trotz ihrer zierlichen 1,55 Meter Körpergröße ist sie eine von wenigen Frauen, die sich der anstrengenden Schatzsuche nach dem Gold der Ostsee verschrieben haben. Denn um richtig brauchbare Brocken zu finden, muss sie hüfttief rein ins Wasser."

Irgendwann muss es aufhören

Und bei den "Köln Nachrichten" schafft man das Kunststück, festzustellen, dass bei einer Unternehmerin "trotz ihrer zierlichen Figur und hinter dem mädchenhaften Charme" auch eine "Mischung aus Neugier und schneller Auffassungsgabe" vorhanden ist, was weniger über das Gehirn der Unternehmerin sagt als über das der schreibenden Person. Das ist ähnlich schlüssig wie der Text bei der "Bunten", in dem es neulich über eine Schauspielerin hieß: "Sie spielt die attraktive, aber ehrgeizige Judith Silberstein."

Der "Tagesspiegel" schrieb über Sahra Wagenknecht mal: "Obwohl sie zierlich ist, sieht es bei Fernsehauftritten oft aus, als throne sie." Ja, weil das geht. Man kann auch als zierlicher Mensch auf einem Thron sitzen oder so tun. Man sollte es vielleicht nicht als Kommunistin tun, aber okay, anderes Thema.

Auch, dass Sportlerinnen nicht allesamt aussehen, als hätten sie seit dem zweiten Lebensjahr Proteinpulver gelöffelt, ist kein Allgemeinwissen. Eine Judo-Trainerin versprüht "trotz ihrer zierlichen Statur" eine "immense Energie". Eine Handballerin setzt sich "trotz ihrer Größe von nur 168 Zentimetern" gegen die anderen durch. Und beim "Hessischen Rundfunk" stellt man fest, dass die zweifache Weltmeisterin im Armdrücken "zierlich, aber stark" ist. Wunder über Wunder!

Ein Frauenkörper ist eine extrem haltbare Sache

Schön, wenn Erwachsene noch staunen können, aber irgendwann muss es aufhören. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich Männer und Frauen für gleichberechtigt halten. Und trotzdem wundern sich Menschen noch immer öffentlich, dass Frauen, die etwas auf die Reihe kriegen, so aussehen, wie Frauen eben oft aussehen.

Das Phänomen beschränkt sich aber nicht auf Journalistinnen und Journalisten. Wenn Leute meine Texte kennen und mich dann persönlich kennenlernen, ist unter den Kommentaren, die sich nicht direkt auf meine Arbeit beziehen, mit Abstand der häufigste: "Ich dachte, du wärst viel größer". Geschätzt 50-mal gehört in den vergangenen paar Jahren. Ohne je in einem Text behauptet zu haben, ich sei 1,80.

Leute, die was Witziges und Böses über Feministinnen sagen wollen, bemühen manchmal das Charles Bukowski zugeschriebene Zitat: "Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren." - Klar. Ein fast richtiger Satz, nur dass das "nur" ein "auch" sein müsste. In einer Gesellschaft, in der komplett unförmige und hässliche Männer problemlos ganz oben hocken können, ist es natürlich ein Ziel des Feminismus, dass Frauen mit jedem Körper jede gesellschaftliche Position erreichen können.

Ein weiteres Ziel ist es, Menschen den festsitzenden ideologischen Restdreck aus dem Kopf zu scheuern, laut dem weiblichen Körpern im Normalzustand eine Schwäche innewohnt. Bis sie sich nicht mehr wundern, dass starke Frauen nicht notwendigerweise aussehen wie Wonder Woman.

Gerade erst wurde wieder die aktuelle Lebenserwartung für Neugeborene verkündet. Für Mädchen liegt sie bei 83 Jahren und zwei Monaten, und damit vier Jahre und zehn Monate höher als bei Jungs. So ein Frauenkörper ist in dieser Gesellschaft eine außerordentlich haltbare Sache. Wir werden das schon noch erleben, dass eines Tages geschrieben steht: "Sie trägt bei ihrer Arbeit im Vatikan die weiße Soutane, die auch schon ihre Vorgängerinnen trugen."

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
t_mcmillan 27.03.2018
1. Wo sie recht hat, hat sie recht
Ich hoffe, ich vergessen diesen Artikel schnell wieder. Ich will auch in Zukunft über solche Sachen drüberlesen können, ohne allzu genervt zu sein.
Danares 27.03.2018
2. Benecke
Psychologinnen mögen ja durchaus eher mit Psyche als mit Muskelkraft oder Körpergewicht arbeiten - aber ihre Klienten (Gewaltverbrecher, die in einer Strafanstalt im Ruhrgebiet einsitzen) eben üblicherweise nicht! Die Bemerkung hätte man also genauso gut bei einem kleinen und zarten Mann machen können.
ohjeee 27.03.2018
3.
Da muss ich Frau St. mal recht geben (was mir echt selten passiert). Andererseits wird in beinahe jedem Artikel über bspw. Seehofer auch dessen Größe erwähnt. Braucht es das, um erfolgreich Politik machen zu können? Und zum Beispiel mit der Handballerin: Da ist der Hinweis durchaus angebracht, da Handball ein physisch sehr forderndes Spiel ist und eine gewisse Statur nicht von Nachteil ist. Bei der LKW-Fahrerin könnte ein Hinweis auch interessant sein, je nachdem, was alles an Aufgaben zu erledigen ist (kleinere Reparaturen, Ladungssicherung,...?).
fr1987 27.03.2018
4. super stokowski!
Mal wieder völlig logikbefreit in die bresche gesprungen, unzählige generationen an frauen werden ihren namen jubeln wenn sie daran denken wer sie vom joch befreit hat. Gut, dass sie noch zu klein waren damals, denn ohne witze über die Birne wären die miefigen 80er und 90er wohl unerträglich gewesen.
andrea 71 27.03.2018
5. Willkommen im Klub
Was Sie da beschreiben nennt sich "Ableismus" (positive Diskriminierung) und ist uns Menschen mit Behinderung wohlbekannt. "Trotz ihrer/seiner Behinderung ...". Vieleicht sollte man in Form der Leidmedien (die unter Journalisten immer noch nicht bekannt genug zu sein scheint) eine Anleitung gestalten, wie man (Mann) Artikel über Frauen korrekt verfasst.
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