"Wer hat Angst vor Virginia Woolf" neu interpretiert Fegefeuer der Lebenslügen

Ein Fest für das Publikum: Schauspielhaus-Chefin Karin Beier inszeniert in Hamburg den Klassiker "Wer hat Angst vor Virgina Woolf?" - die Darstellerriege um Devid Striesow haucht dem Stück neuen Reiz ein.

Arno Declair

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"Fick die Hausfrau!" ist noch eine der gemütlichen Aufforderungen an diesem Abend der Spiele und Abstürze. Längst ist Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von 1962 textlich kein starker Theater-Tobak mehr - aber trotzdem kann sich bis heute niemand richtig dem Seelen-Striptease des Paars Martha und George entziehen. Seit der grandiosen Verfilmung, die Mike Nichols 1966 mit dem Traumpaar Liz Taylor und Richard Burton ablieferte, gehört das Stück zum Programm-Kanon. Denn die Rollen sind, wie es Devid Striesow vor der Premiere am Deutschen Schauspielhaus formulierte, bestes "Schauspielerfutter". Let the games begin!

Devid Striesow gibt an diesem Abend den frustrierten, vollalkoholisierten Provinzdozenten George, der am College von Marthas Vater das historische Seminar leitet. Maria Schrader, gleichfalls ein aggressives und stresserprobtes Frustbündel, bietet George routiniert Paroli. Ein gut austariertes Duo, mit dem Regisseurin Karin Beier mehr als richtig liegt. Der Zuschauer hat das Gefühl, dass Beier die beiden nur von der Leine lassen musste, um vollen Schwung für den Absturz zu nehmen. Nach der Uni-Party wird noch Besuch in Gestalt des jungen Paares Nick (Matti Krause) und "Süße" (Josefine Israel) erwartet. Die haben keine Ahnung von den Martha/George-Abgründen, zumal Nick als frischer Nachwuchs-Biologiedozent eine Karriere an der Provinzuni starten will. Die Schleimspur ist gelegt.

Kreischend und rückhaltlos

Von 0 auf 100 startet Karin Beiers Inszenierung, die Striesow und Schrader die volle Breite der spärlich ausgestatteten Bühne bietet (klug und akzentuiert gebaut von Thomas Dreissigacker). Sofort schickt die Regie die beiden auf den Parcours der Bitterkeiten, wohl wissend, dass die ersten dreißig Minuten über den Sog entscheiden, der das Stück über die 2 Stunden tragen muss.

Auch als Nick und Frau wenig später auftauchen, lässt dieser Fluss nicht nach. Die geschickt choreographierten Darsteller im fahlen Licht der damals modischen japanischen Papierlampen im Bühnen-Ganzen stützen den mitunter doch etwas angejahrten Text immer wieder. Doch was macht das schon, wenn ein kreischendes, rückhaltlos agierenden Paar vom Schlage der ständig Whiskey nachschüttenden Martha und George im Sumpf der angehäuften Frustrationen watet?

Abgründige Spiele

Langsam schält sich heraus: Es geht um Kinder. George und Maria haben einen nur in ihrer Fantasie existierenden Sohn, den sie als bequemen Hoffnungsgeber whiskeygleich über ihr wundes Gemüt gießen. Nick und "Süße" haben aufgrund einer Scheinschwangerschaft, Enttäuschung ein Aggressionspaket, das sie mit sich herumschleppen. Und so spielen alle ihre Spiele, abgründige Gesellschaftsspiele. Als Martha die Grundregel "Niemals über unseren Sohn mit anderen sprechen" bricht, rastet George aus, flieht aus dem Haus, kehrt bald zurück und startet die Beerdigung des imaginären Sohnes mit Blumen: "Flores para los muertos!" (Blumen für die Toten). Das Ende bahnt sich an.

So sehr Karin Beier ihre Akteure zu kochenden Crescendi und bis an die Grenzen gehenden, aufreizenden Rampen-Exzessen treibt, so kontrolliert reduziert sie nach den fast tödlichen Gefühls- und physischen Exzessen die Emotionen herunter. Martha und George sehen am Morgen nach dem "Tod" ihres Sohnes die Chance eines neuen Lebens miteinander. Berührend, trist, hoffnungsvoll.

Nach ihrem "König Lear" gelingt es Karin Beier einmal mehr, einen gealterten Text klug und effizient in intelligente Form zu gießen, ohne ihn gewaltsam neu zu interpretieren. Im sehr zurückhaltend und deshalb so wirksam akzentuiertem Licht (Annette ter Meulen) glühen die Emotionen des Schauspieler-Quartetts auf und verlöschen im traurigen Flackern. Wenn ein Theater-Finale solche enorme Empathie erzeugt, ist das beglückend.


"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" läuft unter anderem am 20., 21. und 25. Januar am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Weitere Termine finden sich hier.

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Seite 1
dasfred 19.01.2019
1.
Der Film, der von der Gestik der Darsteller und den Stimmen der deutschen Synchronsprecher lebt, gehört für mich zu meinen Top Ten aller Filme. Von diesem Stück gab es kurze Ausschnitte im Hamburger Journal. Sehr vielversprechend.
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