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Welterbe Elbtal: "Ästhetisch nicht akzeptabel"

Dresdner CDU-Politiker wollen am Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke festhalten, auch wenn dadurch dem Elbtal der Entzug des Welterbe-Status droht. Die sächsische Akademie der Künste plädiert für einen Neu-Entwurf, der Kulturstaatsminister will einen Kompromiss.

Dresden - Die Stadt Dresden kündigte am Nachmittag an, im Stadtrat nach einer Lösung in der seit gestern neu entbrannten Debatte um die Waldschlösschenbrücke im Dresdner Elbtal zu suchen. Zur Diskussion stünden ein neuer Bürgerentscheid über die Elbquerung, eine Überarbeitung des Brückenentwurfes oder eine Entscheidung des Parlaments, die Brücke in der derzeitigen Form zu bauen und auf den Welterbetitel zu verzichten, sagte der Erste Bürgermeister Lutz Vogel (parteilos).

Die Bundesregierung kündigte an, sie wolle helfen, den Welterbe-Status des Elbtals zu erhalten. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, die Bundesregierung bedauere die Entscheidung der Unesco, dem Elbtal den Status des Welterbes abzuerkennen, sollte die Brücke gebaut werden. Die Regierung stehe derzeit in engem Kontakt mit dem Welterbekomitee sowie dem Freistaat Sachsen und der Stadt Dresden. Man bemühe sich, eine Lösung zu finden, die gewährleiste, dass ähnlich wie beim Kölner Dom der Status als bedrohtes Kulturerbe zurückgenommen werde.

Doch in Sachsen regt sich Widerstand: Die Entscheidung der Unesco sei momentan nicht nachvollziehbar, sagte der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo. Die Welterbe-Kommission sei bereits über die Pläne der Stadt Dresden für den Bau der Waldschlösschenbrücke informiert gewesen, als der Antrag zur Anerkennung des Elbtals als Welterbe-Stätte gestellt worden sei.

Geplante Waldschlösschenbrücke (Computersimulation): "Kein statisches Welterbe"
DPA

Geplante Waldschlösschenbrücke (Computersimulation): "Kein statisches Welterbe"

Aus seiner Sicht habe die Stadt bei der Antragstellung keinen Verfahrensfehler begangen, sagte der CDU-Innenminister und betonte, dass die Staatsregierung gegenüber der Unesco mehrfach klargestellt habe, dass die städtebauliche Entwicklung keineswegs abgeschlossen sei. Vielmehr sei das Obere Elbtal eine sich entwickelnde Kulturlandschaft. "Insofern muss es auch unter Anerkennung des Schutzstatus' möglich sein, städtebauliche Veränderungen, die auf moderne Bedürfnisse einer Großstadt zielen, vorzunehmen", sagte Buttolo. Daher hätte er sich auch gewünscht, dass der Bürgerwille ein größeres Gewicht bei der Entscheidung gehabt hätte, sagte er mit Blick auf den positiven Bürgerentscheid für den Bau der modernen Brücke.

Auch der Dresdner CDU-Vorsitzende Lars Rohwer verteidigte das umstrittene Projekt. Das Dresdner Elbtal sei kein statisches Welterbe, sondern müsse sich entwickeln. "Wir haben die Unesco schon bei der Antragstellung auf das Brückenprojekt aufmerksam gemacht", sagte er. Dresden sei mit diesem Projekt auf die Welterbe-Liste gekommen. Dass die Unesco "heute von ihrer eigenen Einschätzung nichts mehr wissen will, ist für uns ein Vertrauensbruch", sagte Rohwer.

Stadtratsmitglied Cornelia Ernst von der Linkspartei.PDS forderte unterdessen einen neuen Bürgerentscheid zum Brückenvorhaben, in dem die Bevölkerung zwischen der Waldschlösschenbrücke und der Bewahrung des Status als Welterbe abwägen könne. Der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Holger Zastrow, sagte, dass das Dresdner Elbtal auch ohne den Titel Weltkulturerbe nichts von seiner Attraktivität verlöre. Dresden werde weiterhin ein Touristenmagnet für Gäste aus aller Welt sein.

"Ästhetisch nicht akzeptabel"

Das Unesco-Welterbe-Komitee hatte gestern auf seiner Tagung in der litauischen Hauptstadt Vilnius das Elbtal auf die "Rote Liste" der besonders gefährdeten Welterbe-Stätten gesetzt. Durch den geplanten Brückenbau drohe dem Tal-Ensemble ein unumkehrbarer Schaden, hieß es zur Begründung.

Die Entscheidung kommt zur Unzeit für die sächsischen Politiker, denn der Dresdner Stadtrat wollte eigentlich auf einer Sondersitzung am 20. Juli die Bauaufträge für den Brückenbau vergeben. Laut einer Umfrage der "Sächsischen Zeitung" wollen 57 Prozent von 293 befragten Dresdnern auf die geplante Waldschlösschenbrücke verzichten, um Weltkulturerbe zu bleiben. Einen erneuten Bürgerentscheid zu dem Bauvorhaben lehnten 56 Prozent der Befragten ab.

Die Sächsische Akademie der Künste begrüßte heute die Entscheidung der Unesco. Die bisher geplante Elbquerung durch das Elbtal sei "ästhetisch nicht akzeptabel", sagte der Vize-Sekretär der "Klasse Baukunst" der Akademie, Jürgen Paul. Die Klasse sei nach wie vor für den Verzicht auf eine Brücke an dieser Stelle.

Die bisher vorgelegten Konzepte seien allesamt nicht durchdacht, sagte Paul. Zum einen habe man sich die breiteste Stelle der Elbe für die Brücke ausgesucht, zum anderen beruhe die ganze Planung auf falschen Verkehrsprognosen. Es sei überhaupt nicht klar, wohin der durch die Brücke von Norden angezogene Verkehr im Süden der Stadt dann gelenkt werden solle.

Sollte sich die Stadt dennoch für den Bau einer Brücke an dieser Stelle entscheiden, dann müsste ein völlig neuer, ästhetisch ansprechender Entwurf her, forderte Paul. Der jetzige Entwurf "ist das Banalste, was es gibt". Er machte sich dafür stark, in einem erneuten Wettbewerb die besten Brückenbauer der Welt einzuladen.

Auch der stellvertretende Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, Dietrich Offenhäußer, warnte davor, mit dem Bau der geplanten Waldschlösschenbrücke in Dresden zu beginnen. "Das schlimmste, was jetzt passieren könnte, wäre ein Baubeginn der Brücke", sagte Offenhäußer. Ein Baubeginn hätte die sofortige Aberkennung des Status als Weltkulturerbe zur Folge.

Es gebe aber Alternativen zur gegenwärtigen Situation, sagte Offenhäußer. Die Unesco habe sich nur gegen die jetzige geplante Variante der Brücke ausgesprochen, nicht generell gegen eine neue Elbquerung. Es sei jetzt Aufgabe aller Beteiligten, auch der Welterbe-Kommission der Unesco, eine neue Lösung zu finden. Man sei sich, so Offenhäuser, "der Probleme dieser Situation sehr bewusst",

Kulturstaatsminister Bernd Neumann empfahl den Landespolitikern am Nachmittag, ihre Planungen im Hinblick auf die Waldschlösschenbrücke " noch einmal zu überdenken, um den Status des Weltkulturerbes nicht zu gefährden". Neumann sagte: Ich empfehle der Stadt Dresden und der sächsischen Staatsregierung, mit dem Unesco-Welterbekomitee einvernehmlich einen Kompromiss zu suchen, der beiden berechtigten Anliegen gerecht wird."

bor/AP/ddp/dpa

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