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Welt-Aids-Tag: Paul spricht in den Wind

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Zum Welt-Aids-Tag und darüber hinaus werden Berliner Passanten mit den Krankheitsgeschichten von HIV-Positiven und Aids-Kranken beschallt. Die Initiatoren freuen sich über ihr "tolles Projekt". Dabei hört kaum jemand zu. Ein Klangkörper wurde bereits von der Polizei abmontiert - wegen Ruhestörung.

Klanginstallation "Stimmen in der Stadt": "Hat man nicht jeden Tag" Zur Großansicht
Jochen Hick/ Stimmen in der Stadt

Klanginstallation "Stimmen in der Stadt": "Hat man nicht jeden Tag"

Niemand hört zu, doch die Stimme redet einfach weiter. "…bin homosexuell. Und bin HIV-positiv, seit circa 25 Jahren. Es war nicht anders zu erwarten…" Eine junge Frau schiebt einen Kinderwagen aus dem Eingang eines Kaufhauses, sie stockt kurz. "…weil ich auch viel rumgemacht hab, rumgebumst…" Die junge Frau geht weiter. "…dann hab' ich mich erstmal krank gemeldet…"

Es ist kalt, saukalt an diesem ersten Dezembertag in Berlin, minus acht Grad zeigt das Thermometer um die Mittagszeit hier am Hermannplatz im Stadtteil Neukölln, und der schneidende Wind treibt jeden voran, nur schnell wieder ins Warme. Heute ist Welt-Aids-Tag, und was die junge Frau und die anderen Passanten gerade achtlos hinter sich lassen, ist nicht etwa ein herkömmlicher Gestrandeter in der Großstadt, einer, der gleich nach einem Euro fragen wird.

"Ich wurde ja impotent" - dann brummt ein Lastwagen

Es ist Paul. Und Paul ist Teil einer Installation, die auf die Schicksale der etwa 70.000 HIV-Infizierten in Deutschland aufmerksam machen will. Zu diesem Zweck hat die "AVK Sozialprojekte", eine gemeinnützige GmbH unter dem Dach des Berliner Auguste-Viktoria-Klinikums, fünfzehn "Klangstationen" über die ganze Stadt verteilt, sie hängen an Laternen und Ampeln, an Bushaltestellen und Kreuzungen, und vierzehn Tage lang, durchgehend vierundzwanzig Stunden, sind hier die Lebens- und Krankheitsgeschichten von HIV-Betroffenen zu hören. Wenn man denn zuhören will.

Paul spricht weiter in den Wind. "Ich wurde ja impotent, aber von was, wusst' ich ooch nich. Entweder durch mein Diabetes, was die festgestellt haben, oder…" Oder was? Den Rest des Satzes überbrummt ein Lastwagen.

Sieben Lebensgeschichten laufen unter dem Titel "Stimmen in der Stadt" in Endlosschleife, aufgezeichnet hat sie der Berliner Arzt Christoph Weber, und Nicole Schöner, zuständig für die Pressearbeit von "Stimmen in der Stadt", sagt, man habe "lange überlegt, wie wir diese Interviews der Öffentlichkeit zugänglich machen können".

Minutenlange Danksagungen

Das Ergebnis dieser Überlegung kann man getrost als gewagt bezeichnen: Der gemeine Berliner Passant, ohnehin nicht bekannt für Feinfühligkeit und großes Interesse an seiner Umwelt, soll minutenlang in der Kälte ausharren, um sich schwer erträgliche Schicksalsbeichten aufs Gemüt zu laden? Die Initiatoren gehen offenbar davon aus, berichten "von einer ganzen Menge guten Zuspruchs". Und bejubeln ihr Projekt, das unter anderem auch von der Deutschen Aidshilfe unterstützt wird, als "unglaublich toll". Sie erzählen von "minutenlangen Danksagungen" bei der Präsentation und zitieren die Schirmherrin, Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), mit den Worten: "'Stimmen in der Stadt' ist etwas, das man nicht jeden Tag hat." Durchaus.

Die Klangdusche an der Ampel in der Kastanienallee wurde bereits kurzzeitig von der Polizei konfisziert. Anwohner hatten sich über die Lärmbelästigung beschwert. Mitten in der Nacht spreche "die Ampelanlage laut mit den Passanten", vermerkt ein Polizeischreiben. Die herbeigeeilten Beamten schraubten das Ding kurzerhand ab - "aus Gründen der Beweismittelsicherung". Dann war wieder Ruhe.

Dabei hätte es das Thema Aids durchaus verdient, öffentliches Gehör zu finden. Eine HIV-Infektion bedeutet schon seit Mitte der Neunziger kein zwangsläufiges Todesurteil mehr. Seither gibt es Medikamente, die das HI-Virus in Schach halten und den Ausbruch der Krankheit verhindern können. Infizierte, die das Glück haben, in einer Industrienation zu leben und krankenversichert zu sein, können damit ein relativ normales Leben führen.

Aus der Abteilung "Gut gemeint"

Doch mit dem medizinischen Fortschritt wich die Krankheit aus dem öffentlichen Bewusstsein - und die Betroffenen stehen am Rand. "Man kann heute bei einem Abendessen problemlos von seinen Depressionen berichten oder vom Gebärmutterhalskrebs, alles kein Problem", berichtet Johannes, 33, im Gespräch. Nur den HI-Virus erwähnt man besser nicht. Johannes ist positiv, doch niemand darf es wissen. Sonst droht Ausgrenzung. Eine ehemals beste Freundin hat den Kontakt mit ihm einschlafen lassen, nachdem sie von seiner Infektion erfuhr. "Aus Verlustangst. Das ist die brutalste Variante. Sie dachte sich wohl, der stirbt sowieso bald, da lasse ich ihn besser schon jetzt nicht mehr an mich heran." Ein Kollege, der nach dem vierten Bier eingeweiht wurde, hat sich seither nie wieder gemeldet. "Das gezwungene Schweigen ist mittlerweile die Hauptbelastung für mich", sagt Johannes. "Man läuft immer mit einem Schatten über dem Leben." Dass sein Name nicht stimmt, dass er seinen Beruf nicht nennen will, versteht sich von selbst.

