S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Von der Relevanz des Weltuntergangs

Flüchtlingskatastrophen, Völkerwanderung, Bürgerkriege: Da draußen steht die Hölle vor der Tür - und wir beklagen uns über Kopfschmerzen? Uns Menschen ist eben eine ganz besondere Fähigkeit gegeben: die der Verdrängung.

Eine Kolumne von


"Es gibt im Moment wirklich relevantere Themen." Wusch. Bumm. Bäng. Dieser - aus dem Gedächtnis zitierte - Satz beendete jüngst eine TV-Kritik zu einem Theaterstück. Das Stück, es handelte von Frauen, war von mir, die Empfindlichkeit demzufolge hoch, darum rassle ich schnarrend: klar.

Es gibt Relevanteres als zum Beispiel Dings, Frauen. Es ist unbedingt wichtig, von Zeit zu Zeit eine Relevant-ist-Liste aufzustellen. Wem ist es gestattet, sich wann zu welchen Problemen zu äußern? Oder besser gesagt - ist es verschiedenen Menschengruppen gestattet, Probleme unterschiedlicher Art mit dem Leben und der Gesellschaft zu haben, wenn sich die Medien doch kernkompetenzmäßig auf ein Sujet geeinigt haben?

Ist es angemessen, in Zeiten von Flüchtlingsproblematiken darauf hinzuweisen, dass es noch andere Stolpersteine auf dem Weg in eine utopische Welt gibt? Oder müssen sich die EinwohnerInnen Europas in zwei Klagechören pro oder kontra Flüchtlingspolitik versammeln und gemeinsam mit der Presse oder Blogs den Gegner zu Boden schreien? Ist es relevant, dass auf der Frankfurter Buchmesse am Stand der "Jungen Freiheit" drei AutorInnen öffentlich Hetze gegen Homosexuelle betreiben - geduldet vom Gastgeber? Einem Gastgeber, der sich auf der anderen Seite publikumswirksam für Flüchtlinge engagiert? Alles eine Frage der Relevanz.

Die Luft anhalten, bis alles wieder vorbei ist?

Als gäbe es sonst nichts mehr zu tun, verschwinden gerade langweilige Probleme wie Gleichstellung, Homophobie, Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen, Umweltverbrechen und Klimakatastrophen aus dem Bewusstsein. Vielleicht normal, wenn scheinbar die Welt untergeht. Normal, dass man sich mit all dem kleinen Leiden nicht beschäftigen kann, wenn da draußen die Hölle bevorsteht.

Steht sie doch, oder? Haben wir nur so ein Höllengefühl, weil wir nichts anderes sehen und lesen als: Flüchtlingskatastrophen. Völkerwanderung. Bürgerkriege. Da muss man sich doch mal zusammenreißen mit seinen kleinen persönlichen Befindlichkeiten. Da hat die Welt stillzustehen. Kann ich noch einen Witz erzählen, kann ich meine Scheidung betrauern, die Krankheit meines Kindes mit Sorge betrachten, wenn da draußen Untergang ist?

Wenn Europa auseinanderbricht, geziemt es sich da, Kopfschmerzen zu haben, oder ist es angeraten, die Luft anzuhalten, bis alles wieder vorbei ist? Nein, falsch - bis man sich an den neuen Zustand gewöhnt hat, dass die Welt sich verändert und das ausgerechnet während meiner befristeten Aufenthaltsdauer auf ihr. Es ist Quatsch, sich einzureden, dass es wieder wird wie vorher. Wird es nicht.

"Weitermachen", raunt unser genetischer Code

Die Umwälzung hat gerade erst begonnen. Da kann man ganz schön erstarren. Da kann man sich darauf einigen, dass es außer diesem Weltuntergang, der jetzt erst ein paar Tausend Jahre dauert, kein anderes Thema gibt. Dass man keine Kunst braucht, außer, sagen wir, jene, die sich mit Flüchtlingen befasst, dass man keine Musik braucht, die nicht Benefiz ist, dass man am besten seine persönlichen Befindlichkeiten vergisst und sie dem Weltweh unterordnet.

