Weltkulturgut Dresdner Elbtal Drunter, nicht drüber

Die Unesco hat das Dresdner Elbtal auf die Rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes gesetzt. Um den Status nicht zu verlieren, solle die Stadt Dresden die geplante Waldschlößchenbrücke nicht bauen, forderte die Kommission.

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Es gibt Visionen im Leben des Ingolf Roßberg, die sind nahezu atemberaubend. Er will, schwärmt Dresdens Oberbürgermeister, eines Tages mit dem Fußball-Bundesligisten Dynamo Dresden über die Waldschlößchenbrücke gehen. Das ist sein Traum.

Dresdner Elbtal: Grenzen für den Bürgersinn
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Dresdner Elbtal: Grenzen für den Bürgersinn

Das klingt, als würde jemand zwei Weltwunder in einem ankündigen. Die Dynamo-Kicker nämlich sind gerade aus der Zweiten Liga abgestiegen – und der Versuch eines Brückenschlages über die Elbe misslingt den Sachsen inzwischen in vierter Generation.

Die Dresdner haben die Frauenkirche rekonstruiert, das Fürstenhaus der Wettiner zurückgeholt und mit "König Kurt" zeitweise die Monarchie wiederbelebt. Doch an der sechsten Elbbrücke im Stadtzentrum, die den mit 26 Stundenkilometern zähfließenden Verkehr beleben soll, stößt der viel gelobte Bürgersinn endgültig an Grenzen.

Nach mehr als 100 Jahren Planung und über 13 Millionen Euro Vorlaufkosten beschäftigt der Jahrhundertbau noch immer keinen einzigen Bauarbeiter. Stattdessen aber das Auswärtige Amt. Inzwischen steht gar der Status als Weltkulturerbe auf dem Spiel. Heute setzte das Unesco-Welterbekomitee das Dresdner Elbtal wegen des Brückenprojekts auf die Rote Liste. Status: "besonders gefährdet".

Die romantische Aue am Waldschlösschen, in der schon Canaletto 1747 die Staffelei für seine berühmten Dresden-Ansichten aufbaut, regt früh die Phantasie der Planer an. Es gibt Brückenfans, die sehen im Generalbebauungsplan von 1862 erste zarte Vorboten für eine Elb-Überquerung an dieser Stelle. Tatsächlich, fand die Dresdner Architekturhistorikerin Heidrun Laudel nach wochenlangen Recherchen heraus, sei "in der allgemeinen Euphorie" nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 darüber nachgedacht worden, vorhandene Fährverbindungen durch Brücken zu ersetzen. In Dresden regiert der weltgewandte König Johann und gebaut wird an den Fährrouten tatsächlich – nur nicht am Waldschlösschen.

1900, es herrscht König Albert, erhebt sich eine Bürgerinitiative und verlangt wenigstens eine Fußgängerbrücke. Vergebens. Dem letzten sächsischen König, Friedrich August III., müssen die fruchtlosen Debatten in Erinnerung geblieben sein, ob man am Waldschlösschen nicht eine Brücke für die Eisenbahn bauen sollte. Jedenfalls dankt er später angeblich mit den Worten ab: "Macht euern Dreck alleene."

In den zwanziger Jahren wird wieder geplant, doch am weitesten treibt ausgerechnet die chronisch klamme DDR den Bau voran, die am Brückenkopf ihre Stasi-Bezirksverwaltung unterhält. 1988 beschließt sie den Bau der Brücke. Kurz darauf haben die Genossen ganz andere Sorgen: Der Plan geht mitsamt dem Staat die Elbe runter.

Aufgeben? Nicht in Dresden. 1992 bis 1995 gibt es neue Untersuchungen. Eine Brücke? Einen Tunnel? Oder gar nichts? 1996 endlich ein "Brückenworkshop" – der Stadtrat bekennt sich zur Waldschlößchenbrücke. Nach mehr als 100 Jahren gibt es 1997 ein erstes Siegermodell. Und es geschieht das Ungeheuerliche: Am 29. November 2000 setzt sich Oberbürgermeister Herbert Wagner an den Steuerknüppel eines gelben Baggers und hebt ein bierkastengroßes Loch in der Elbwiese aus. Es wird Glühwein ausgeschenkt, die Stimmung ist prächtig, und der Bürgermeister erfreut die Gäste mit der Losung des Tages: "Es gibt kein zurück mehr."

Wenn da nicht die Oberbürgermeisterwahl gewesen wäre. Der Neue hat Änderungswünsche, im Stadtrat herrscht Konfusion. Immer neue Varianten kommen ins Gespräch, Kritiker lassen jede Hemmung fahren. Der in den USA lebende Nobelpreisträger Günter Blobel, der fast eine Million Euro für die Frauenkirche und die Dresdner Synagoge spendete, droht mit dem Äußersten: der "endgültigen Emigration" aus Sachsen, wenn die Brücke gebaut werde.

Die Bürger, das Ziel vor Augen, sind unbeeindruckt. Im Februar 2005 stimmen per Bürgerentscheid 68 Prozent für die Überquerung. Baubeginn wird für März 2006 festgesetzt, schließlich ist 800-Jahr-Feier. Die Kosten sollen jetzt bei 157 Millionen Euro liegen – Frauenkirchen-Format. Doch der rührige Blobel ist viel auf Reisen. Etwa als Chairman beim L’Oréal-Preis der Unesco in Paris. Dort trifft Dresdens Förderer auf Welterbe-Chef Francesco Bandarin und erklärt ihm seinen Brücken-Kummer – schließlich ist das Elbtal 2004 als Weltkulturerbe anerkannt worden.

Die Reaktion aus Paris ist gewaltig: Die Brücke sei "nicht akzeptabel", schäumt Bandarin. Es müssten andere Lösungen her. Offenbar ging es beim Verfahren zur Aufnahme ins Weltkulturerbe zu wie einst beim legendären Turmbau zu Babel: babylonische Sprachverwirrung scheint dafür gesorgt zu haben, dass in Paris der schon damals angekündigte Brückenschlag nicht richtig ankam. Mit Baubeginn jedenfalls ist auch nach 100 Jahren nicht zu rechnen: Weil Bandarin vor "irreversiblen Entscheidungen" warnt, ist der Erdaushub verschoben.

Heute forderte das Komitee Deutschland dringend auf, das Bauvorhaben zu stoppen und nach alternativen Lösungen zu suchen, um den Schutz der Kulturlandschaft Dresdner Elbtal sicherzustellen. Der Präsident der Deutschen Unesco-Kommission, Walter Hirche, betonte, die Entscheidung des Komitees sei eindeutig: "Wir sind gut beraten, sie sehr ernst zu nehmen." Ein Baubeginn mit unveränderten Plänen hätte nunmehr mit großer Wahrscheinlichkeit den Verlust des Welterbetitels für Dresden zur Folge. "Dies wäre ein in der über 30-jährigen Geschichte der Welterbekonvention beispielloser Vorgang, der dem internationalen Ansehen Deutschlands als Kulturnation erheblich schaden würde", sagte Hirche.

Das Komitee wird im kommenden Sommer erneut über den Welterbestatus des Elbtals beraten. Die Stadt Dresden hat Zeit bis Februar 2007, dem Welterbezentrum einen Bericht über die ergriffenen Maßnahmen vorzulegen.



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