Werbung für Abtreibung Zellen schützen, Frauen quälen

Selbst ernannte "Lebensschützer" verteufeln Abtreibungen generell. Sei's drum. Dass Ärzte aber nicht öffentlich darüber informieren dürfen, ist absurd. Die Würde der Frau interessiert da niemanden.

Demonstration für sexuelle Selbstbestimmung
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Demonstration für sexuelle Selbstbestimmung

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Wenn Leute feministischen Fortschritt blockieren, weiß man manchmal nicht, was mit ihnen los ist: ob sie Angst haben oder irgendwas nicht verstanden, oder ob sie einfach nur anderen Menschen das Leben schwer machen wollen. Im Falle von Abtreibungsgegnern und selbst ernannten "Lebensschützern" trifft oft alles gleichzeitig zu.

Nun gibt es in Deutschland wieder eine Debatte um das Abtreibungsrecht, das immer noch beachtlich unzeitgemäß ist. Schwangerschaftsabbrüche sind rechtswidrig, aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Das allein ist absurd.

Selbst sachliche Aufklärung ist verboten

Zusätzlich gibt es einen Paragrafen, der "Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft" (§219a StGB) verbietet, wobei "Werbung" schon heißen kann, auf der Webseite einer Arztpraxis in sachlichem Ton darüber zu informieren, welche Abbruchsverfahren es gibt und dass man vor einer Vollnarkose nichts essen sollte.

Das heißt, Informationen, die zum Beispiel SPIEGEL ONLINE einfach auf seine Seite stellen kann, gelten als illegale Werbung, sobald eine Ärztin oder ein Arzt sie anbietet. Die Gießener Ärztin Kristina Hänel wurde deswegen im November zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie und viele andere kämpfen spätestens seitdem für eine Abschaffung des Paragrafen 219a. Ebenfalls für die Abschaffung sind Grüne, Linke und SPD (die allerdings nicht ganz so entschieden).

Union und AfD sind dafür, §219a zu behalten, die FDP will ihn ändern und nur "anstößige" Werbung verbieten (die jedoch in der Berufsordnung der Ärztinnen und Ärzte ohnehin schon untersagt ist, §27).

Zur Frage, ob eine beginnende Schwangerschaft abgebrochen werden sollte, kann man unterschiedliche Meinungen haben. Die Antwort hängt von vielem ab, unter anderem davon, wie die Befruchtung zustande gekommen ist und wie lange sie zurückliegt, wie die Lebenssituation und Gesundheit der Schwangeren ist und ab welchem Zeitpunkt man den Zellen in der Gebärmutter einen Status als Mensch zuspricht, außerdem davon, wie man generell über Sexualität denkt, ob man an Gott und/oder die Hölle glaubt, und was man glaubt, Menschen zumuten zu können.

Das Recht auf Informationen

Aber um all diese Fragen geht es in der aktuellen Debatte eigentlich nicht. Es geht nicht darum, ob Abtreibung möglich sein sollte oder nicht, sondern nur um die Frage, wie leicht eine schwangere Person Informationen bekommen sollte, um diese Entscheidung treffen zu können. Wie widersprüchlich sich Konservative und Rechte in dieser Frage verhalten, wird oft schon an den Begriffen deutlich, die sie verwenden.

Wenn sie für ein möglichst strenges Abtreibungsgesetz kämpfen, reden sie dabei oft mit großer Geste von Würde und Leben, emphatischer als bei jeder Flüchtlings- und Abschiebungsdebatte. Kreativ, wie sie dabei sind, begannen die Rednerinnen der CSU und der AfD ihre Beiträge in der Bundestagsdebatte am Donnerstag mit demselben Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Dabei beziehen sie sich aber nicht auf die schwangeren Menschen, sondern auf die Zellen in ihren Gebärmüttern, die sie schützen wollen.

Jede befruchtete Eizelle ist ihnen dabei wertvoller als die Freiheit einer Schwangeren, über ihren Körper selbst zu entscheiden. Man kann noch so viel über "ungeborenes Leben" reden - man respektiert bereits geborenes Leben nicht, wenn man es Menschen möglichst kompliziert macht, selbst zu bestimmen, ob und wann sie sich fortpflanzen.