Seien wir doch ehrlich: Welche Krise in der Außenwelt auch gerade verhandelt wird - es ist dem Menschen gegeben, sie zu verdrängen wie den Tod. "Weitermachen", raunt unser genetischer Code, weitermachen, überleben und sich selbst für den Nabel der Welt halten. Das ist, was fast alle tun, und es zu leugnen, ist verlogen.

Die Welt, die mich umgibt, scheint gerade in ein schwarzes und ein weißes Lager geteilt zu sein. Das verbindende Glied ist die politische Korrektheit, die ängstlich eingehalten oder bewusst übertreten wird. Keine Zeit für Zwischentöne, keine Zeit, um andere Probleme zu sehen, keine Zeit, um einen anderen Gedanken zuzulassen als den, wie man den angenommenen Gegner niederargumentiert.

Von der Masse der Menschen in Europa weitgehend unbeobachtet, kann so ein wunderbarer backlash stattfinden. Wie immer in Zeiten der Angst, der Schockstarre, wie immer, wenn es heißt: "Haben wir nicht gerade relevantere Probleme?"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
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michaeladrian 17.10.2015
1. Verdrängung ?
…….bleibt die Frage ob die Welt so wir sie sehen auch wirklich so existiert. Was ist die Realität ?
Knossos 17.10.2015
2. Politische Korrektheit
ist inzwischen weitgehend gleichgesetzt mit unselbständigem Denken und Nachplappern von Vorgaben. Dazu gehört definitv nicht die Wahrnehemung vom sechsten großen Artensterben und jenem Zeitfenster von allenfalls 5 Jahren, nach dem der Zusammenbruch der Biosphäre unabwendbar wird, wenn keine grundlegenden Maßnahmen egriffen werden. Wer diesen Umstand u.a. einordnet, ist weder über die Bedrohung des Planeten informiert, noch darüber im Bilde, daß Wirtschafts- und / oder Religionskriege, Demographie, Staatsverschuldung, Emanzipation etc., ganz zu schweigen vom iPhone 6 oder der neuesten Spielkonsole Bedeutungslos sein werden, wenn der Planet stirbt. Ja, es gibt kein wichtigeres und brennenderes Thema als die Umweltvernichtung, und es ist bizarr, daß so etwas als Priorität erst herausgestellt werden muß (, um dennoch nicht begriffen zu werden).
Dr. Kilad 17.10.2015
3. Was für Schockstarre?
250.000 Menschen haben letzte Woche z.B. gegen TTIP demonstriert und die erforderliche Stimmen für ein EU-Bürgerbegehren sind längst erreicht. Noch nie löste eine Wirtschaftspolitik nach dem Krieg so viel Widerstand aus. Und das ist nur ein Beispiel dafür, dass sich durchaus was bewegt. Stimmt: Manche sind vor Angst erstarrt, aber viele bewegen sich auch erst jetzt. Deshalb verstehe ich die einseitige Sichtweise im Beitrag nicht.
weltbetrachter 17.10.2015
4. relevante Probleme ?
Ja, die haben wir. Darf man ein ganzes Staatsgefüge auseinanderbrechen lassen ? Darf man das komplette Sozialsystem eines Landes zerstören ? Darf man binnen Monate die Zukunft der Kinder und Rentner verzocken ? Man zeige mir noch ein Land, außer Deutschland, auf dieser Welt das das mit sich machen läßt. Das zum Thema relevante Probleme.
weltbetrachter 17.10.2015
5. aber was hilfts ?
Zitat von Dr. Kilad250.000 Menschen haben letzte Woche z.B. gegen TTIP demonstriert und die erforderliche Stimmen für ein EU-Bürgerbegehren sind längst erreicht. Noch nie löste eine Wirtschaftspolitik nach dem Krieg so viel Widerstand aus. Und das ist nur ein Beispiel dafür, dass sich durchaus was bewegt. Stimmt: Manche sind vor Angst erstarrt, aber viele bewegen sich auch erst jetzt. Deshalb verstehe ich die einseitige Sichtweise im Beitrag nicht.
Nur was helfen die ganzen Petitionen, wenn sich die Politiker nicht daran halten, ja sogar ignorieren. Wenn die Politikerelite mal auf die Bevölkerung hören würde, dann hätten wir längst einen neuen Kanzler/Kanzlerin.
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