Wein-Report in der ARD Die Geschmacksverstärker

Wein und Design - das schmeckt nach einem Widerspruch. Ist es aber nicht: Thomas Leifs ARD-Reportage "Die Tricks der Weinmacher" zeigt, wie viel Marketing im edlen Tropfen steckt.

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Der deutsche Lebensmittel-Konsument ist einfach gestrickt: Am glücklichsten fühlt er sich, wenn alles billig zu haben ist. Ganz besonders beim Wein: Unter drei Euro soll die Bouteille bitteschön kosten, rund und gefällig muss der Inhalt schmecken und die Flasche ein bisschen nett aussehen. Willkommen bei Aldi und Lidl - denn beim Discounter geht nach wie vor der meiste Wein in Deutschland über die Theke. Doch was der Weinfreund im Supermarkt bekommt, ist keinesfalls Zufalls- oder Ausschussprodukt einer elitären und traditionsbewussten Branche, sondern meist ein zielgruppengenau geschaffenes Industrieprodukt. Der Markt für Wein ist hart umkämpft; hier gewinnt nur, wer seine Kunden und ihre Wünsche kennt.

Geschmacksdesigner Rolland: Qualität aus einem Guss
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Geschmacksdesigner Rolland: Qualität aus einem Guss

Für seinen TV-Film begab sich der ARD-Reporter Thomas Leif auf die Spuren der internationalen Weinmacher und ermittelte zwei Lager: die cleveren Marktstrategen und die skeptischen Traditionalisten. So kommt Graf Hoensbroech auf buchstäblich hohem Ross daher und stimmt das Hohelied des althergebrachten Weinbaus an - ein Traditionalist aus dem Bilderbuch.

Provozierend nüchtern dagegen der Winzer Gert Aldinger, Präsident im Verband der Prädikatsweingüter aus Württemberg, der den einfachen Unternehmerstandpunkt "Gebt den Leuten den Wein den sie wollen!" vertritt. Wo liegt also der Unterschied zwischen Wein und Schokoriegel? Beim Marketing jedenfalls nicht.

Von Natur aus künstlich

Auch der Tropfen will gestaltet sein. Die Mittel dazu kauft der Weinmacher beim Spezialisten. Wie Kraftfutter für die Viehzucht, gibt es bei der großen Weinfachprodukte-Firma Erbslöh im Rheingau die Säcke mit den Holzchips, die dem Wein das gewünschte Fass-Aroma bei der Lagerung verleihen. Die wiederum findet längst in hygienischen Edelstahltanks statt, aber viele Kunden lieben den vermeintlich edlen und immer noch modischen "Holzton".

Leif lässt die Protagonisten trefflich streiten, denn die Frage "Holzchips oder nicht" wurde längst zum klassischen Knackpunkt zwischen den Fraktionen. Ob der Wein nun zum Holz geht oder das Holz zum Wein, das sei doch gleich, hört man zum Beispiel von einem Experten der staatlichen Weinversuchsanstalt.

Kaum weniger kalkuliert geht es im Topsegment der internationalen Rotweine zu, denn auch hier gibt es marktkonforme, umsatzstarke Weine, die immer seltener naturbelassen vom Rebstock in die Flasche wandern. Wein-Design heißt das Zauberwort, und natürlich präsentiert Thomas Leif den Spitzen-Guru der Winzer-Szene, Michel Rolland.

Vollmundige Geschmacks-Couture

Der Rotwein-Spezialist Rolland jettet zu Weingütern in der ganzen Welt und kreiert "den" Spitzenwein für jedes Weingut, Erfolgsgarantie inbegriffen. Was für den Popmusikbereich der Soundmagier und Producer, ist für Topwinzer der Wein-Couturier Rolland. Wer sich fürs Thema interessiert, kennt ihn vielleicht schon aus dem Kinofilm "Mondovino" (aus dem Jahre 2004), der den französischen Geschmackserzeuger ausführlich präsentierte.

Überhaut hat sich ARD-Mann Leif eine Menge von Nossiters Film abgeschaut, hier wie da reden die Macher meist selbst. Bei Leifs allerdings nicht in epischer "Mondovino"-Breite (der Film dauert fast zweieinhalb Stunden), sondern in guter Reportage-Manier, knapp und pointiert zusammengeschnitten.

Dennoch bleibt die Frage offen, wie sich der Weinkäufer nun verhalten soll. Die Antwort kann nur lauten: Selber (Trink-)Erfahrungen sammeln, vergleichen, sich informieren. Dazu tragen Reportagen wie "Die Tricks der Weinmacher" bei, wenn auch nur als Appetitanreger.


"Die Tricks der Weinmacher - Kulturgut oder Industrieprodukt?", ARD, 8. November 2006, 21.45 Uhr



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