Frauen werden wie launige Kinder behandelt

Oft nennen sich Abtreibungsgegner "Lebensschützer", wobei das zu schützende Leben nie das einer schwangeren Frau ist: Deren Leben soll, wenn sie überlegt, ob sie abtreibt, möglichst erschwert werden. Einen anderen Grund, erwachsenen Frauen Informationen vorzuenthalten, kann es nicht geben, außer man geht davon aus, Schwangere seien beeinflussbar wie Kinder, die die Süßigkeiten neben der Supermarktkasse haben wollen, weil sie gerade da liegen.

Apropos Kinder. Frauke Petry sprach im Bundestag davon, §219a mache sich "zum Anwalt der ungeborenen Kinder". Als würde es in den ersten Schwangerschaftswochen, um die es hier geht, schon ein Kind geben. Auch AfD-Rednerin Mariana Harder-Kühnel sprach in ihrer Rede von "100.000 Kindern, die auch leben wollten", und erklärte: "Die AfD steht für eine Willkommenskultur für Kinder". Man sollte sie in der nächsten Debatte um Familiennachzug daran erinnern.

Wer wirklich Politik für Kinder machen wollte, müsste Kinderarmut bekämpfen, Alleinerziehende unterstützen, Hartz IV abschaffen, marode Schulen sanieren, sich gegen Missbrauch einsetzen und Kindergartenplätze ernsthaft sicherstellen, aber man hört wenig davon bei Rechten und Konservativen. Bisweilen schieben sie stattdessen religiöse Gründe gegen Abtreibung vor, dabei steht es ihnen selbst natürlich zu jeder Zeit frei, aus religiösen Gründen sieben Kinder zu bekommen.

Eigenartig emotional, wenn es um Sex geht

Fast lustig ist, wie diejenigen, die sonst immer überall Verbote und Zensur wittern, beim Abtreibungsrecht schweigen. Fleisch essen, rauchen, Dieselautos, alles muss gerettet werden, aber Frauenrechte nicht unbedingt. Wo sind denn diejenigen, die sich dafür einsetzen, dass es "keine Sprech- und Denkverbote" geben dürfe, wenn der Staat Informationen auf Ärzte-Webseiten unterdrückt?

Aber so überraschend ist das nicht, denn Antifeministen und Antifeministinnen werden immer eigenartig emotional, wenn es um Dinge geht, die mit Sex oder Geschlecht zu tun haben. Sie sprechen von "Frühsexualisierung", wenn ihren Kindern in der Schule beigebracht werden soll, dass es Lesben und Schwule gibt, oder von "Homolobby", wenn sie feststellen, dass Homosexuelle öffentlich sichtbar sind. Sie fühlen sich bedroht, wann immer sie sehen, dass andere weniger verklemmt sind als sie selbst, und sie wollen Menschen bestrafen, deren Sexualität ihnen zu frei vorkommt. Man könnte Mitleid mit ihnen haben. Wenn sie nicht so elendig mächtig wären.

