Weihnachtssüßigkeiten recycelt Einfach parfait, dieses Knusperhaus

Noch eine halbe Tüte Plätzchen auf dem Couchtisch? Eine angebrochene Glühweinflasche? Ein paar bockelharte Pfefferkuchen am Knusperhaus? Weg damit? Nein, halt, wir machen noch rasch ein leckeres Dessert aus dem, was vom Jahre übrig blieb!

Peter Wagner

Von Hobbykoch


Endlich ist sie vorbei, diese so seltsame wie zum Glück recht kurze fünfte Jahreszeit. Diese finstere Grube vom Abend des zweiten Weihnachtsfeiertags bis zum Beginn der Silvesterparty, kalendarisch zum Winter gehörend, volkstümlich aber seit jeher als "Zwischen den Jahren" bekannt. Neben den jetzt wieder kurz auflebenden guten Vorsätzen für die kommenden zwölf Monate führt "Zwischen den Jahren" ungefährdet die Hitparade unserer kleinen Lebenslügen an.

Was wollen wir nicht alles noch erledigen, wenn wir an diesen Tagen keinen Skihang hinunterwedeln oder am fernen Palmenstrand schmoren dürfen, sondern in den eigenen vier Wänden darben müssen? Ganz oben auf der To-Do-Liste dieser Tage, in denen sich viele ja Urlaub nehmen, um endlich Zeit für all diese Dinge zu haben, stehen Titanenaufgaben: endlich mal das längst von VHS auf den PC überspielte Rohvideomaterial von 1994 zu einem vernünftigen Hochzeitsvideo zusammenschneiden. Das hintere rechte Eck des Kellers aufräumen. Die schon zwischen 2007 und 2010 abgelaufenen Konserven in der Speisekammer entsorgen, und, ja ja, nerv jetzt nicht, klar, ich weiß schon, das halbfertige Urlaubsfotoalbum vom vorletzten Jahr...

In diesem schwarzen Loch des Gregorianischen Kalenders, diesem Neverland der Stundenfresser, dieser Wurmlochkrümmung des Raum-Zeit-Kontinuums passieren seltsame Dinge. Vor allem, wenn man ein bisschen abergläubisch ist. In Italien und Spanien tragen die Damen leuchtrote Spitzenslips, im Süden Deutschlands steckt sich so mancher eine Karpfenschuppe oder ein Reiskorn in die Geldbörse, zumindest aber essen sie irgendwelche quellenden Hülsenfrüchte wie Linsen oder Erbsbrei, um im Folgejahr stets gut bei Kasse zu sein. Alles harmlos so weit - und solange wir genügend Unterwäsche zum Wechseln haben.

Denn bis heute glauben unfassbar viele Zeitgenossen daran, dass in den "Raunächten" (ursprünglich gingen die bis zum 6. Januar) nicht gewaschen werden darf. In den Leinen der zum Trocknen aufgehängten Laken und Schlüpfer könnten sich ja die Geister der zu früh aus dem Leben Gerissenen, die in diesen Nächten als "Wilde Jagd" auf dampfenden Zombiepferden über das Land preschen, verfangen, was wiederum dem Leinenspanner verdammt schlechte Karten für das nächste Jahr bescheren würde.

Eine Raunacht-App für die wilden Jäger

Doch gilt das noch in Zeiten von Kondensationstrockner und bügelfreiem Oberhemd? Können sich die wilden Jäger nicht einfach eine kostenlose Raunacht-App runterladen, die sie sicher durch alle Zivilisationsfallen wie Starkstromkabel, Lichterschlangen und Taubennetze navigiert? Und was hat das alles mit Kochen zu tun?

Nun, eine ganze Menge, denn all diesen Gedanken lässt sich prima nachhängen, während man in aller Ruhe die einst essbaren Reste der Vor-, Haupt- und Nachweihnachtszeit in der Wohnung einsammelt. In der Keksdose lauern noch ein paar Butterplätzchen, die jetzt wirklich keiner mehr sehen will; der Hund hat beim waghalsigen Schnappen nach dem über die Tischkante ragenden Gänseknochenrest das Knusperhaus zu Boden gerissen; irgendwo in der Küchenecke steht eine angebrochene Flasche Lemberger oder Spätburgunder herum, der nun irgendwie nicht mehr zum Essen passt - und wer, um Himmels Willen, hat eigentlich diese klarsichtverpackten und weihnachtsbeschleiften Stücke Baumkuchen und Nougat mitgebracht?

Nicht verzagen, vor allem aber: nicht wegwerfen! Denn aus all diesen Komponenten basteln wir uns einen so spannenden wie rasch und einfach herzustellenden Nachtisch, der geschmacklich bis weit in den Februar aktuell bleibt, solange es draußen kalt genug ist. Interessant dabei vor allem die Komponenten Eis (kalt) und Sabayon (warm). Die zerbrochenen und selbst mit 5000-Euro-Implantaten nicht mehr kaubaren Pfefferkuchen zermahlen wir kurzerhand in einem starken Mixer, rühren mit warmer Milch eine Creme daraus und stellen mittels der üblichen Gelateria-Zutaten (Eigelb, etwas Sahne und Zucker) ein wunderbar winterliches Parfait daraus her.

Den Roten, im Idealfall eine leichte, dünnflüssige und bitterstoffreiche Sorte, porschen wir mit einer Handvoll ausgesuchter Gewürze und Zutaten, darunter Gewagtes wie frischer Ingwer, Pfeffer und etwas Rosmarin, zu einem Gedicht von einem Glühwein auf und rühren ihn im Wasserbad mit Frischei zu einem cremig-schaumigen lauwarmen Sabayon.

Damit geben wir uns nun also den Rest und wünschen zugleich allen Freunden der "Tageskarte" ein gesundes, erlebnisreiches und vor allem leckeres 2012!



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Doubleudee 01.01.2012
1. Puuuuh....
Naja, angesicht dessen, dass bei uns der Inhalt der Komposttonne der Vergasung und damit Energiegewinnung zugeführt wird, werfe ich unsere alten Guatzle (Schwäbisch für Plätzchen) lieber direkt in dieselbe, bevor ich mir dieses gnadenlose Rezept antue... Obwohl, wenn man den appetitlich wirkenden Glühwein, bevor er zum Sabayon massakriert wird einfach trinken würde?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.