Weltkulturerbe Kölner Dom Bedrohung von der blinden Seite

Der Kölner Dom, Monument christlicher Baukunst, hat ein sehr weltliches Problem: Ein Gebäudehauskomplex aus Büro- und Hoteltürmen will ebenso hoch hinaus wie die gotische Kathedrale. Das buchstäbliche Wirtschaftswachstum könnte den Dom allerdings den Status als Weltkulturerbe kosten.

Von Markus Böggemann


Kölner Dom: Ehrenplatz unter Schwellenländern
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Kölner Dom: Ehrenplatz unter Schwellenländern

Köln befindet sich seit heute in exklusiver Gesellschaft: Die Stadt am Rhein steht jetzt neben klangvollen Namen wie dem Minarett und den Ruinen von Jam in Afghanistan, der Ruinenstadt Butrint in Albanien und den Königspalästen von Abomey in Benin. Doch der Anlass dürfte die Kölner weniger freuen: Die genannten Kulturstätten stehen nämlich auf der "Roten Liste des bedrohten Weltkulturerbes" der Unesco - genau wie der Kölner Dom.

Der Ärger für die Rheinländer ist hausgemacht - und zeugt von einer recht laxen Auffassung in Sachen Kulturgut. Dabei kam die gothische Kathedrale erst 1996 auf die begehrte Liste, mit der die Unesco wichtige Kulturstätten der Menschheit ehrt.

Rechtsrheinisch, in Köln-Deutz, soll ein Hochhauskranz aus Büro- und Hoteltürmen entstehen, zu dem der deutschen Sektion der internationalen Denkmalpfleger-Vereinigung Ikomos nur ein Stichwort einfällt: "banal".

Weil in den Augen der Denkmalschützer die Betonklötze ein geschmackloses Gegengewicht zum zentralen Wahrzeichen der Stadt darstellen und der Dom durch die Hochhäuser zudem von der rechten Rheinseite aus teilweise verstellt würde, beschwerte sich Ikomos bei der Unesco. Schließlich sicherte die Stadt Köln dem Weltkulturerbe-Komitee noch 1996 den unbedingten Schutz des Domes und seiner Umgebung zu. Damals versprach man der Unesco, brav sämtliche städtische Planungen daraufhin zu untersuchen, ob sie den Dom in seinen Sichtachsen beeinträchtigen.

Aber die Kölner vergaßen schnell. Kaum hatte die Unesco die Kathedrale zu ihrem 750. Geburtstag mit dem Weltkulturerbe-Status geadelt, wuchsen die Hochhaus-Phantasien höher und höher: Zwischen 100 und 120 Meter sollte jetzt der Hochhauskranz mit dem RZVK-Turm werden, den der Gewinner des internationalen Wettbewerbs "ICE-Terminal Deutz", das Kölner Architektenbüro Jaspert Steffens Watrin Drehsen, rund um den Ottoplatz plant. Schließlich einigte man sich darauf, dass das RZVK-Haus stattliche 103 Meter in den Kölner Himmel ragen sollte.

Dabei wird auch das Dilemma der regierenden schwarz-grünen Koalition deutlich: Einerseits steht man bei der Unesco im Wort, andererseits soll der Komplex in Deutz eine wirtschaftliche Initialzündung für den Stadtteil bringen.

Die Unesco jedenfalls findet die Wirtschaftsförderung à la Köln gar nicht komisch - gestern Nacht entschied das Komitee im chinesischen Suzhou, dass der Dom auf die "Rote Liste" gehört. Damit kommen die Stadtväter zwar mit einer gelben Karte davon - peinlich dürfte der "Ehrenplatz" neben Schwellenländern wie Afghanistan und Benin allemal sein.

Vielleicht hatten die Kölner aber auch die schlichte Hoffnung, dass ein paar Hochhäuser in Deutz nicht weiter auffallen würden. Schließlich liegt Deutz auf der rechtsrheinischen Seite - und die wird in Köln ohnehin seit Jahr und Tag als "schäle Sick", als "blinde Seite", geschmäht.



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