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insgesamt 128 Beiträge
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TLB 27.02.2018
1.
Zustimmung Frau Stokowski. Für mich als ehemaliger DDR-Bürger ist das Verhalten der Abtreibungsgegner sehr befremdlich. Da waren die Gesetze (in der DDR) doch schon mal einen erheblichen Schritt weiter.
noalk 27.02.2018
2. Warum sollten einzelne Ärzte im Web informieren dürfen?
Jede Frau hat die Möglichkeit, eine approbierte medizinische oder anderweitig diesbezüglich qualifizierte Fachkraft, bei Bedarf auch mehrere, aufzusuchen und sich die gewünschten Auskünfte dort einzuholen. Auch wenn ich kein Abtreibungsgegner bin und das Selbstbestimmungsrecht jeder Frau für selbstverständlich halte, denke ich doch, dass, wenn es um ungeborenes Leben geht, das WWW nicht unbedingt eine geeignete Informationsquelle darstellt.
rorro 27.02.2018
3. Die Absurdität liegt woanders
Ich muß wohl gestehen: ich gehöre auch - zumindest inhaltlich - zu den sog. "Lebenschützern" (was an diesem Begriff so selbsternannt sein soll, verstehe ich nicht. Dazu gleich mehr). Ärzte geloben weltweit "höchsten Respekt vor menschlichem Leben", hierzulande "Ehrfurcht" "von der Empfängnis an". Streng naturwissenschaftlich macht das auch Sinn - denn was da wächst, ist ein komplett und zu 100% eigener menschlicher Organismus - in Kurzform: Mensch. In verschiedenen Stadien, das ja, aber immer Mensch. Daß diese unterschiedlichen Stadien je nach Nationalstaat unterschiedliche Rechte genießen, ist so, aber wissenschaftlich nicht zu argumentieren. Es ist biologisch immer ein menschliches Wesen. Nun ist es in meinen Augen nicht verwerflich, menschliches Leben schützen zu wollen, egal in welchem Stadium, egal in welchem Alter (Lebensschützer setzen sich auch gegen Euthanasie ein, die Todesstrafe ist GottseiDank hier abgeschafft, sonst wäre das auch ein Feld). Dabei verlangt kein Lebensschützer, daß die Mutter (die sie - rein biologisch - ab Empfängnis ist, ob's gefällt oder nicht) das Kind auch behält - Liebe kann man nicht verordnen. Aber es als Fortschritt zu deklarieren, ungeborene Kinder zu töten, geht mir einfach nicht in den Kopf. ich unterstütze #MeToo, sehe auch eine Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen als wichtig an, bin gegen irgendeinen Gender Pay Gap (habe schließlich zwei Töchter) - aber Abtreibung als Fortschritt oder gar Recht? Das kann ich einfach nicht begreifen. Vielleicht habe ich im Medizinstudium zu viel Embryologie gelernt
dasfred 27.02.2018
4. Ob Abtreibung oder nicht
Die Entscheidung macht sich keine Frau leicht. Selbsternannte Lebensschützer behandeln Frauen, die sich nach reiflicher Überlegung zur Abtreibung entschieden haben oft als leichtfertige Person, für die eine Abtreibung so etwas wäre wie Pickel ausdrücken lassen bei der Kosmetikerin. Ich habe seit meiner Studentenzeit mehrfach Frauen ergebnisoffen bei ihrer Entscheidung begleitet und wenn diese Entscheidung pro Abtreibung getroffen wurde, dann niemals leichtfertig und in vollem Bewusstsein, dass es eine Entscheidung ist, die die Frau noch über Jahre verfolgt. Frauen sind keine Gebärmaschinen, die, einmal geschwängert, das Kind gefälligst auszutragen haben. Man könnte ja hinterher damit unfruchtbare Frauen glücklich machen ist dann der Gipfel der Verachtung. Diese Kolumne von Frau Stokowski mahnt, dass der konservative Teil der Bevölkerung noch immer der Frau die Mündigkeit abspricht und will ihr vom Zeitpunkt der Befruchtung die volle Sorge um einen Zellhaufen aufdrücken. Das Leben beginnt erst mit der Geburt. Für die Monate davor ist aus ethischen Gründen eine Grenze gezogen worden. Solange die Frau vor dieser Grenze steht, hat sie allein die Entscheidung über ihren Körper und das erfordert, dass sie auch alle Informationen bekommen muss, die sie braucht.
petrapanther 27.02.2018
5.
Zitat von noalkJede Frau hat die Möglichkeit, eine approbierte medizinische oder anderweitig diesbezüglich qualifizierte Fachkraft, bei Bedarf auch mehrere, aufzusuchen und sich die gewünschten Auskünfte dort einzuholen. Auch wenn ich kein Abtreibungsgegner bin und das Selbstbestimmungsrecht jeder Frau für selbstverständlich halte, denke ich doch, dass, wenn es um ungeborenes Leben geht, das WWW nicht unbedingt eine geeignete Informationsquelle darstellt.
Information wird nicht weniger zuverlässig, nur weil sie im elektronischen Format bereitgestellt wird. Gerade weil das Thema wichtig ist wäre es zu begrüssen, wenn schwangere Frauen sich jederzeit aus erster Hand und zuverlässiger Quelle (z.B. auf der Webseite des Hausarztes) informieren könnten. Die derzeitige Gesetzeslage ist hoffungslos anachronistisch und mehr als nur ein bisschen frauenfeindlich angehaucht.
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