Das ist das "neue Aids": die Isolation der Betroffenen. Der mal unterschwellige, mal offen geäußerte Vorwurf, man sei selbst schuld an seiner Krankheit. Man sei zügellos oder wahrscheinlich drogenabhängig, die Infektion nur eine gerechte Strafe dafür. Und die irrationale Angst vor Ansteckung, die jeden auch nur zufälligen Kontakt zur gefühlten Gefahr macht. Dabei sollte sich eigentlich längst herumgesprochen haben, dass das Risiko, sich anzustecken, sehr gering ist, wenn keine Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Und bei den meisten Patienten sogar dann verschwindend, weil die modernen Medikamente das Virus so weit zurückdrängen können, dass es kaum noch nachzuweisen ist.

Johannes hat wenig Hoffnung darauf, dass er sich einmal öffnen könnte, ohne seinen Job zu riskieren oder seine Freunde. Die "Stimmen in der Stadt" hält er für wenig hilfreich: "Das ist alles aus der Abteilung 'Gut gemeint'. Aber das will sich doch niemand reinziehen."

Und dann sagt er: "Ich brauche keinen Lautsprecher. Ich brauche Menschen in meinem Umfeld, die mich verstehen."

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1. Unsensibel
Lelaya 01.12.2010
Haben die Initiatoren auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, mit was sie hier die Straßen beschallen? Oder gehen die davon aus, dass Passanten alle über 18 sind, wenn Wörter wie "rumgebumst" und ähnliches lautstark durch die Straßen geplärrt werden. Anstatt positive Aufmerksamkeit zu erwecken bringt man so die Leute höchstens dazu, sich erstrecht von diesem Thema abzuwenden.
2. naja, mit Aids wird halt ...
angela_merkel 01.12.2010
... eine Menge Geld verdient. Es wird nun mal alles kommerzialisiert, warum nicht auch eine Seuche ?
3. Schluss mit solchen "Spezialkampagnen"
Zoroaster 01.12.2010
Zitat von sysopZum Welt-Aids-Tag und darüber hinaus werden Berliner Passanten mit den Krankheitsgeschichten von HIV-Positiven und Aids-Kranken beschallt. Die Initiatoren freuen sich über ihr "tolles Projekt".*Dabei hört kaum jemand zu. Ein Klangkörper wurde bereits von der Polizei abmontiert - wegen Ruhestörung.* http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,732248,00.html
Was will man mit sowas auch bezwecken? Kein Mensch ändert doch seinen Lebenswandel, nur weil irgendwelche Typen, die ein Schicksal ereilt hat, welches nicht unbedingt schlimmer als die Krebsdiagnosen für mehrere Hunderttausend in Deutschland ist, in flapsigen Soziolekten ihr Dasein schildern. Auch Krebs wird häufig durch eine falsche Lebensweise herbeigeführt, Herz-Kreislauf-Erkankungen ebenso, aber würde jemand auf die Idee kommen, einen Klangkörper in Berlin zu installieren, der von den Folgen des täglichen Currywurstverzehrs warnt? Albern würde es rüberkommen und albern ist es auch, halbwegs intelligente Menschen mit derartigen Kampagnen "aufzuklären". Man hat unbewusst immer das Gefühl, für blöd gehalten zu werden. Jede Krankheit kann jeden treffen und ich glaube, praktisch jeder in Deutschland weiß über Ansteckungswege von HIV Bescheid, wie auch viele wissen, dass Rauchen ungesund ist. Vielleicht würde die Stigmatisierung von HIV-Infizierten endlich mal aufhören, wenn HIV nicht als eine derartige Besonderheit angesehen wird. Gerade solche Aktionen, die an Projekte sockenstrickender Sozialarbeitsstudenten erinnern, wie diese Propagierung, welche ja eigentlich das Gegenteil bewirken soll, geben doch HIV das Attribut der Schmuddeligkeit, von der sich die meisten distanzieren wollen.
4. Welt-Aids-Tag: HI-Virus weiterhin eine Zäsur für Afrika!
2010sdafrika 01.12.2010
HIV/AIDS ist nach wie vor ein riesen Problem, insbesondere im südlichen Afrika. Man muss sich wirklich vor Augen halten, dass über 5,7 Mio. Menschen von ca. 50 Mio. Einwohnern alleine in Südafrika mit dem HI-Virus infiziert sind!!! Siehe: http://2010sdafrika.wordpress.com/2010/12/01/welt-aids-tag-2010-bilanz-zu-sudafrika/.
5. Abschrauben
Archivdoktor, 01.12.2010
Zitat von LelayaHaben die Initiatoren auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, mit was sie hier die Straßen beschallen? Oder gehen die davon aus, dass Passanten alle über 18 sind, wenn Wörter wie "rumgebumst" und ähnliches lautstark durch die Straßen geplärrt werden. Anstatt positive Aufmerksamkeit zu erwecken bringt man so die Leute höchstens dazu, sich erstrecht von diesem Thema abzuwenden.
Den Initiatoren ist das doch völlig egal!! Hauptsache, die Presse schreibt was darüber - und sie sind natürlich gaaaaanz wichtig!!! Hoffe, die Polizei schraubt auch die anderen Beschallungsgeräte ab und Aus die Maus!
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