Party in der Kälte "Ein Weihnachtsmarkt schreit: 'Du darfst!'"

Wo gibt's den besten Glühwein? Warum mutieren wir im Advent zu spießigen Sündern? Weihnachtsmarktforscher Gunther Hirschfelder weiß alles über Bratwurst, Sexspielzeug und X-Mas als globales Lifestyle-Phänomen.

DPA

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie eigentlich gegen Weihnachtsmärkte?

Hirschfelder: Gar nichts! Ich bin Kulturwissenschaftler, ich bewerte sie nicht, sondern betrachte sie analytisch.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Aufsatz über den Wandel der Weihnachtsmärkte schreiben Sie: "Der Weihnachtsmarkt ist zum Massenphänomen geworden, dem man kaum mehr entrinnen kann." Klingt nicht sehr positiv.

Hirschfelder: Die Beschreibung bleibt manchmal nicht ohne ironischen Unterton. Aber ich will nicht urteilen, sondern etwas über unsere Gesellschaft herausfinden.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich anhand von Weihnachtsmärkten über unsere Gesellschaft herausfinden?

Hirschfelder: Wir können viel über unsere Bedürfnisse lernen: zum Beispiel, dass wir zwar als Individuum wahrgenommen werden wollen, dabei aber nicht gern alleine sind. Wir suchen nach Gruppenerlebnissen - und auf den Weihnachtsmarkt geht niemand alleine. Zudem vermittelt er uns das Gefühl, in eine romantische Welt einzutauchen, die mit positiven Kindheitserinnerungen verbunden ist, mit Hoffnungen, Wünschen, Gemütlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wird dort nicht vor allem das Bedürfnis nach Glühwein und Bratwurst befriedigt?

Zur Person
  • privat
    Gunther Hirschfelder, Jahrgang 1961, ist Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. In der "Zeitschrift für Volkskunde" ist sein Aufsatz erschienen: "Kultur im Spannungsfeld von Tradition, Ökonomie und Globalisierung: Die Metamorphose der Weihnachtsmärkte".
Hirschfelder: Essen und Trinken sind wichtige Aspekte. Im Alltag hadern wir mit jeder Kalorie. Aber der Weihnachtsmarkt hebelt unseren Drang zur Selbstoptimierung aus. Wir sind dort in einer Ausnahmesituation, in der wir uns die gebratenen Champignons oder die fettigen Würstl gönnen, die wir uns sonst verkneifen. Ein Weihnachtsmarkt schreit an jeder Bude: "Du darfst!" Er ermöglicht uns ein spießiges Über-die-Stränge-schlagen. Das ist sein Erfolgsrezept.

SPIEGEL ONLINE: Wann gab es den ersten Weihnachtsmarkt?

Hirschfelder: Das lässt sich kaum beantworten. Schon im Mittelalter trafen sich Menschen in der Adventszeit auf Märkten. Aber so, wie wir sie heute kennen, mit dem Duft nach Zimt, Nelken und heißem Fett, entstanden sie erst in den Sechzigerjahren. Mitte der Siebziger begannen die Deutschen, sorgenvoll in die Zukunft zu blicken - umso mehr suchten sie eine heile Welt in der Vergangenheit und besannen sich auf Traditionen. Deswegen gehörten zu jedem Weihnachtsmarkt Holzbuden, Kerzen, Krippen. Dieses Streben nach Romantik, das für uns Deutsche sehr positiv besetzt ist, hat sich erst vor etwa zehn Jahren geändert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Hirschfelder: Es geht nicht mehr so sehr um den Blick in die Vergangenheit, sondern um einen globalen Lifestyle. Die Weihnachtsmärkte sind inzwischen lauter, bunter und vielfältiger. Vielleicht liegt es daran, dass wir es heute mit einer Generation von Weihnachtsmarktbesuchern zu tun haben, für die nicht mehr das spezifisch Deutsche relevant ist, sondern das Internationale. Das sehen Sie schon an der Bezeichnung. Aus Weihnachten wurde erst Christmas, dann X-Mas.

SPIEGEL ONLINE: Und damit wurde auch das "Christ" aus dem Namen getilgt. Haben Weihnachtsmärkte noch mit Religion zu tun?

Hirschfelder: Kaum. Wer denkt in der Adventszeit denn noch ans Fasten oder an die Geburt Christi? Krippentiere, Bischofsfiguren, Herzen, der Stern von Bethlehem - diese christlichen Symbole wurden von der Schneeflocke verdrängt. Die heutige Dekoration ist eine Mischung aus Fantasyroman, Ikea und "Landlust". Aber für die Location eines Weihnachtsmarktes gilt auch heute: Ein Kirchturm im Hintergrund schadet nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ein Weihnachtsmarkt in Berlin wirbt mit einem 90 Meter hohen Freifall-Turm, einer in Hamburg mit Sexspielzeug. Was kommt als nächstes?

Hirschfelder: Die Karnevalisierung wird voranschreiten. Wenn die Weihnachtsmärkte eine Zukunft haben wollen, müssen sie verschiedene Lifestyles bedienen und zum Beispiel veganes Essen, exotische Getränke und aufregende Fahrgeschäfte bieten. Ich halte es auch für möglich, dass wir in naher Zukunft verkleidet auf den Weihnachtsmarkt gehen.

SPIEGEL ONLINE: Zu Forschungszwecken waren Sie auf Dutzenden Weihnachtsmärkten unterwegs. Wo schmeckt der Glühwein am besten?

Hirschfelder: In Bonn. Dort habe ich mein halbes Leben verbracht und die meisten empirischen Erfahrungen gesammelt.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 01.12.2014
1. Weihnachtsmärkte
zu laut, zu teuer, und der Glühwein ist meistens auch nur mit Rum verdünnt zu ertragen.
dr.joe.66 01.12.2014
2. Jedem das seine...
irgendwie erinnert mich das immer an "Brot und Spiele"...
dunnhaupt 01.12.2014
3. Noch
Weihnachtsmarkt ist der Inbegriff alles Deutschen. So etwas gibt es sonst nirgends. Ausgerechnet diese einmalige Kuriosität als "global" zu bezeichnen wie der obige Artikel, ist einfach absurd.
wastl300 01.12.2014
4. Unterschiede
In den Städten sind die Weihnachtsmärkte "gefühlt" wie von Herrn Hirschfelder beschrieben. Am Land kann ich diese Entwicklung noch nicht nachvollziehen. Hier sind sie überwiegend gemütlich und stimmungsvoll.
rueckenschwimmer 01.12.2014
5. halbgare
weisheiten vorm fest nochmal lauwarm aufbereitet. herrje nicht jeder unterbeschäftigte wissenschaftler sollte eine weitere meldung auf spon wert sein, auch wenns gerade lage hat. außerdem teile ich seine analysen 0 - wenn ich mir die weihnachtsmärkte heute angucke und sie mit denen vor 10 jahren vergleiche, sind sie traditioneller geworden und gehen weg vom event und hin zum klassisch weihnachtlichen
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