Weihnachtsmärchen-Uraufführung Hin und Weck

"Die Schneekönigin", der "Nussknacker" und natürlich "Pinocchio": Zu Weihnachten kramen deutsche Bühnen die immer gleichen Kinderklassiker aus der Kiste. Dass es auch anders geht, beweist das Theater der Jungen Generation in Dresden - mit einer Uraufführung.

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Doris ist anders. Nicht so anders wie Martin, auch nicht so anders wie Lulatsch, aber anders als die anderen. Dicker, viel dicker. Auch Martin und Lulatsch sind anders als die anderen. Martin ist kleiner, viel kleiner. Lulatsch ist größer, viel größer.

Weil Doris und Martin und Lulatsch anders sind, haben sie ihre Heimat "Da" verlassen, sie sind woandershin geflüchtet, vor dem Gespött der anderen, nach "Weck". Und was erwartet sie in Weck? Zunächst wieder Gespött. Doris und Martin hänseln Lulatsch, die "Bohnenstange", Doris hänselt Martin, den "Knirps" und "Zwerg", und Martin und Lulatsch stimmen gar einen Hänselgesang an: "Doris ist dick, eine dicke Doris, ...".

Keine sichere Nummer, ein Wagnis

Über kurz oder lang, dafür muss man kein Prophet sein, werden die drei Kinder in Ingeborg von Zadows Kinderstück "Über Lang oder Kurz" merken, was sie aneinander haben. Sie werden sich nicht mehr foppen, sondern sich anfreunden, sie werden frohgemut, also fröhlich und mutig, nach "Da" zurückkehren.

Das klingt nach froher Botschaft, erbaulich und pädagogisch wertvoll, nach einer schönen Bescherung, die das Theater der Jungen Generation in Dresden seinen jungen Besuchern im Weihnachtsmonat Dezember auftischen möchte, nach Kinderbibeltag, wie eine Kollegin in der Redaktion lästerte. Aber so leicht lesbar, so einfach decodierbar ist das Stück gar nicht, das wird die Uraufführung am heutigen Samstag hoffentlich beweisen. Regie führt Gerald Gluth.

Die dicke Doris zieht es zwischendurch nämlich nach "Ganz Weck", wo sie nicht anders ist, weil es keine anderen gibt. Stundenlang kann sie dort mutterseelenganzallein umher gehen - "und ist doch nur im eigenen Kopf unterwegs". In "Weck" mischt sich obendrein eine geheimnisvolle Stimme ein, die neidisch ist auf die unperfekten Körper von Doris, Martin und Lulatsch - weil sie selbst gar keinen Körper hat. Die Stimme tut alles dafür, dass die drei bei ihr bleiben. Vergeblich.

Mehr als Kinderbelustigung

Die Autorin Zadow, 40, hat in Gießen am berühmten Institut für Angewandte Theaterwissenschaft studiert und ihren Abschluss mit einem Master of Arts in Theatre an der State University of New York at Binghamton gemacht. 2001 wurde sie mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet, dotiert mit 10.000 Euro, und auch für ihr aktuelles Stück bekam sie eine hübsche Summe: ein Auftragshonorar in Höhe von 5500 Euro im Rahmen des Projekts "Nah dran. Neue Stücke für das Kindertheater", mit dem das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der BRD und der Deutsche Literaturfonds das Repertoire guter Kinderstücke erweitern möchten.

An vielen Theatern ist es nämlich immer noch so, dass zu Weihnachten die guten alten Weihnachtsstücke ausgepackt werden: "Die Schneekönigin", "Der Nussknacker", "Dornröschen","Peterchens Mondfahrt", "Die Bremer Stadtmusikanten", "Das Dschungelbuch" und so weiter und so fort, gerne auch Prosa-Stoffe von Astrid Lindgren, Otfried Preußler und Michael Ende. Was die Eltern, die die Kinder ins Theater schleppen, eben so kennen aus ihrer eigenen Kindheit.

"Über Lang oder Kurz" kennen sie nicht, weder die Eltern noch die Kinder, und deshalb ist "Über Lang oder Kurz" keine sichere Nummer, sondern ein Wagnis - frohe Botschaft hin oder her. Es ist mehr als Kinderbelustigung.


Über Lang oder Kurz. Uraufführung am 11. Dezember um 16 Uhr im Theater junge Generation Dresden, Studiobühne. Weitere Aufführungen am 12. Dezember um 16 Uhr sowie am 13., 14. und 15. Dezember um 10 Uhr, Kartentelefon 0351/496 53 70.



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